Ausstellung

Aktivistische Kunst als Soziale Plastik – Ein Porträt der unbequemen Ülkü Süngün

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AUTOR/IN
Andreas Langen

Die Stuttgarter Künstlerin Ülkü Süngün widmet sich politischen Themen. In Performances bietet sie öffentliche Nachhilfe an, um die Namen der NSU-Opfer korrekt auszusprechen. Nun ist Süngün für den „Kubus-Sparda-Kunstpreis“ nominiert, der seit 2013 alle zwei Jahre unter drei Vertreter*innen eines künstlerischen Genres vergeben wird. Die Arbeiten der nominierten Künstler*innen sind im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen.

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Ein Holocaust-Denkmal als erstes öffentliches Werk

Um sich dem Werk der Künstlerin Ülkü Süngün zu nähern, reicht ein Spaziergang im Killesberg-Park hoch über Stuttgart. Mitten im Naherholungsgebiet liegt dort ihr erstes öffentliches Werk, ein Mahnmal für die deportierten und ermordeten Juden Württembergs. Ein Holocaust-Denkmal – wohl das Heikelste, an das sich Künstler in Deutschland heranwagen können.

„Als ich damit angefangen haben, haben alle gesagt: Oh, das ist total normiert. Pass bloß auf, das fliegt dir um die Ohren!“

Gegen alle Bedenken hat sich die Künstlerin drei Jahre lang in die schwierige Aufgabe vertieft. Das Resultat versucht erst gar nicht, die unfassbare Dramatik des historischen Verbrechens nachzubilden. Es ist ein im Boden eingelassener, kreisrunder Eisenstrang, der an ein Gleis erinnert. Diese radikale Abstraktion versteht Ülkü Süngün als Respekt vor den Opfern: Wo die Vorstellungskraft endet, ist der Verzicht auf alles Bildliche die gebotene Form.

Kunstmuseum Stuttgart zeigt Süngüns Arbeit zum NSU

Jetzt ist Ülkü Süngün eine von drei Anwärter*innen auf den Sparda-Kunstpreis, eine Auszeichnung für Arbeiten mit besonderem Bezug zu Baden-Württemberg. Den stellt sie im Kunstmuseum Stuttgart mit einer Arbeit über die Neonazi-Mordbande NSU her, die auch in Stuttgart mehrere potenzielle Anschlagsziele ausgekundschaftet haben.

Schnell sei ihr klar geworden, wie wenig das Land der Täter in der Lage oder willens war, die Perspektive der Opfer zu teilen. Bezeichnend dafür sei, dass schon die Namen der Ermordeten fast immer falsch ausgesprochen würden, sagt Süngün.

„Ich wollte einfach, dass die Namen wenigstens für die ermordeten Menschen korrekt ausgesprochen werden.“

Also bietet Ülkü Süngün bei Performances im öffentlichen Raum Nachhilfe an. Sie nimmt an einem kleinen Tisch Platz und übt mit jeweils einem Gegenüber die Aussprache der Namen der Toten. Im Kunstmuseum sind Teile dieser fast rituellen Anrufungen nun zu sehen, daneben komplexe Installationen über Flüchtlinge, die Deutschland verlassen müssen.

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Andreas Langen