Ausstellung Der Wunsch zu fliegen: „ Körperphantasien“ von Rebecca Horn in Basel

Von Johannes Halder

Rebecca Horn zählt weltweit zu den prominentesten deutschen Künstlerinnen ihrer Generation. Als zu Beginn der 1970er Jahre die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper in den Vordergrund trat, stand sie in der ersten Reihe. Mit Aktionen, Filmen und Apparaten machte sie die Motorik des menschlichen Körpers zum Thema. Das Museum Tinguely in Basel hat sich ganz der Maschinenkunst verschrieben und widmet der 75-jährigen die große Werkschau „Körperphantasien“.

Ausstellung „Rebecca Horn. Körperphantasien“ im Museum Tinguely

0604 Ausstellung - Rebecca Horn. Körperphantasien - Museum Tinquely (Foto: Pressestelle, Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich)
1973 schnallte sich Rebecca Horn eine Maske vors Gesicht, die mit zwölf Bleistiften gespickt war. Mit heftigen Kopfbewegungen kratzte sie damit eine Zeichnung an die Wand, deren wilde Spuren sich als Ausdruck einer sprachlosen Wut deuten ließen.Auf dem Bild: Rebecca Horn, Bleistiftmaske, 1973 (Filmstill). 16 mm (digitalisiert), Farbe, Ton. Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
Im gleichen Jahr entwarf sie einen mit Bandagen am Körper befestigten Fächer aus weißem Stoff, der sich zu einer runden Scheibe entfaltet wie das Rad eines Pfaus. Der Ursprung ihres Werks, das den Körper mal einschränkt und knebelt, mal erweitert und befreit, liegt in ihrer Biographie.Auf den Bildern: Rebecca Horn, Weisser Körperfächer, 1972 (links). Weisser Körperfächer, 1973 (Filmstill). 16 mm (digitalisiert), Farbe, Ton (rechts). Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
Als Studentin hatte Rebecca Horn ungeschützt mit Polyesterabgüssen gearbeitet und sich dabei eine Vergiftung zugezogen, sagt die Kuratorin Sandra Reimann: „Wegen einer Lungenkrankheit war sie etwa ein Jahr im Sanatorium.“Auf dem Bild: Rebecca Horn, Übungen in neun Stücken: Federn tanzen auf den Schultern, 1974–1975 (Filmstill). 16 mm (digitalisiert), Farbe, Ton. Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
„Aus dieser Isolationserfahrung heraus“, so Sandra Reimann, habe Rebecca Horn angefangen, „sich mit ihrem Körper auseinanderzusetzen und Extensionen für Performer und andere Personen zu entwickeln, mit denen man sich auf den eigenen Körper konzentriert, auf die Motorik, auf die Wahrnehmung, auf die Sinnesempfindung des Körpers.“Auf dem Bild: Rebecca Horn, Messkasten, 1970, Fotografie. Pressestelle Museum Tinquely - Foto: Staatsgalerie Stuttgart/ 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
Federn und Flügel spielen anfangs eine große Rolle. Ihre Lieblingsthemen Fliegen und Flüchten übersetzt Rebecca Horn gerne in mechanisch bewegte Apparaturen, und gelegentlich schafft sie erotische Bilder mit poetischen Titeln.Auf dem Bild: Rebecca Horn, Zen der Eule. Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
Zu diesen Kunstwerken gehört beispielsweise „Die Paradieswitwe“: eine körpergroße Hülle aus schwarzen Federn, die sich öffnet und schließt und den Körper einer nackten Frau offenbart und wieder verbirgt. Auch wenn es die Frau selbst in Basel nicht zu sehen gibt.Hier auf dem Bild eine ähnliche Installation: Rebecca Horn, Die Pfauenmaschine, 1981. Pressestelle Museum Tinquely - Foto: Museum Ludwig, Köln/ 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
Ähnliches gilt auch für den sogenannten „Überströmer“ von 1970. Dabei verharrt ein nackter Mann auf einem gläsernen Podest, in ein Korsett aus transparenten Schläuchen gezwängt, durch die eine blutrote Flüssigkeit pulst. All das lässt sich nur anhand von Requisiten, Fotos oder Filmen nacherleben, nicht in Aktion.Auf dem Bild: Rebecca Horn, Überströmer, 1970. Zeichnung und Foto in der Tate Collection, London. Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
Sandra Reimann: „Wie Rebecca Horn Menschen mit Flügeln schlagen lässt, wie sich Federn ausbreiten, wie Blut im Körper zirkuliert, fand ich sehr spannend. Man sieht, wie sich dieses Thema bei ihr weiterentwickelt und kann sagen, dass sie die Bewegung von Menschen und Maschinen choreographiert.“Auf dem Bild: Rebecca Horn, Übungen in neun Stücken: Mit beiden Händen gleichzeitig die Wände berühren, 1974–1975 (Filmstill). 16 mm (digitalisiert), Farbe, Ton. Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
In der Tat zittert und wippt, tänzelt und fächelt es in der ganzen Schau, es wird geklappert, gespreizt, gedreht und geschwenkt. Oben an der Decke hängt eine ganze Batterie alter schwarzer Schreibmaschinen, in denen ein elektrischer Mechanismus in die Tasten tippt.Auf den Bildern: Rebecca Horn, Erika, 1992, Sammlung Zeitgenössische Kunst (links). Und: American Waltz, 1990, Daros Collection, Schweiz (rechts). Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
Da gibt es Malmaschinen, die Farbe und Tinkturen verspritzen, oder eine raumfüllende Installation: „Rio de la Luna“, Mondfluss, heißt sie. Quecksilber fließt wie flüssiges Mondlicht durch alchimistisch anmutende Apparaturen, durch Trichter, Schläuche und Röhren – ein magischer Kreislauf.Hier auf dem Bild: Rebecca Horn, Rotbrust, 1971 (Filmstill). 16 mm (digitalisiert), Farbe, ohne Ton. Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
An der Wand hängen zwei Glaskolben mit einer Violine. Ab und zu streicht der Bogen kurz und mechanisch über die Saiten, einem Seufzer gleich.Auf dem Bild: Rebecca Horn, Der Sonnenseufzer, 2006 Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
Rebecca Horns Werk steckt voller Körper-Symbole und Körper-Obsessionen. Dass die Künstlerin, diese bewegte Frau, seit einem Schlaganfall vor ein paar Jahren im Rollstuhl sitzen muss, teilweise gelähmt, ist eine bittere Ironie des Schicksals.Auf dem Bild: Rebecca Horn, Handschuhfinger, 1972, Fotografie. Pressestelle Museum Tinquely - 2019: Rebecca Horn/ProLitteris, Zürich Bild in Detailansicht öffnen
Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

„Rebecca Horn. Körperphantasien“ vom 5. Juni bis zum 22. September 2019 im Museum Tinguely, Basel.

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