"Almost alive" | Ausstellung über hyperrealistische Kunst in Tübingen Verstörende Illusion der Körperlichkeit

Am 12.7.2018 von Tobias Ignée

„Almost Alive“ – „fast lebendig“ erscheinen die Skulpturen, die seit dem 20. Juli in der Kunsthalle Tübingen zu sehen sind. Es ist die erste Ausstellung zur Entwicklung hyperrealistischer Skulpturen im 20. und 21. Jahrhundert. Sie ist in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kulturaustausch entstanden, das die Exponate zuvor in den Niederlanden, Australien und Mexiko gezeigt hat. Tobias Ignée war bei den Aufbauarbeiten in der Kunsthalle dabei.

Riesenbaby: „A Girl“ von Ron Mueck wiegt 500 Kilo

Mit Drehmomentschlüssel und Schraubenzieher rücken Mitarbeiter der „National Gallery of Scotland“ dem gerade geborenen Baby zu Leibe und betten es auf einem Sockel. Die Skulptur mit dem Titel „A Girl“ vom australischen Künstler Ron Mueck ist die mit Abstand größte in der Ausstellung.

Kunsthallenchefin Nicole Fritz ist erleichtert und ganz im Glück: „Das war eine schwere Geburt, weil wir es im wahrsten Sinne des Wortes holen mussten, über mehrere Etappen, bis es im letzten Ausstellungsraum landet. Es ist eine Riesenkiste gewesen, fünf Meter lang. 500 Kilo wiegt diese Skulptur. Ron Mueck war für mich auch ein Wunschkünstler für diese Ausstellung, und das ist natürlich ein fantastisches Exemplar.“

Almost Alive Kunsthalle Tübingen (Foto: National Galleries of Scotland, © Ron Mueck, Scottish National Gallery of Modern Art. Erworben mit der Unterstützung des Art Fund 2007 -)
Ron Mueck: A Girl, 2006 National Galleries of Scotland, © Ron Mueck, Scottish National Gallery of Modern Art. Erworben mit der Unterstützung des Art Fund 2007 -

Angst vor maßlosen Neuerungen

Nicole Fritz: „Da passt eben diese Skulptur vorzüglich, denn sie verbildlicht letztlich auch ein bisschen die Angst, die einen beschleichen kann, angesichts dieser neuen Möglichkeiten des Menschen, schöpferisch tätig zu sein und auch teilweise maßlos Neuerungen in die Welt zu bringen.“

Nackte Frau aus der Kiste: als würde sie schlafen

Inzwischen sind auch die anderen Skulpturen eingetroffen und werden per Lastenaufzug in den Hauptausstellungsraum transportiert. Zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Stefanie Wenzel geht Nicole Fritz den Plan durch, welche der über 30 Holzkisten wohin kommt.

Einige der Kisten müssen mit Muskelkraft in den unteren, ersten Ausstellungsraum gebracht werden. Dort sollen die Skulpturen der US-amerikanischen Künstler der 60er Jahre ihren Platz bekommen. Von John DeAndrea ist es etwa eine liegende, nackte, zarte junge Frau, die da aus der Kiste gehoben wird. Sie sieht aus, als würde sie gerade schlafen.

Als würde man einen Sarg öffnen

„Es ist in der Tat verblüffend“, meint die Chefin der Kunsthalle, „durch diesen hyperrealistischen Effekt. Almost alive, fast lebendig. Man hat einen Moment der Irritation. So etwas dann auch aus einer Kiste, wie aus einem Sarg, herauszuholen - das ist schon etwas Besonderes.“

Es ist ein Beispiel für die perfekte Illusion menschlicher Körperlichkeit. Zusammen mit Duane Hanson gehört DeAndrea zu den Pionieren des Hyperrealismus. Ganz anders der australische Künstler Sam Jinks. Auf seine Skulptur mit dem Titel „Woman and child“ freut sich Nicole Fritz besonders und kann es kaum erwarten, bis sie ausgepackt ist: Eine alte Frau im Nachthemd hält einen Säugling im Arm.

Obwohl realistisch wirken die Skulpturen verfremdet

„Irritierend ist hier“, erläutert Nicole Fritz, „dass nicht die normale Körpergröße abgeformt ist vom lebenden Menschen, sondern dass es hier von der Größe her Verfremdungseffekte gibt, dass man es hier ganz bewusst kleiner gemacht hat als ein normaler Mensch.“

Hier schließt sich der Kreis. Obwohl die Skulpturen in der Ausstellung vom Augenaufschlag bis zum Fingernagel täuschend echt aussehen, spielen sie auf ganz unterschiedliche Weise mit unserer Wahrnehmung. Sie ziehen an, stoßen ab und verwirren, regen aber auch an, über die eigene Existenz nachzudenken.

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