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"Almost alive" | Ausstellung über hyperrealistische Kunst in Tübingen Der Mensch in fragwürdigster Gestalt

Am 20.7.2018 von Christian Gampert

Der Hyperrealismus beginnt mit den US-amerikanischen Bildhauern Duane Hanson und John DeAndrea. Sie schufen in den 1960iger Jahren täuschend echte Figuren - und damit eine neue Ära. Die Tübinger Kunsthalle zeigt nun hyperrealistische Skulpturen. „Almost alive“, „fast lebendig“ sind diese Figuren. Selten wurde der von Menschen erschaffene Mensch in derart fragwürdiger Gestalt gezeigt.

Almost Alive Kunsthalle Tübingen

Ron Mueck: A Girl, 2006

Wie eine echte Frau, die zu schlafen scheint

Im Café der Tübinger Kunsthalle sind Nymphen des klassizistischen Bildhauers Johann Heinrich Dannecker zu sehen. Bei großzügiger Betrachtung könnte man auch sie der Ausstellung "Almost alive" zurechnen.

Doch die Freizügigkeit der beiden in Stein gemeißelten, mythischen Frauenkörper wird bei weitem übertroffen von der nackten Schönen von John DeAndrea im ersten Saal, die mit leicht gespreizten Schenkeln wie eine echte, berührbare Frau mitten im Museum zu schlafen scheint.


Erotische Körperlichkeit als Provokation

Pure, reale, oft auch erotische Körperlichkeit als Provokation: Das war das Programm der ersten Generation von Hyperrealisten. Die gezeigte Figur ist zwar von 2016, aber DeAndrea hat schon in den siebziger Jahren am Schreibtisch lehnende, offenbar sexuell ziemlich befreite Pin-ups produziert – für das Publikum damals ein Schock.

Duane Hanson brachte den Way of Life in Misskredit

In den 1960iger und 70iger Jahren waren es vor allem die lebensecht wirkenden Skulpturen von Duane Hanson, die den amerikanischen Way of Life gründlich in Misskredit brachten: fettleibige Touristen im Hawaii-Hemd, peinliche Cowboys und gelangweilte Hausfrauen mit Lockenwicklern, perfekt abgeformt und gekleidet – das war beißende Sozialkritik, irgendwo zwischen Mitleid und Ironie.


Der Körper als letzte verlässliche Instanz

Seitdem hat sich einiges verändert, sagt Kunsthallendirektorin Nicole Fritz. Mit der Digitalisierung der 1990iger Jahre sei auch das Bewusstsein für den eigenen Körper gewachsen. "Es gibt sehr viele hyperrealistische Skulpturen, die Selbstporträts sind. Das führe ich darauf zurück, dass wir jetzt eine viel größere Sensibilität für diesen Körper als Orientierungskörper haben, als letzte Instanz, auf die wir uns verlassen können."

Techniken aus der Maskenbildnerei der Filmindustrie

Während George Segal in den 70iger Jahren seine anonymisierten Körper noch mit Gipsbinden abformte, mit Bronze oder Kunstharz ausgoss und dann monochrom bemalte, kommen heute ganz andere Techniken zum Tragen, die oft aus der Maskenbildnerei der Filmindustrie stammen, manchmal auch aus dem christlichen Brauchtum.

Almost Alive Kunsthalle Tübingen

Zharko Basheski: Ordinary Man, 2009-10

Menschenkörper aus Silikon und Kunstharzen

Die leidenden oder schon verwesenden Figuren der Berlinde de Bruyckere zum Beispiel – memento mori – sind aus Wachs geformt: die Haut wirkt fast durchsichtig. Dagegen würden Ron Mueck und die amerikanischen Künstler ganz neue Materialien verwenden, so Nicole Fritz. "Silikon beispielsweise, Kunstharze. Sie formen auch nicht direkt vom Körper ab, sondern verändern teilweise die Proportion."

Das schutzbedürftige, zerknautschte Monster-Baby von Ron Mueck etwa, ein armer Wurm im Riesenformat, ist in einem komplizierten Verfahren hergestellt. Und doch geht es dem Künstler mehr um die innere Befindlichkeit des Frischgeborenen, das nun Objekt medizinischer und pädagogischer Maßnahmen werden wird.

Almost Alive Kunsthalle Tübingen

Ron Mueck: A Girl, 2006

Alter und Tod spielen entscheidende Rolle

Das Alter und der Tod spielen eine große Rolle in dieser verrückten, verstörenden Schau: in den verkleinerten Figuren von Sam Jinks oder in dem sich mit zärtlicher Resignation ineinanderschmiegenden alten Paar von Marc Sijan.

Woman and Child, 2010

Woman and Child, 2010,Courtesy Sam Jinks, Sullivan+Strumpf, Sydney und das Institut für Kulturaustausch, Tübingen

Körperfragmente wachsen aus der Wand

Das Unheimliche tritt uns in den Körperfragmenten entgegen, die bei Robert Gober aus der Wand wachsen – und bei Maurizio Cattelan sogar die Hand zum Hitlergruß erheben.

Die zur Scheibe verzerrten Gesichter des Evan Penny und die zwischen Mensch und Tier gekreuzten Hybridwesen der Australierin Patricia Piccinini erinnern uns daran, dass wir alle längst Objekte von Genforschung und biologischem Verbesserungswahn sind.

Courtesy of D.Daskalopoulos Collection Robert Gober

Courtesy of D.Daskalopoulos Collection Robert GoberBienenwachs, Baumwolle, Leder, Aluminium-Zuglaschen und Echthaar

Selten wurde der Mensch in so fragwürdiger Gestalt gezeigt

Der von Menschen erschaffene Mensch wurde selten als so fragwürdige Gestalt gezeigt wie in dieser Ausstellung. Die täuschend echten Figuren geben sich, bei näherer Betrachtung, allesamt als künstliche Wesen zu erkennen.