Ausstellung Jörg Immendorff im Haus der Kunst München Für alle Lieben in der Welt

Ausstellung Jörg Immendorff im Haus der Kunst München Für alle Lieben in der Welt

Für alle Lieben in der Welt (Foto: Haus der Kunst München - © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York)
Die pausbäckigen, poppig geröteten, braunen, gelben Babygesichter, die uns im ersten Saal begrüßen, sind pure Ironie. Der Künstler wollte dem Publikum mal was Gutes tun, was Liebes. So war das in den 1960iger Jahren, als Jörg Immendorff bei Joseph Beuys studierte und nicht nur mit schräger Malerei, sondern auch mit surrealen Happenings auf sich aufmerksam machte."Durch diese naiven Anfänge, die er ganz bewusst so gestaltet hat, wurden ihm malerische Fähigkeiten abgesprochen, die er im Lauf seiner Werkentwicklung sehr ausgeprägt kultiviert hat", sagt Kurator Ulrich Willmes. - "Für alle Lieben in der Welt", 1966, Öl auf Leinwand, 160 x 130 cm, Städtische Galerie Karlsruhe. Haus der Kunst München - © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
Malen konnte Jörg Immendorff durchaus, obwohl er 1966 ein Bild mit dem Titel „Hört auf zu malen“ gemalt hatte. Er nahm dann APO und Studentenbewegung so ernst, dass er der maoistischen KPD/ML beitrat und als Kunstlehrer an eine Düsseldorfer Hauptschule ging.Die sehr didaktischen, linksradikalen bunten Cartoons in Öl, die in dieser Zeit entstanden, arbeiten mit viel Text, zeigen Schüler, Marx und Stalin und sollten „im Dienst der arbeitenden Bevölkerung“ stehen. Das wirkt heute rührend, war aber anfangs der 70er Jahre sehr ernst gemeint. Es brauchte einen Sprung in die deutsche Geschichte, in die Hölle, in die Verzweiflung, um da wieder rauszukommen. - „Hört auf zu malen“, 1966, Kunstharz auf Leinwand, 135 x 135 cm, Collection Van Abbemuseum, Eindhoven. Haus der Kunst München - © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
Café Deutschland“: das sind insgesamt 12 expressiv gemalte, düstere, riesenformatige Bilder, die den Zustand des geteilten Landes zeigen – als Kneipen-, Theater-, Musik-, Bordell-Szenen. Helmut Schmidt sitzt am schwarzrotgoldenen Tisch, Bert Brecht schaut als Engel von oben ins Kneipendunkel, Immendorff selber streckt einladend eine Hand durch die Mauer.Immendorff hat immer den Kontakt zu anderen Künstlern gesucht, auch mit denen der DDR. Mit A.R. Penck war er befreundet, und im „Café de Flore“-Zyklus weitet sich das Panorama nun zu einem reinen Künstler- und Intellektuellen-Theater, zur Weltbühne. Das Höllenartige all dieser Etablissements ist verstörend, es zeigt auch etwas von der Dunkelheit dieser Zeit, in der die Systeme sich bekämpften und die RAF die Bundesrepublik verunsicherte. - Jörg Immendorff „Café Deutschland I“, 1978, Öl auf Leinwand, 282 x 330 cm. Haus der Kunst München - © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
Immendorff nimmt Bezug auf die Lebensreise, die Selbstüberhebung des Peer Gynt, er betreibt mit diesen Bildern Selbsterforschung und natürlich auch Selbstmystifikation. Sich selbst sah er in vielen Werken als emotionalen Maler-Affen. Deutschland wird einerseits in Form von Eisschollen geschildert, die Teilung des Landes wiederum wird als Naht ins Bild gebracht, als Riss, der geheilt werden kann.Jörg Immendorff „Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?“, 1973, Acryl auf Leinwand, 2-teilig, 130 x 210 cm. Haus der Kunst München - © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
Jörg Immendorff hat in seinem Leben viele Grenzen ausgetestet, sexuell, politisch, künstlerisch, drogentechnisch, und seine großen Panorama-Bilder haben noch heute eine unglaubliche Kraft."Eßt deutsche Äpfel", 1965, Dispersionsfarbe auf Leinwand, 100 x 100 cm, Sammlung Wild, Heidelberg. Haus der Kunst München - © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
Die letzten Werke, die seine Assistenten nach seinen Anweisungen gemalt haben, collagieren und fragmentieren auch ihn selbst, den Todgeweihten, Todkranken, in apokalyptische Szenerien.Ohne Titel, 2000, Öl auf Leinwand, 280 x 210 cm. Haus der Kunst München - © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner, Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
Immendorff war ein Aufständischer in einer sehr dunklen Zeit – und die Münchner Ausstellung macht das auf fast gewalttätige Weise erfahrbar.Jörg Immendorff "Die Lidlstadt nimmt Gestalt an", 1968 Kreide auf Holz 70 x 90 cm Austellung vom 14.9.18 bis 27.1.19 im Haus der Kunst München: Jörg Immendorff - Für alle Lieben in der Welt Haus der Kunst München - © Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York
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