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Ausstellung im Berliner Bauhaus-Archiv "Lucia Moholy – Die englischen Jahre"

Kulturthema am 6.10.2016 von Simone Reber

Über die Künstler des Bauhauses ist so viel publiziert worden, dass man kaum mehr Neues erwartet. Aber am Berliner Bauhaus-Archiv befinden sich die Nachlässe der berühmtesten Bauhäusler und dort tauchen immer wieder überraschende Entdeckungen auf. Der umfangreiche Nachlass der 1989 verstorbenen Fotografin Lucia Moholy zum Beispiel wird gerade aufgearbeitet. Zum Vorschein kam dabei eine völlig unbekannte Werkphase aus der Zeit der Emigration. Lucia Moholy lebte und arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann Laszlo Moholy Nagy fünf Jahre am Bauhaus, erst in Weimar, dann in Dessau. 1933 musste sie vor den Nazis fliehen und ließ sich in London nieder. Die Ausstellung "Lucia Moholy. Die englischen Jahre" zeigt nun die Arbeiten, die dort entstanden.

Das Licht fällt auf das graue, hochgesteckte Haar, auf die hohen Wangenknochen und den markanten Kiefer. Die leicht gekrümmte Nase, der Mund, die Augen sind verschattet. Lucia Moholys Portrait der Countess of Oxford and Asquith aus dem Jahr 1935 zeigt eine willensstarke, durchsetzungsfähige Frau. Die Fotografin war ein Jahr zuvor nach der Flucht aus Deutschland über Prag, Wien, Paris nach London gekommen. Das Bild der Countess brachte ihr den Durchbruch beim englischen Publikum, auch wenn die Auftraggeberin selbst wenig begeistert war.

"Es sind eigentlich genau die Teile, die man sonst im Porträt nicht sieht. Aber man sieht das Alter, man sieht auch Charakterzüge, und das arbeitet sie eben heraus. Die Countess selbst war ganz erschrocken, als sie die Bilder gesehen hat und hat ihr einen Brief geschrieben und gesagt: I hate your photographs but I still love you." Sibylle Hoimann

In der klaren und genauen Ausstellung "Lucia Moholy. Die englischen Jahre" stellt die Kuratorin Sibylle Hoimann den Portraits eine Serie mit Handstudien gegenüber.

"Das hat sie einfach fasziniert, wie Kopf und Geist zusammen gehen, wie sich das in den Händen widerspiegelt, wie sich vielleicht auch die Psyche widerspiegelt in der Art, in der die Hände gehalten werden." Sibylle Hoimann

In London erkundet die Fotografin die neue Umgebung, nimmt die Schornsteine auf oder das House of Parliament romantisch im Nebel. Während die Architekturfotos mit ihren Diagonalen und extremen Untersichten in der modernen Bildsprache des Bauhauses stehen, wirken die Stadtlandschaften wie Gemälde alter Meister.

"Wir waren selbst auch ganz erstaunt, als wir uns jetzt diesem Teil des Nachlasses, den wir ja auch noch nicht wirklich gehoben hatten, als wir den jetzt ans Licht gebracht haben. Welche Aufnahmen sie tatsächlich angefertigt hat. Sie betritt komplettes Neuland, z.B. mit diesen malerischen Aufnahmen von London und Cambridge, das ist nicht Lucia Moholy, wie wir sie kennen.

Lucia Moholy

Lucia Moholy, Health Centre Peckham, London, (Architekt: William Owens), 1933-1935 Neuabzug vom Originalnegativ, Markus Hawlik 2001 Bauhaus-Archiv Berlin © VG Bild-Kunst Bonn


Lucia Moholy, 1894 in Prag geboren, arbeitet zunächst als Redakteurin beim Rowohlt Verlag, heiratet 1922 Laszlo Moholy-Nagy. Die beiden entwickeln gemeinsam die experimentelle Bildsprache der Bauhaus-Fotografie. Lucia Moholy trägt mit ihren Portraits und Architekturfotos maßgeblich zur Außendarstellung der Schule für Gestaltung bei. Auch in London ist einer ihrer ersten Auftraggeber Walter Gropius, dem sie vor ihrer Emigration ihre Fotos anvertraut hat. Als sie die Bilder zurückfordert, kommt es zum Bruch.

"Er hat zunächst behauptet, dass das im Krieg verloren gegangen sei. Das hat sie auch wirklich lange geglaubt, bis sie das erste Mal stutzig wurde, als 1938 in einer großen MoMA Ausstellung zum Bauhaus Aufnahmen von ihr auch physisch verwendet wurden im Katalog. Und letzen Endes hat sie erst 54 eindeutig nachweisen können, dass das Material in seinen Händen ist und hat es zurück verlangt." Sibylle Hoimann

Aus den vierziger Jahren sind kaum Bilder erhalten, Lucia Moholy wird ausgebombt, will zu den Kollegen nach Chicago emigrieren, die amerikanisch Botschaft lehnt ihr Gesuch wird ab mit der Begründung, sie habe beruflich nicht genug vorzuweisen. Die Rückschläge verändern sie.

"Sie war sowieso eine eher ernsthafte Person, glaube ich, die es nicht leicht hatte, aber danach war sie wirklich sehr verbiestert fast und hat sehr viel gestritten." Sibylle Hoimann

In ihrer kunsthistorischen Publikation "A hundred years of photography", die zur Ausstellung in der deutscher Übersetzung erscheint, veröffentlicht Lucia Moholy auch ihr bahnbrechendes Portrait der Countess of Oxford aus dem Jahr 1935. Wenn andere ihr die Anerkennung verweigern, schreibt sie sich eben selbst ein in die Geschichte der Fotografie.

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