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"Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas" im Stadthaus Ulm Das Schicksal der geraubten Mädchen

Von Timo Staudacher

Als die Terrorgruppe Boko Haram 2014 in Nigeria knapp 280 Schülerinnen aus einer Schule entführte, ging ein Aufschrei um die Welt. Doch kaum jemand nimmt davon Notiz, dass die Entführungen weitergehen. Die Ausstellung „Die geraubten Mädchen. Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas“ im Stadtmuseum Ulm hält die Erinnerung daran lebendig. Der Fotograf Andy Spyra und der Journalist Wolfgang Bauer haben geflüchtete Mädchen unter schwierigen Bedingungen porträtiert.

Großformatige Schwarzweißbilder von emotionaler Wucht

Agnes war 25 Jahre alt, als ihr Porträt entstand. Die junge Frau trägt einen Schleier, schaut ausdruckslos zur Seite. Auf ihrem Schoß ein kleines Baby. Der Vater ist ein Boko-Haram-Kämpfer, der sie während der Gefangenschaft vergewaltigt hat. Im Ulmer Stadthaus reiht sich ein Porträt an das nächste. Im kühlen architektonischen Umfeld des Museums entfalten die großformatigen Schwarzweißbilder eine emotionale Wucht.

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Ausstellung im Stadthaus Ulm

Boko Haram und die geraubten Mädchen

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Lydia ist Christin. Sie war drei Wochen in Boko Haram-Gefangenschaft, wurde schließlich von der nigerianischen Armee befreit.

Lydia ist Christin. Sie war drei Wochen in Boko Haram-Gefangenschaft, wurde schließlich von der nigerianischen Armee befreit.

In der kleinen staatlichen Volksschule von Gwory (Adamawa State) besuchen muslimische und christliche Schüler dieselben gemischten Klassen.

Der Christin Clara gelang die Flucht nach vier Monaten Gefangenschaft, unmittelbar bevor sie mit einem Boko-Haram-Kämpfer verheiratet werden sollte.

Nigeria, Kano, im Februar 2014. Mitglieder der Nigerianischen Sicherheitskräfte schützen die kath. Kirche St. Rita. Von hier wurden Frauen von den Boko Haram verschleppt.

Im Flüchtlingslager Guibo am Rande von Maiduguri leben rund 20.000 Menschen. Sie stehen Schlange, um ihre tägliche Portion Reis und Suppe zu bekommen.

Die acht Monate alte Afinik verlor ihren linken Arm bei einem Boko-Haram-Angriff auf die christliche Stadt Chakawa.

Nigeria, Kano, im Februar 2014. Sonntagsgottesdienst in St. Rita.

Das Leiden geht weiter

Selbst nach Flucht und Befreiung geht für die Mädchen das Martyrium weiter. Von Vergessen kann keine Rede sein. Nach einer Station in sogenannten Deradikalisierungscamps kommen sie zurück in ihr Heimatdorf, wo ihnen oft schlimme Vorwürfe gemacht werden. "Du warst bei Boko Haram, du bist böse, wir wollen Dich hier nicht haben."

Das bekommen die Mädchen in ihrem Heimatdorf zu hören, so der Fotograf Andy Spyra. "Noch schlimmer ist es, wenn die Frau ein Kind bekommen hat, durch eine Vergewaltigung in diesen Lagern von Boko Haram. Dann wird oft damit gedroht, die Mutter und das Kind oder manchmal nur das Kind umzubringen, weil sich da archaischer Glaube und ein animistisches Menschenbild mischen - der Glaube, das Kind habe das reine Böse in sich, das wolle man hier nicht haben."

"Nigeria, Kano, Februar 2014. Sonntagsgottesdienst in St. Rita". Ausstellung: "Die geraubten Mädchen. Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas". Stadthaus Ulm, September 2018

Nigeria, Kano, im Februar 2014. Sonntagsgottesdienst in St. Rita.

Entführung war ein reales Risiko

Als Andy Spyra 2015 zusammen mit dem Zeit-Journalisten Wolfgang Bauer in Nigeria war, um die geraubten Mädchen zu porträtieren, gingen sie ein großes Risiko ein. Nigerianische Journalisten stellten den Kontakt zu den Frauen her und begleiteten die deutschen Kollegen auch zu den Interviews.

Sie sagten beiden auch, wann sie besser wieder gehen sollten. Und zwar immer dann, wenn sich Menschentrauben um den Interview-Ort herum bilden und Männer im Hintergrund zu telefonieren beginnen. Die eigene Entführung war immer ein reales Risiko.

"Clara, 16. Nigeria, Juli 2015"  Ausstellung: "Die geraubten Mädchen. Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas". Stadthaus Ulm, September 2018

Der Christin Clara gelang die Flucht nach vier Monaten Gefangenschaft, unmittelbar bevor sie mit einem Boko-Haram-Kämpfer verheiratet werden sollte.

Porträt in der Dunkelkammer

Um das Risiko zu minimieren fertigte Spyra die Porträts in speziell eingerichteten, abgedunkelten Räumen an. "Ich hatte mir dann auf einem Markt in Nigeria ein schwarzes Stofftuch besorgt, zwei mal zwei Meter, das dann hinter den Frauen hochgehalten wurde. Auch der Raum war dunkel, die Fenster waren abgedunkelt. Ich habe die Frauen gebeten, sich ans Fenster zu setzen. Sie kamen einzeln herein, saßen auf einem Stuhl vor mir, im ganz dunklen Raum, und haben sich von mir fotografieren lassen."

Herausgekommen sind 25 großformatige Porträts die halb im Dunkel verschwinden, halb aus dem Dunkel auf den Betrachter zukommen. Gesichter von Menschen, die gepeinigt und gedemütigt werden und wurden. Ihr Gesichtsausdruck ist leer und geprägt von Scham über das ihnen zugefügte Leid.

Es wird nicht das letzte Mal sein

Zweimal war der 34-jährige Fotograf Spyra in Nigeria, hat dort einige Monate verbracht. Für ihn wird es nicht das letzte Mal sein, weil es ein herausforderndes Thema ist, das sich auf vielen Ebenen abspielt: nicht nur auf der Ebene des Terrors, sondern auch im Zusammenleben von Ethnien und von Nationalstaaten, sagt Andy Spyra. Für ihn geht es auch um die Frage, wie die Weltgemeinschaft Staaten, die sich nicht selbst stabilisieren können, helfen kann, damit der Terror nicht so eskaliert.


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