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Historisches Museum Frankfurt Ausstellung: Wie das Vergessen die Erinnerung formt

Von Sina Weinhold

Zur Erinnerung gehört auch das Vergessen. Das Historische Museum Frankfurt will zeigen, wie sich das Bild der Erinnerung formt und dabei vieles unter den Tisch fällt. Die Ausstellung „Vergessen - Warum wir nicht alles erinnern“ zeigt 400 Objekte und damit Formen des Vergessens - sogar, was die Museumsbetreiber selbst im Laufe der Zeit vergessen haben.

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Historisches Museum Frankfurt

Bilder zur Ausstellung "Vergessen - Warum wir nicht alles erinnern"

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„Vergessen ist für ein Historisches Museum ein interessantes Thema. Weil man in einem Museum zunächst immer an das Erinnern denkt“, erklärt Kurator Kurt Wettengl die Entscheidung zu dem ungewöhnlichen Ausstellungsthema.

Auf dem Bild: Kodak Instamatic 200, pocket, 1972.

„Vergessen ist für ein Historisches Museum ein interessantes Thema. Weil man in einem Museum zunächst immer an das Erinnern denkt“, erklärt Kurator Kurt Wettengl die Entscheidung zu dem ungewöhnlichen Ausstellungsthema.

Auf dem Bild: Kodak Instamatic 200, pocket, 1972.

Wissenschaftlich gesehen gibt es in der Ausstellung viele Anknüpfungspunkte und damit auch Exponate. Etwa die Krankenakte von Auguste Deter aus den Jahren 1901 bis 1906. Deter ist die erste Patientin mit der Diagnose „Alzheimer“. Der Nervenarzt Alois Alzheimer hatte die nach ihm benannte Krankheit in der „Städtischen Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt entdeckt.

Auch Einkaufszettel, Kalendernotizen oder ein Tonbandgerät mit Aufnahmefunktion symbolisieren die zahlreichen Methoden gegen das Vergessen - und stehen damit auch für das Erinnern.

„Es war nicht leicht, überhaupt Objekte für eine Ausstellung zum Vergessen zu finden“, stellt Kurator Kurt Wettengl fest. „Sobald man ein Objekt hat, erinnert man sich ja eigentlich auch an bestimmte Dinge. Und jeder könnte leichthin sagen: Ja, inwiefern geht es hier denn eigentlich ums Vergessen?“

Auf dem Bild: Johann Vincent Cissarz, Porträt von Adolf Hitler, 1940. Übermalt nach 1945.

Einige der Kunstwerke sind deshalb eigens für die Frankfurter Ausstellung entstanden. 22 renommierte Künstler wurden eingeladen, sich mit dem Vergessen auseinanderzusetzen, darunter die französischen Installationskünstler Kader Attia und Christian Boltanski, die sich schon länger mit den Themen Identität, Vergänglichkeit und Erinnerung auseinandersetzen.

Auf dem Bild: Ferrotypie, Zur Erinnerung, um 1900.

Ihre Fotoarbeiten stehen für eine bestimmte Form der Erinnerungskultur. Während z.B. die Schnappschüsse von Familien im Nationalsozialismus eine heile Welt konstruieren, sagen sie gleichzeitig nichts darüber aus; welche Verbrechen die Abgebildeten mitzutragen fähig waren.

Beschädigte Schwarzweiß-Fotografie, Sammlung Siegfried Sander, Hamburg.

Zeigen lässt sich auch, dass im Museum selbst über die Jahre einiges vergessen wurde. Der amerikanische Zeichner, Objekt- und Installationskünstler Mark Dion hat in der Sammlung des Museums vergessene Objekte aufgespürt, deren Funktion man, so Kurt Wettengl, gar nicht mehr kenne. „Büsten, von denen wir nicht wissen, wen sie darstellen. Es gibt Objekte, die noch keine Inventarnummer haben und deshalb noch nicht in die Sammlung aufgenommen, aber eben auch nicht aussortiert sind.“

Auf dem Bild: Mirror Tracing Test

Das lässt Raum für Spekulationen. Ähnlich wie die Foto-Text-Arbeit „Paul M.“ von Jochen Gerz. Die schwarz-weißen Bilder, die an Luftaufnahmen von Städten erinnern, erzählen die Geschichte eines Mannes, der sich nicht erinnert, diese Bilder selbst gemacht zu haben, obwohl er sie nach einer Reise aus dem Fotolabor zurückbekommt.

Auf dem Bild: Mikrofilm mit fotografisch archivierten Dokumenten.

Ein Dokumentarfilm stellt die Amerikanerin Jill Price vor, die sich seit ihrer Kindheit an jeden Moment ihres Lebens erinnern kann. Erinnerung wird hier zu einer überwältigenden Bürde.

Auf dem Bild: Röntgenaufnahme des Bruders von Jill Price.

Vergessen entlastet eben auch, erklärt Kurt Wettengl. „Bei uns läuft ständig ein Filter für das, was wir an Gedanken aufkommen lassen wollen oder wegdrücken. Das bedeutet, dass wir unsere Erinnerungen ständig in eine Erzählung bringen, dabei vieles auslassen was uns jetzt unangemessen oder auch peinlich erscheint.“

Auf dem Bild: Tür aus der Frankfurter Siedlung Römerstadt, überwiegend mit Stickern der 1980er Jahre.

Durch die Frankfurter Ausstellung zu gehen, ist ein erstaunlich emotionales Erlebnis. Der Ärger über Vergessenes relativiert sich. Das Historische Museum durchleuchtet die Mechanismen des Sich-nicht-erinnern-könnens, macht das Vergessen zu einer unterschätzten Fähigkeit, an die man sich häufiger erinnern sollte.

Auf dem Bild: Haarandenken von 1868.

3:31 min | Di, 26.3.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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Ausstellung: Wie das Vergessen die Erinnerung formt

Sina Weinhold

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