Sonderschau „Abgestaubt“ Tübinger Stadtmuseum erforscht Herkunft seiner Kunstwerke

Von Tobias Ignée

Zu seinem 25-jährigen Jubiläum ergründet das Tübinger Stadtmuseum in einer Sonderschau unter dem Titel „Abgestaubt“ die Provenienz seiner eigenen Kunstwerke. Dabei wird akribisch der eigene Bestand erforscht, verwoben mit Ergebnissen zur teils komplizierten Herkunftsgeschichte der Exponate.

Sonderschau "Abgestaubt" im Stadtmuseum Tübinger Ausstellung zur Herkunft eigener Kunstschätze

"Abgestaubt" im Stadtmuseum Tübingen (Foto: Pressestelle, Stadtmuseum Tübingen -)
Viele der rund 50.000 Exponate der Ausstellung „Abgestaubt“ sind lange nicht mehr oder noch nie gezeigt worden. Wie sind die Objekte ins Museum gekommen? Oder dem Museum entkommen? Erläutert wird das am Beispiel eines wertvollen, verzierten Elfenbeinhorns. Koloniale Auftragskunst aus dem 16. Jahrhundert, die der Stadt im 19. Jahrhundert vermacht wurde. Von der Provenienz her unbedenklich. Dennoch gibt die Geschichte des Tübinger „Olifanten“ zu denken. Pressestelle Stadtmuseum Tübingen - Bild in Detailansicht öffnen
Die Kunsthistorikerin Andrea Richter Andrea Richter (rechts): „Das Horn ist in Tübingen auch deshalb bekannt geworden, weil es in einem Auktionshaus aufgetaucht ist. Dabei hätte es sich eigentlich in der Sammlung des Stadtmuseums befinden müssen. So wurde es zum Horn des Anstoßes, weil durch sein plötzliche Erscheinen an einem anderen Ort eine Diebstahlserie aufgedeckt wurde, etwa um die Jahrtausendwende. Und so ist es auch wieder zurückgekommen, wurde von der Polizei damals sichergestellt.“Auf dem Bild: Andrea Richter mit Museumsleiterin Wiebke Ratzenburg (links) und Mitarbeiterin Lena Hauser. Pressestelle Stadtmuseum Tübingen - Bild in Detailansicht öffnen
Andrea Richter ermittelt seit 2015 die Herkunft der Museumsbestände. Anlass dazu gaben Judaica aus dem Nachlass eines Universitätsprofessors. Eine Thorascheibe, die bereits vor Jahren an Nachfahren des Stifters restituiert wurde, und ein Webtuch, das demnächst der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg in Stuttgart übergeben wird. Um dem Besucher einen Eindruck zu vermitteln, wie schwer es oftmals ist, die Herkunft eines Objektes zu ermitteln, sind alle 300 ausgestellten Exponate mit Symbolen versehen. Grün bedeutet „Herkunft unbedenklich“, Gelb „Herkunft nicht abschließend geklärt“ und ein Rot „Herkunft verdächtig“.Auf dem Bild: Tischplatte aus dem Karzer dem Universitätsgefängnis in Tübingen. SWR - Foto: Tobias Ignée Bild in Detailansicht öffnen
Ein anderes Beispiel: Eine von Schiller herausgegebene Ausgabe der „Horen“, in denen sich ein Stempel befindet mit der Aufschrift „B. Mihilcina“. So stellte sich die Frage nach dem Eigentümer. Andrea Richter suchte nach Vornamen und fand mehrere Menschen mit dem Namen Bruno, auch Benny Mihilcina. Eine Sisyphos-Arbeit, vor allem wenn es um Objekte geht, die nach 1933 oder auch nach 1945 ins Museum gelangten. Pressestelle Stadtmuseum Tübingen - Bild in Detailansicht öffnen
Unklar ist beispielsweise die Herkunft von Schenkungen oder gezielten Ankäufen des Tübinger Kulturamtsleiters Rudolf Huber, der in den 50ern Werke von Käthe Kollwitz, Max Pechstein oder Franz Marc bei Auktionen abgestaubt hatte. Andrea Richter: „Grafik der Moderne war während der Zeit des Nationalsozialismus verfemt worden und hatte an Wert verloren. Diesen Umstand haben sowohl Herr Huber als auch viele andere Museumsleute genutzt, um sehr günstig an solche Kunst heranzukommen.“Auf dem Bild: Richard Eifert, Am Zypressen-See der Villa Falvonieri (Frascati) 1908, Öl auf Leinwand. Das Gemälde stammt aus dem künstlerischen Nachlass des Tübinger Prof. Dr. Richard Eifert. Seine Witwe Auguste Eifert gab sie 1940 an die Stadt. Pressestelle Stadtmuseum Tübingen - Bild in Detailansicht öffnen
Insgesamt gibt die Ausstellung einen chronologischen Einblick in die Tübinger Stadt- und Sammlungsgeschichte, der bis ins Mittelalter zurückreicht. Mit Alltagsgegenständen wie Vasen, Pokale, Zinnkannen, aber auch mit Scherenschnitten der Filmpionierin Lotte Reininger, dem Nachlass des Künstlers Theodor Schüz oder riesigen Brunnen-Ornamenten, die nach dem Krieg im Neckar gefunden wurden.Meißner Vasen mit Schlangenhenkeln um 1870/1880, Porzellan mit Vergoldung. Pressestelle Stadtmuseum Tübingen - Bild in Detailansicht öffnen
Bemerkenswert, wie selbstkritisch ins Inventar geblickt wird. Museumsleiterin Wiebke Ratzeburg: „Man kann einerseits mit Bewunderung auf diese Vielfalt der Objekte schauen, das Licht sehen, die schönen Objekte. Man kann aber auch die Schattenseiten der Provenienz sehen, wie teilweise mit den Kunstwerken umgegangen wurde.“Im Bild von links: Handwaschbecken aus dem 18. oder frühen 19. Jahrhundert, Kupfer, innen verzinnt. Daneben eine Krippenfigur des Königs Balthasar mit Pferd aus dem 19. Jahrhundert - Holz, Textil, Leder und Blech. Die Objekte stammen aus der privaten Sammlung des Kaufmanns Carl Hebsacker (1838-1914). Sein Nachlass wurde 1915 vom Kunst- und Altertumsverein angekauft. Pressestelle Stadtmuseum Tübingen - Bild in Detailansicht öffnen
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