Landesausstellung im Naturkundemuseum Stuttgart Leben im Bernsteinwald

Von Chiara Gröning

Bernstein als Beweisstück für die Evolution: Die ästhetisch anspechende Ausstellung „Leben im Bernsteinwald“ im Stuttgarter Naturkundemuseum dokumentiert Pflanzen und Tiere, die in atemberaubender Detailgenauigkeit seit bis zu mehr als 100 Millionen Jahren im Bernstein eingeschlossen sind. Ein Streifzug durch die Naturgeschichte, in einem Museum mit einer der größten und bedeutendsten Bernsteinsammlungen der Welt.

Harz als Beweisstück für die Existenz von Tieren und Pflanzen

Pech fürs Insekt, Glück für die Wissenschaft. Wenn Harz aus einer Wunde im Baum austritt und zufälligerweise eine unvorsichtige Kapuzenspinne umschließt, fängt die Geschichte des Insekts oft erst richtig an.

Das Baumharz härtet über Millionen von Jahren und wird so zu einem Beweisstück für Vorgänge in weit entfernter Zeit. Zu einem goldleuchtendenden Tropfen Bernstein, in dem sogar noch die Haarspitzen an den dünnen Spinnenbeinchen perfekt zu erkennen sind.

Landesausstellung im Naturkundemuseum Stuttgart Leben im Bernsteinwald

Leben im Bernsteinwald (Foto: Pressestelle, Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS)
Zuckmücke - Dominikanischer Bernstein Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Nasensoldat - Dominikanischer Bernstein Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Klaue eines gefiederten mutmaßlichen Sauriers - Burmesischer Bernstein Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Gottesanbeterin - Dominikanischer Bernstein Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Calyptothecium duplicatum - Dominikanischer Bernstein Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Buckelzikad - Dominikanischer Bernstein Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Im Bernsteinkabinett und in der Landesausstellung können die im Bernstein eingeschlossenen Tiere mit der Lupe eingehend betrachtet werden, die auch als Bild im Schaukasten vergrößert dargestellt sind. Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Verschiedene Bernsteine in der Dauerausstellung Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Blick durch die Lupe ins Bernsteinherz Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Darstellung des verschollenen Bernsteinzimmers Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen
Ausstellungsbereich "Leben im Bernsteinwald" im Naturkundemuseum am Löwentor in Stuttgart Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS Bild in Detailansicht öffnen

Seit bis zu 100 Millionen Jahren im Bernstein eingeschlossen

Der Biologe Arnold Staniczek erforscht diese Bernsteineinschlüsse am Naturkundemuseum Stuttgart und hat die Ausstellung „Leben im Bernsteinwald“ konzipiert: „Für uns sind das Faszinierende die Organismen, die im Bernstein eingeschlossen sind. Sogenannte Inklusen, also Pflanzen und Tiere, die in atemberaubender Detailgenauigkeit seit unter Umständen mehr als 100 Millionen Jahren im Bernstein eingeschlossen sind.“

Leben im Bernsteinwald (Foto: Pressestelle, Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS)
Nasensoldat - Dominikanischer Bernstein Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS

Ganze Ökosysteme lassen sich erschließen

Kapuzenspinne, Nasensoldat, Zuckmücke sind die Vorfahren heutiger Insekten und existieren nur noch gefangen im fossilisierten Harz. Evolution fast schon zum Anfassen. Ganze Ökosysteme erschließen sich dank der Inklusen.

Denn der Bernstein entstand in sogenannten Bernsteinwäldern, die zu den verschiedensten Zeiten an den unterschiedlichsten Orten der Welt existiert haben.

Bernstein-Inklusen aus drei verschiedenen Zeitaltern

Museumsdirektorin Johanna Eder: „Der Bernstein aus Myanmar ist ungefähr 99 Millionen Jahre alt und stammt aus einer Zeit, in der es noch Dinosaurier gegeben hat. Der baltische Bernstein ist ungefähr 40 bis 45 Millionen Jahre alt, der dominikanische Bernstein etwa 16 bis 20 Millionen Jahre alt und spiegelt tropische Wälder wider.“

Leben im Bernsteinwald (Foto: Pressestelle, Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS)
Im Bernsteinkabinett und in der Landesausstellung können die im Bernstein eingeschlossenen Tiere mit der Lupe eingehend betrachtet werden, die auch als Bild im Schaukasten vergrößert dargestellt sind. Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS

Durch einen prähistorischen Wald spazieren

Diese drei Bernsteinwälder und ihre Schätze können in der Ausstellung erforscht werden. Der Besucher bewegt sich durch eine Landschaft aus Raumaufstellern. Ohne Fototapete und Tannenbäume entsteht das Gefühl, durch einen Wald vorzeitlicher Bäume zu spazieren.

Dabei kann man die leuchtenden Originalobjekte, oft winziger als eine Streichholzschachtel, genau unter die Lupe nehmen. Darunter auch die Riesen unter den Kleinen: keine Insekten, sondern Wirbeltiere.

Leguane, Frösche und Saurier-Federn

Das sei eine Seltenheit, da sich größere Tiere sonst meist selbständig aus dem Harz befreien könnten, meint Arnold Staniczek: „Wir haben aus dominikanischem Bernstein 16 Millionen Jahre alte Leguane, Frösche. Spektakulär ist auch die Evolution der Vogelfeder, die wir aus burmesischem Bernstein nachvollziehen können. Da sind 100 Millionen Jahre alte Saurier-Federn und sogar Klauen eines Zyliosauriers zu bestaunen.“

Leben im Bernsteinwald (Foto: Pressestelle, Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS)
Klaue eines gefiederten mutmaßlichen Sauriers - Burmesischer Bernstein Pressestelle Naturkundemuseum Stuttgart - SMNS

Urzeitfliege in Fußballgröße

Die Bernsteinfunde werden in der Ausstellung um Einblicke in moderne Forschungsmethoden ergänzt. Spektakulär die Verwandlung der mikroskopisch kleinen Objekte in überdimensionale Nachbildungen. So modellieren die Forscher mit Hilfe eines ausgeklügelten Verfahrens eine Urzeitfliege in Fußballgröße.

Und natürlich kommt eine Bernstein-Ausstellung um das verschollene Bernsteinzimmer nicht herum. Eine Kopie in Puppenhausgröße gibt detailgenaue Einblicke in die Konstruktion des legendären Raumes. „Leben im Bernsteinwald“ ist ein Streifzug durch spannende Bernsteingeschichten - und auch ästhetisch sehr gelungen.

STAND