Ausstellung Über Picasso hinaus: Die Künstlerin Dora Maar im Centre Pompidou

Von Kathrin Hondl

Die Fotografin und Malerin Dora Maar war weit mehr als eine der Geliebten und Musen von Pablo Picasso. In den späten 1930er Jahren porträtierte Picasso sie als „Weinende Frau“. Das Pariser Centre Pompidou dreht den Spieß um: Zu sehen ist jetzt das Kunst-Universum von Dora Maar - mit über 400 Werken aus der ganzen Welt. In der bislang größten Ausstellung zu Maar, die 1907 als Henriette Théodora Markovitch auf die Welt kam, erscheint Picasso als einer unter verschiedenen Ideengebern.

Ausstellung Über Picasso hinaus: Dora Maar im Centre Pompidou Paris

Foto-Porträt der Künstlerin Dora Maar, um 1937 (Foto: Pressestelle, Centre Pompidou - Foto: André Rogi)
Schon als Kunststudentin beeindruckte sie die Pariser Kunstszene nachhaltig. Für die Malerin Marianne Clouzot war Dora Maar schlicht die „Synthese der chicen Frau“. Und so malte sie sie auch: Eine junge elegante Frau mit modischem 20er-Jahre-Hütchen umgeben von den Symbolen einer coolen, optimistischen Moderne – rotes Rennauto, Eiffelturm, schwarze Jazzmusik.Auf dem Bild: Dora Maar um 1937 Pressestelle Centre Pompidou - Foto: André Rogi Bild in Detailansicht öffnen
Die schicke schöne Dora Maar macht schnell Karriere als Fotografin. Sie fotografiert Mode und Architektur, Kosmetikwerbung und erotische Frauenakte und erfüllt damit konventionelle und kommerzielle Erwartungen – mit einer gewissen surrealistischen Verspieltheit.Assia, Porträt 1934. Pressestelle Centre Pompidou - Foto: Dora Maar Bild in Detailansicht öffnen
„Das Alter lauert Ihnen auf“ heißt ein Projekt für eine Kosmetikwerbung: Über das makellose Gesicht einer jungen Frau legte Dora Maar ein Spinnennetz mitsamt Spinne. Auch in der Modefotografie war sie experimentierfreudig, sagt Kuratorin Karolina Ziebinska-Lewandowska: „Wir haben ein Foto entdeckt, das draußen aufgenommen wurde. Mode auf der Straße zu fotografieren, war damals alles andere als üblich. Das machte man eigentlich nicht.“Dora Maar: Mannequin um 1932-35 Pressestelle Centre Pompidou - Foto: Dora Maar Bild in Detailansicht öffnen
Die Stadt und ihre Menschen interessierten Dora Maar auch jenseits kommerzieller Projekte. In den Straßen von Barcelona, London und Paris fotografierte sie das Elend der Menschen im von der Wirtschaftskrise erschütterten Europa der 30er-Jahre. Pressestelle Centre Pompidou - Foto: Dora Maar Bild in Detailansicht öffnen
Ihre Fotografien offenbaren aber auch einen sehr humorvollen, poetischen und surrealistisch erotisierten Blick auf die Stadt. Wenn zum Beispiel das schmiedeeiserne Detail einer Seine-Brücke eindeutig zweideutig als Phallus erscheint über dem träge dahinfließenden Wasser.Dora Maar: Sans titre, 1935. Pressestelle Centre Pompidou - Foto: Dora Maar Bild in Detailansicht öffnen
Natürlich sind auch die berühmten surrealistischen Fotomontagen zu sehen: Eine Hand scheint aus einer Muschel, Kalbsköpfe aus einem Pariser Brunnen zu wachsen. Dann das mysteriöse „Portrait d’Ubu“ von 1936 – mutmaßlich das Foto eines Gürteltiers. Es wurde zu einer Ikone des Surrealismus. Und zwar bevor Dora Maar selbst zu einer Ikone der modernen Kunst wurde, als Muse und Modell des Jahrhundertkünstlers Pablo Picasso.Dora Maar: Portrait d'Ubu, 1936 Pressestelle Centre Pompidou - Foto: Dora Maar Bild in Detailansicht öffnen
Kuratorin Karolina Ziebinska-Lewandowska: „Picasso ist ein unangefochtener Star, als die beiden sich kennenlernen. Aber man muss sich klarmachen: Dora Maar ist da schon eine bekannte Fotografin. Sie ist noch keine 30, hatte schon Einzelausstellungen, wird mit Aufträgen überschüttet. Sie hat künstlerisch Karriere gemacht. Und das Interessante ist: Ihre Beziehung mag berühmt sein wegen der Porträts, die Picasso von ihr malte, aber es begann umgekehrt: Er kam in ihr Studio, und sie fotografierte ihn!“Dora Maar: Pablo Picasso Pressestelle Centre Pompidou - Foto: Dora Maar Bild in Detailansicht öffnen
Dora Maar fotografierte Picasso bei der Arbeit an seinem Meisterwerk „Guernica“. Die Liebesbeziehung mit Picasso war folgenreich. Während er sie wieder und wieder als „weinende Frau“ malte, beschloss die selbstbewusste und unabhängige Dora Maar das Fotografieren aufzugeben und ebenfalls zu malen. Porträts von Picasso, die aussehen wie Selbstporträts, so sehr ähnelt ihr Malstil dem des Geliebten. Stillleben.Pablo Picasso: Porträt von Dora Maar picture-alliance / Reportdienste - Foto: Fine Art Images Bild in Detailansicht öffnen
Die erfolgreiche Fotografin scheint in und hinter der Malerei Picassos zu verschwinden, ja, sich aufzulösen. Aber Schein ist bekanntlich nicht Sein. Nach dem Ende der Beziehung bleibt Dora Maar Malerin. Wir sehen Landschaften, geometrische Kompositionen - Bilder an und jenseits der Grenze zur Abstraktion. Werke einer widersprüchlichen Künstlerin, die manchmal selbst so paradox erscheint wie ihre berühmten surrealistischen Montagen.Dora Maar: Nature morte au bocal et à la tasse, 1945 Pressestelle Centre Pompidou - Foto: Philippe Migeat Bild in Detailansicht öffnen
Kuratorin Karolina Ziebinska-Lewandowska: „Es gibt so gut wie keine Interviews mit ihr. Sie kommentierte ihre Arbeit kaum. Aber es gibt einen Satz, da sagte sie, dass die Abstraktion eine Sackgasse sei. Was erstaunlich ist, wenn man sieht, was sie in den letzten 30 Jahren ihres Lebens gemacht hat, nämlich: abstrakte Bilder.“Dora Maar: Nature morte, 1941 Pressestelle Centre Pompidou - Foto: Audrey Laurans Bild in Detailansicht öffnen
Dora Maar bleibt ein Rätsel, auch nach dieser umfassenden und absolut sehenswerten Retrospektive, die ein für alle mal klarstellt: Diese Frau war so viel mehr als die „weinende Frau“ und die Muse Picassos.Dora Maar in ihrem Atelier, 1943 Pressestelle Centre Pompidou - Foto: Franck Raux/RMN-GP Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

„Dora Maar“ im Pariser Centre Pompidou, vom 5. Juni bis zum 29. Juli 2019.

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