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Ausstellung Anfänge der Selbstinszenierung: „Schein oder Sein“ in Baden-Baden

Von Marie-Dominique Wetzel

Von Anfang an gehören zum bürgerlichen Leben Formen der Selbstinszenierung. Andere auf eigene Stärken aufmerksam zu machen, wird zur Notwendigkeit in der Leistungsgesellschaft. Die Anfänge dieser Entwicklung zeigt jetzt die Ausstellung „Schein oder Sein. Der Bürger auf der Bühne des 19. Jahrhunderts“ im Museum LA8 in Baden-Baden.

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Museum LA8

Bilder zur Ausstellung „Schein oder Sein“ in Baden-Baden

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Ist das nun ein Bürger in Uniform, der uns da stolz von der Fotografie anblickt oder ein Schauspieler in einer Bühnenrolle?

Auf dem Bild: Photoatelier E. Lange, Carte-de-visite. Um 1865, Fotografie aus Kopenhagen.

Ist das nun ein Bürger in Uniform, der uns da stolz von der Fotografie anblickt oder ein Schauspieler in einer Bühnenrolle?

Auf dem Bild: Photoatelier E. Lange, Carte-de-visite. Um 1865, Fotografie aus Kopenhagen.

Oder die junge Dame an einer Pappmaché-Ballustrade. Stand sie in einem der im 19. Jahrhundert so beliebten Fotoateliers - oder auf einer tatsächlichen Theaterbühne? Oft ist das gar nicht zu unterscheiden, denn der Bürger scheint vom Schauspieler gelernt zu haben.

Auf dem Bild: Georg E. Hansen (1833–1891), unbekanntes Modell. Carte-de-visite, Kopenhagen. Aus Privatbesitz.

Museumsdirektor Matthias Winzen: „Das Bürgertum theatralisiert sich. Die Bürger sind aus der alten Ständeordnung mit festen Lebensbahnen entlassen. Sie müssen in der neuen, frühmodernen Gesellschaft jetzt nicht nur ihre Leistung bringen. Sie müssen auch dafür sorgen, dass andere das merken. Sie stehen ja jetzt in Konkurrenz.“

Auf dem Bild: Emil Bieber (1878–1962), Adalbert Matkowsky (1858–1903) als Hamlet, um 1900, Fotografie.

Wie gelingt es nun, auf sich aufmerksam zu machen? Die Bürger suchen im 19. Jahrhundert noch nach ihrer Rolle und ihrer Position in der neuen Gesellschaftsordnung, nachdem sie den Adel immer mehr entmachtet haben. Es gilt, sich selbst neu zu erfinden, Regisseur des eigenen Lebens zu werden. Doch der Adel bleibt noch lange der Maßstab.

Auf dem Bild: Unbekannter Fotograf, Adelina Patti (1843–1919) als Juliette in Charles Gounods Roméo et Juliette, 1849, Fotografie.

Man sieht das schön an der Porträtmalerei des 19. Jahrhunderts: Bürger nehmen die gleichen Posen ein, ziehen kostbare Kleidung an. Im Hintergrund hängen kunstvoll geraffte Vorhänge. Nur der vornehm blasierte Gesichtsausdruck will nicht immer so gelingen – wie beispielsweise das Porträt einer reichen Bürgerin zeigt.

Auf dem Bild: Carl Teufel (1845–1912), Künstleratelier von Franz von Lenbach (1836–1904), Fotografie.

Auch die bürgerlichen Wohnungen werden zu Bühnen- oder Repräsentationsräumen. In der Ausstellung ist so ein Salon nachgebaut mit zierlichen Tischchen, kleinen Bronzefiguren, verschnörkelten Regalen, alles Dinge ohne wahre Funktion.

Auf dem Bild: Carl Teufel (1845–1912), Künstleratelier von Gustav Krausche (1850–1917), um 1890, Fotografie.

Interessant ist die Verknüpfung der privaten Bühnen mit den öffentlichen Bühnen, erklärt Museumsdirektor Matthias Winzen: „Im 19. Jahrhundert werden die Hoftheater zu Stadttheatern. Das Theater verbürgerlicht sich. Es kommt nicht mehr nur der traditionelle Bühnenstoff vor, Könige und große antike Tragödien, sondern auch die Gegenwart. Der Bürger spiegelt sich in seinem Alltag auf der Bühne.

Auf dem Bild: Anton Radl (1874–1852) nach Giorgio Fuentes (1756–1821), Bühnendekoration der Oper Palmira, Prinzessin von Persien, um 1810, kolorierte Aquatinta,

In der Ausstellung sind alte Bühnenbilder ausgestellt, in illuminierten Guckkästen und als Aquarelle – oder auch als begehbare Theaterbühne. Interessant sind die Zeichnungen und Modelle der ersten Bürgertheater. Indem sich die Logen gegenüberliegen, imitieren sie noch immer die alten Hoftheater, so die Kuratorin der Ausstellung, Irene Haberland: „Man schaut viel lieber auf die gegenüberliegende Loge und das, was sich dort abspielt, als auf das Bühnengeschehen.“

Auf dem Bild: Honoré Daumier (1808–1879), „Monsieur Colimard, wenn Sie nicht aufhören, die Tänzerinnen in so unverschäm­ter Art zu beäugen, gehen wir vor Schluss des Stückes nach Hause“,1864, Lithografie.

Mehr Interesse an der Gesellschaft als am Theaterstück - das sei noch die Tradition des Hoftheaters des 18. Jahrhunderts, so Irene Haberland: „Die Demokratisierung des Theaters findet in der Architektur erst Ende des 19. Jahrhunderts statt, mit dem Bühnenraum, wie er uns dann auch aus dem 20. Jahrhundert bekannt ist, gerade ausgerichtet auf die Bühne. Jeder Zuschauer verfügt über dieselbe Sichtqualität zur Bühne.“

Auf dem Bild: Anselm Feuerbach (1829–1880), Romeo und Julia, 1864, Öl auf Leinwand.

Es ist also nicht ganz einfach, sich neu zu erfinden und als selbstbewusster Bürger aufzutreten. Was hat zum Beispiel diese ganze Familie 1878 dazu getrieben, sich als Minnesänger zu verkleiden und dem Maler Carl Gehrts Modell im eigenen Salon zu sitzen?

Auf dem Bild: Carl Gehrts (1853–1898), Minnesänger in einer bürgerlichen Familie/Der Hofnarr. 1878, Öl auf Leinwand.

Kuratorin Irene Haberland sieht darin eine neue Form der Selbstfindung durch Selbstinszenierung: „Dieser Spaß am Rollenspiel ist eigentlich das, was man durch das gesamte bürgerliche Leben und den bürgerlichen Alltag immer wieder spürt. Das wurde teilweise ernstgenommen, vor allem aber mit einem Augenzwinkern betrachtet. Man begriff schon, was man da machte – und konnte es deshalb auch anders ausleben.“

Auf dem Bild: Honoré Daumier (1808–1879), „Betörend und jung bricht er alle Herzen; Göttlich ist er, nicht fühlend der Liebe Schmerzen“, (Phèdre, Tragödie in fünf Akten von Jean Racine), 1839, Lithografie.

3:56 min | Mi, 27.3.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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Anfänge der Selbstinszenierung: „Schein oder Sein“ in Baden-Baden

Marie-Dominique Wetzel

Zur Leistungsgesellschaft gehört immer auch Selbstinszenierung. Die Anfänge dieser bürgerlichen Kultur zeigt die Ausstellung „Schein oder Sein“ im Baden-Badener Museum LA8.


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