Ausstellung "Russland in Europa - Europa in Russland" Baden-Baden feiert 200 Jahre Turgenev

Von Marie-Dominique Wetzel

Sieben Jahre hat Ivan Turgenev in Baden-Baden gelebt. Eine kurze Zeit. Und doch wurde der Dichter in diesen Jahren zum wichtigen kulturellen Vermittler zwischen Russland und Westeuropa. In Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg würdigt das Stadtmuseum Baden-Baden den 200. Geburtstag des großen Schriftstellers am 9. November mit einer Ausstellung über Turgenevs Wirken in der Kurstadt.

„Baden-Baden tut sehr gut – den Augen und der Seele“

„Es ist kraftvoll, jung – und zugleich poetisch und anmutig. Es tut sehr gut – den Augen und der Seele.“ So schwärmt Turgenev von Baden-Baden in einem Brief an den französischen Schriftstellerkollegen Gustav Flaubert - den er dann tatsächlich auch in den berühmten Kurort locken konnte.

Es sind solche Zitate aus Briefen, die überall in der Ausstellung an den Wänden hängen – und durch die der Besucher Turgenev in vielen Facetten kennen lernen kann, erklärt eine der Kuratorinnen, die Freiburger Slawistin Regine Nohejl.

Ausstellung "200 Jahre Ivan Turgenev" in Baden-Baden Wie sich Turgenev in Baden-Baden als Deutscher fühlte

Ausstellung "200 Jahre Ivan Turgenev" (Foto: Foto: Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden / Jesse -)
Ivan Turgenev hat sich nicht neu erfunden, als er nach Baden-Baden kam. Wichtige Themen seines schriftstellerischen Werkes hatte er bereits mitgebracht, darunter die Auseinandersetzung zwischen liberaler Erneuerung in Russland und der Verteidigung der vormodernen Tradition. Foto: Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden / Jesse - Bild in Detailansicht öffnen
Mit der Übersiedlung von Ivan Turgenev nach Baden-Baden begann ein reger Kulturaustausch zwischen Westeuropa und Russland in der Kurstadt. 1863 war der Schriftsteller seiner großen Liebe, Pauline Viardot, nach Baden-Baden gefolgt und schrieb Dostojewskij vier Jahre später, er habe sich in der Stadt endgültig niedergelassen und betrachte sich als Deutscher. Foto: Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden / Jesse - Bild in Detailansicht öffnen
Nicht von ungefähr reklamierte Turgenev gegenüber Dostojewskij Baden-Baden als seine neue, deutsche Heimat. In der Kurstadt spielte sein Roman "Dum" ("Rauch"), eine beißende Kritik am konservativen russischen Adel, der die Stadt an der Oos als neuen Urlaubsort entdeckt hatte. Dostojewskij stieß sich an dieser Kritik. In ihrem Streit wurden die beiden Dichter zu Protagonisten des liberalen beziehungsweise konservativen Russlands. Foto: Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden / Jesse - Bild in Detailansicht öffnen
Aber auch die Begeisterung Turgenevs für seine deutsche Wahlheimat ließ bald nach. Mit dem deutschen Kaiserreich, das gegen Frankreich Krieg führte, vermochte er nur wenig anzufangen. Nach 1871 folgte er den Viardots zunächst nach London, dann nach Bougival bei Paris. Foto: Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden / Jesse - Bild in Detailansicht öffnen
Erst als es Turgenev deutlich schlechter ging, kehrte er phasenweise nach Baden-Baden zurück, residierte dabei in den besten Hotels am Ort und galt bereits als der berühmteste Bürger der Stadt. 1883 starb er - allerdings nicht in der Kurstadt, sondern in Bougival. Bestattet wurde er in St. Petersburg Foto: Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden / Jesse" - Bild in Detailansicht öffnen

Eine Turgenev-Ausstellung, die wie ein Buch aufgebaut ist

Die Ausstellung im Stadtmuseum Baden-Baden ist aufgebaut wie ein Buch: Es gibt Kapitel zur gesellschaftlichen Situation im Russland des 19. Jahrhunderts, die Turgenev in seinen „Aufzeichnungen eines Jägers“ aufgreift und dabei gegen die Leibeigenschaft der Bauern anschreibt.

Oder zum Verhältnis vom Menschen zur Natur, von Idealismus und Materialismus, das Spannungsverhältnis, das Turgenev in seinem wohl berühmtesten Roman „Väter und Söhne“ beschreibt. Ein wichtiger Ausstellungsraum ist mit „Russland, wohin gehst Du?“ überschrieben.

Ratespiel, wer über Russland was gesagt hat

Bis heute prägt der Richtungsstreit zwischen Liberalen und Konservativen die Diskussion über das Verhältnis von Europa und Russland – hier wie dort. Die alten Diskussionslinien und damit verbundenen Klischees auf beiden Seiten deutlich zu machen, war den Kuratorinnen der Ausstellung besonders wichtig.

Im Erdgeschoss gibt es einen Saal mit einem Quiz, bei dem man raten muss, wer wann eine bestimmte Aussage über Russland gemacht hat – ein nettes Spiel, mit dem man sich selbst testen kann - mit überraschenden Erkenntnissen.

Turgenev machte vielen Autoren in Russland bekannt

Schön gestaltet ist auch der Raum, der Turgenev als wichtigen Literaturvermittler zeigt. In einem großen Netz hängen in der Mitte des Raums lauter Porträts von Schriftstellerkollegen: Russische Autoren, die er in Westeuropa bekannt machte sowie deutsche und französische Autoren, denen er Verleger und Übersetzer in Russland vermittelte.

Dass er dabei nicht nur kollegial war, sondern auch Kritik an den Werken anderer äußern konnte, beweisen bissige Zitate an der Wand.

Aus Liebe zu Pauline Viardot nach Baden-Baden gezogen

Dass Turgenev sieben Jahre lang in Baden-Baden blieb, hat einen einfachen und romantischen Grund: seine – wohl unerfüllte - Liebe zu der französischen Sängerin und Komponistin Pauline Viardot, die sich - mit ihrem Ehemann - in der Kurstadt niedergelassen hatte.

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