Gespräch

Direktor des Lenbachhauses: Antisemitismus nicht nur ein Problem der documenta

STAND
INTERVIEW
Frauke Oppenberg

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Die documenta 15 zeige, dass Antisemitismus und Rassismus zu den wichtigsten Themen in unserer Gesellschaft gehörten, sagt der Direktor des Lenbachhauses, Matthias Mühling, im SWR2 Gespräch: Auf jeder documenta wurde jeweils genau die Themen diskutiert, die für die Gesellschaft maßgeblich waren.“ Insofern zeige auch die aktuelle Antisemitismus Diskussion der documenta 15, dass dies ein grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft sei, und nicht nur der documenta", stellt der Kunstexperte fest.

Kommentar „Documenta war kulturpolitisch und künstlerisch ein Desaster”

„Der Antisemitismusskandal ist auch ein Ausdruck des künstlerischen Desasters”, sagt Kulturjournalist Ludger Fittkau, „Ruangrupa hat schlicht weg zu wenig kuratiert”. Man habe 1500 Künstlerinnen und Künstler aus befreundeten Kollektiven eingeladen und ihnen gesagt, dokumentiert eure solidarische Arbeitsweise, das künstlerische Produkt sei nicht so wichtig. „Die Kunst hat es so in den seltensten Fällen geschafft, sich über dem Niveau des exotischen Kunsthandwerks zu bewegen, die schon seit Jahrzehnten hierzulande in den ehemaligen Dritte-Welt-Läden angeboten wurden”, sagt Fittkau weiter. „Die Aufsichtsstrukturen der documenta haben versagt!”, resümiert er unmissverständlich weiter.
Lediglich, dass 700.000 Eintrittskarten verkauft wurden, sei eine der wenigen guten Nachrichten - zumindest eine gute für den ansässigen Hotel- und Gastronomiebereich.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Die documenta fifteen endet: Was bleibt von der deutschen Erinnerungspolitik?

Die documenta fifteen geht zu Ende – und nicht wenige Menschen würden jetzt hinzufügen: endlich. Was geht, wenn die größte deutsche Kunstausstellung für viele ein Fiasko ist? Die eine Seite beklagt, mit der Documenta habe man Antisemitismus in Deutschland wieder öffentlich ausstellen können, während die andere Seite meint, hinter der Kritik an den Künstler:innen stünde Rassismus.  Ein Scherbenhaufen also, zumindest in der öffentlichen Debatte.

Und was bleibt nun im Nachhinein von dieser documenta fifteen? Lässt sich aus diesem Scherbenhaufen etwas machen – zum Beispiel eine Auseinandersetzung über die deutsche Geschichts- und Gedenkpolitik und die Frage, welchen Platz die kolonialen Verbrechen darin neben der Shoah einnehmen können?

Als gescheitert würde die Journalistin Charlotte Wiedemann die documenta nicht bezeichnen. Wiedemann hat viel aus dem Ausland berichtet und beschäftigt sich mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Sie hat die documenta besucht und dort viele Anregungen gefunden, die sie in der deutschen Debatte vermisst hat: “Über die documenta würde eine Glocke der Deutschtümelei gestülpt. Das Problem war für mich nicht die documenta selbst, sondern unser Umgang damit.” 

Anders sieht das der Kunstkritiker Hanno Rauterberg, er sagt, die mangelnde Kommunikationsbereitschaft habe den Austausch erschwert: “Der Kollektiv-Gedanke der documenta hat Kritik an einzelnen Künstlern erschwert.” Schnell habe es geheißen, Kritik meine nicht den Einzelnen, sondern alle und damit die gesamte documenta. Kritik sei deshalb von Ruangrupa schnell als rassistisch wahrgenommen worden.

Und auch der Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und engagiert hätte sich gewünscht, dass die verschiedenen Seiten wirklich miteinander ins Gespräch kommen: „Es wurde zwar viel debattiert, aber da war das Gefühl, dass man aneinander vorbeiredet.“

Viel Stoff also für eine Debatte über die deutsche Erinnerungspolitik!

Charlotte Wiedemanns Buch „Den Schmerz der anderen begreifen“ ist im Mai 2022 bei Ullstein erschienen.

Unterschiedliche Positionen und Erklärungsansätze zur documenta-Debatte findet ihr in der Ausgabe 09/2022 von Politik & Kultur, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats – alles abrufbar unter https://politikkultur.de/archiv/ausgaben/nr-9-22/

Die Bildungsstätte Anne Frank, deren Direktor Meron Mendel ist, hat eine Podiumsdiskussion zu Kunst und Antisemitismus veranstaltet, die ihr hier anschauen könnt: https://www.bs-anne-frank.de/events/kalender/zum-antisemitismusskandal-auf-der-documenta-fifteen

Bei „Was geht, was bleibt“ haben wir uns schon öfter mit den Themen Kolonialismus und Erinnerungspolitik beschäftigt, zum Beispiel in diesen beiden Folgen:
https://www.swr.de/swr2/programm/blinder-fleck-der-erinnerungskultur-unser-kolonialistischer-blick-nach-osteuropa-100.html
https://www.swr.de/swr2/programm/rueckgabe-von-raubkunst-dekolonisierung-oder-reine-symbolpolitik-100.html

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns auf kulturpodcast@swr.de

Host: Pia Masurczak
Redaktion: Pia Masurczak und Kristine Harthauer  mehr...

