Ausstellung im Literaturarchiv Marbach Thomas Mann in Amerika

Von Christian Gampert

Eine neue Thomas-Mann-Ausstellung im Literaturarchiv Marbach: Noch nie hat das Thomas-Mann-Archiv in Zürich so viele Leihgaben für eine externe Ausstellung zur Verfügung gestellt. 155 Original-Exponate zeigen, wie aus Thomas Mann der Exil-Repräsentant Deutschlands wurde, allerdings ohne Blick auf seine früheren nationalistischen Überzeugungen.

Familie Mann auf gepackten Koffern

Zu Beginn sehen wir die opulenten Reisekoffer der Familie Mann: viel mussten sie in München zurücklassen. Die Literatur jedoch und eine antifaschistische Geisteshaltung nahmen sie mit, bei der Emigration 1933 in die Schweiz und 1938 nach Amerika, das Thomas Mann schon zuvor erkundet hatte.

Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv Marbach Thomas Mann in den USA: Ein Lernender

Ausstellung: Thomas Mann in Amerika (Foto: Pressestelle, Deutsches Literaturarchiv Marbach - © ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt)
Thomas Mann, Manuskriptseiten Tagebuchblätter (1938) Pressestelle Deutsches Literaturarchiv Marbach - © ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt Bild in Detailansicht öffnen
von links: Katia, Erika und Thomas Mann, Reise nach New York auf der ›Ile de France‹ (April 1937). Pressestelle Deutsches Literaturarchiv Marbach - © ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt. Bild in Detailansicht öffnen
Dorothy Thompson, »The Most Eminent Living Man of Letters« (New York Herald Tribune, 10. Juni 1934) Pressestelle Deutsches Literaturarchiv Marbach - © ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Unbekannt. Bild in Detailansicht öffnen
Thomas Mann und Elisabeth Mann Borgese im Garten der Villa in Pacific Palisades (um 1946). Pressestelle Deutsches Literaturarchiv Marbach - ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv. Fotograf: Unbekannt Bild in Detailansicht öffnen
Thomas Mann, Brief an Siegfried Kracauer vom 20. April 1939 Pressestelle Deutsches Literaturarchiv Marbach - Foto: DLA Marbach Bild in Detailansicht öffnen

Thomas Mann in den USA weich gefallen

Der im Ersten Weltkrieg noch elitär-romantizistische Schriftsteller wird in den USA zum „Schutzherrn“ deutscher Emigranten, denen er mit Empfehlungsschreiben und Hilfsfonds beisteht.

Andererseits ist Thomas Mann selber in Amerika weich gefallen, denn eine Mäzenin unterstützt ihn großzügig. Sein kalifornisches Haus am San Remo Drive in Pacific Palisades, kürzlich von der Bundesregierung zur Studienvilla umgebaut, wird zum Treffpunkt der Exilierten.

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Im Englischen „stümpert“ er, ist aber bereit zu lernen

Allerdings, so Kurator Marc Wurich: „Er spricht die Sprache nicht. Es gibt einen Tagebucheintrag über die erste Begegnung mit Roosevelt, wo er schreibt, dass er Englisch gestümpert habe und alles von Katja gesprochen wird. Aber er ist bereit zu lernen.“

Ausstellung: Thomas Mann in Amerika (Foto: Pressestelle, Deutsches Literaturarchiv Marbach - ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv. Fotograf: Unbekannt)
Thomas Mann und Elisabeth Mann Borgese im Garten der Villa in Pacific Palisades (um 1946). Pressestelle Deutsches Literaturarchiv Marbach - ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv. Fotograf: Unbekannt

Manns Frau Katja und besonders seine beiden Kinder Erika und Klaus helfen ihm nicht nur sprachlich, sondern auch politisch auf die Sprünge. Die Wahrheit ist nämlich, dass Thomas Mann (im Gegensatz zu Kracauer und Adorno) kein politischer Kopf war und aus Schaden erst klug werden musste.

Thomas Mann entwickelt sich politisch weiter

In den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ hatte er 1918 noch antidemokratische Haltungen vertreten. Er habe sich politisch weiterentwickelt, und dieser Lernprozess sei sicher mit seiner Zeit in Amerika verbunden, ist Marc Wurich überzeugt.

So wurde er „als Stimme Deutschlands eine außerordentlich wichtige Figur“, sagt auch die Literaturwissenschaftlerin Meike Werner im Gespräch mit SWR2. Thomas Mann habe die Rolle des Märtyrers in die des Repräsentanten umgedeutet und auch bewusst eingenommen.

Meike Werner: Wie Thomas Mann zum deutschen Repräsentanten wurde

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Letzter Band des Joseph-Romans: Roosevelt als „Ernährer“

Die Ausstellung zeigt uns, dass die Manns tatsächlich ein Familienbetrieb waren, in dem die Arbeit des Vaters ständig begleitet und diskutiert wurde. Zum anderen, dass das Exil auch Manns literarische Arbeit prägte.

Im letzten Band der biblischen Josephs-Romane, der in Amerika geschrieben ist, überblendet Mann Joseph, den „Ernährer“, mit Zügen und Aktivitäten des amerikanischen Präsidenten Roosevelt, den er mehrmals traf.

„Wo ich bin, ist Deutschland“

Das Leben in einer fremdsprachigen Umgebung führt bei Thomas Mann einerseits zu einem entspannteren Erzählduktus, andererseits besteht er pathetisch auf der Formel „Wo ich bin, ist Deutschland“.

Das stimmt durchaus, denn Mann wälzt im Exil lauter europäische Stoffe um: „Der Erwählte“ ist eine Neuerfindung der mittelhochdeutschen Gregorius-Dichtung des Hartmann von Aue.

Im „Doktor Faustus“, ebenfalls in Amerika geschrieben, wird der Faust-Stoff, hier also der Lebensweg des Komponisten Adrian Leverkühn, immer wieder mit Ereignissen des Zweiten Weltkriegs parallel geführt.

Kein Blick auf den früheren, demokratiefeindlichen Thomas Mann

Die Ausstellung ist, wie immer in Marbach, seriöse Literaturwissenschaft – und führt uns vor, wie Thomas Manns Tagebücher und seine literarische Arbeit ineinandergreifen.

Dazu jede Menge Alltagsmaterial, Fotos und vor allem die Manuskripte (und Hörbeispiele) von Manns BBC-Rundfunkansprachen, mit denen er die Deutschen im Nazireich aufrütteln wollte. Das ist sehr schön – und doch: Manns demokratiefeindliches Vorleben hätte durchaus mal erwähnt werden dürfen.

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