Gespräch Elke Buhr zur Documenta 15: Ein sehr innovatives Verständnis von Kunst

„Diese Documenta hat uns gezeigt: Es ist nicht das Wichtigste bei der Kunst, ein fertiges abgeschlossenes Werk in den Raum zu stellen", sagt Elke Buhr, Chefredakteurin des Kunstmagazins Monopol, in SWR2. Das Wichtige sei viel mehr, zu vermitteln, was Kunst für eine Gesellschaft leisten könne.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch „Die documenta fifteen war ein Spezialfall“ – Meron Mendel wirbt für eine neue Erinnerungskultur

„Ich hätte gern ein positives Fazit gezogen, aber an diesem Punkt kann ich das wirklich nicht tun“, sagt Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank bei SWR2 über die diesjährige documenta.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Meron Mendel: „Fronten verhärten sich in der documenta-Debatte nur noch!“

Im Gespräch mit SWR2 nimmt Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank Stellung zur aktuellen Entwicklung in der Antisemitismus-Debatte rund um die documenta fifteen. Von der eingesetzten Expertenkommission erwartet Mendel keine schnellen Statements: „Die Experten müssen sich erst einmal untereinander austauschen und eine eigene Bewertung ziehen, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen“, sagte Mendel in SWR2, „ich verliere langsam das Vertrauen in die Bereitschaft von Ruan Grupa hier tatsächlich einen konstruktiven Prozess in Gang zu setzen.“  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Wie sieht es mit der Freiheit der Kunst aus? Der Historiker Moshe Zuckermann über sein neues Buch

Wie es mit der Freiheit der Kunst aussieht, das wird seit dem documenta-Skandal heftig diskutiert. Das Buch zum Thema hat der israelisch-deutsche Soziologe und emeritierte Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv Moshe Zuckermann geschrieben.  mehr...

SWR2 am Samstagnachmittag SWR2

Gespräch Politologin Saaba Nur-Chema zur documenta: Andere Bezüge von Antisemitismus im globalen Süden

Zwar habe der Antisemitismus seine Ursprünge in Europa, sagt die Politologin Saaba Nur-Chema in SWR2. „Aber es ist klar, dass wir es im globalen Süden mit neuen Assimiliationsformen von Antisemitismus zu tun haben, wo tatsächlich mit alten Bildern gearbeitet wird“, sagt Nur-Chema mit Blick auf das Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi bei der Kasseler Kunstmesse documenta.
Man müsse jedoch sehen, dass die Beziehung dieser Gesellschaften zum Staat Israel eine andere sei. Indonesien greife als frühere Kolonie auf andere Erfahrungen zurück. Saaba Nur-Chema arbeitet an der Frankfurter Universität an einem Projekt zu Antisemitismus im Bereich der Erziehung im Vor- und Grundschulalter.
Bei einer Podiumsdiskussion auf der Kasseler documenta hatten über Antisemitismus in der Kunst unter anderem Meron Mendel vom Anne Frank Haus und der Kurator der letzten Documenta, Adam Szymczyk, gesprochen.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kunst documenta fifteen: Das Ruruhaus als Keimzelle des Lumbung-Konzepts – Beuys lässt grüßen

Make friends, not art – mit diesem leicht ironischen Satz erhebt das indonesische Kuratorenkollektiv Ruangruppa den gemeinsamen kreativen Austausch im ruruhaus auf der documenta fifteen in Kassel zur höchsten Kunstform. Das erinnert an Joseph Beuys Einsatz für eine direkte Demokratie, es gibt aber auch Unterschiede.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Antisemitismus: Die Desaster-Documenta

Monatelange Warnungen und Debatten und dann ist es genauso gekommen: Antisemitische Abbildungen auf der Documenta. Der Schaden für die weltweit wichtigste Kunstausstellung ist enorm. Zu allem Überfluss fehlt eine Person, die klar die Verantwortung übernimmt, sagt Jan Tussing im Podcast. Außerdem erklärt Andrea Geier, Kulturwissenschaftlerin von der Uni Trier, die vertrackte Geschichte des Antisemitismus in antikolonialen Kontexten.

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns auf kulturpodcast@swr.de

Host: Philine Sauvageot
Redaktion: Max Knieriemen, Pia Masurczak und Philine Sauvageot  mehr...

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Frauke Oppenberg