San Sebastian - Bilanz des Kulturhauptstadtjahrs 2016 Zu viele Projekte - zu wenig Aufmerksamkeit

Kulturthema am 28.12.2016 von Oliver Neuroth

Eine positive Bilanz zieht die baskische Stadt San Sebastian in Bezug auf ihr Jahr als Kulturhauptstadt. Trotz Halbierung des Budgets und obwohl der Festivalleiter dreimal ausgetauscht wurde, sind die Veranstalter zufrieden. Vor allem die Open-Air-Inszenierung von Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" kam beim Publikum an. Auf dem Programm standen auch Konzerte, Lesungen und Ausstellungen zum ETA-Konflikt. Kritisiert wurden zu viele kleine Projekte, die in der Öffentlichkeit kaum beachtet wurden. Gefehlt habe eine Art Massenevent auf der Straße, so die Veranstalter selbstkritisch.

"Ein Sommernachtstraum" - Der Klassiker von Shakespeare – open air. Ein baskisches Ensemble hat das Theaterstück in den Sommermonaten jeden Abend in einer Parkanlage von San Sebastian aufgeführt – und zwar in einer modernen Interpretation. Vor Beginn haben sich die Schauspieler unter das Publikum gemischt und den Gästen als Kellner Getränke gereicht – was schließlich nahtlos in die Handlung des Stücks überging. Ikerne Jimenez hat an der Inszenierung mitgearbeitet. Ihre Bilanz: "Ich bin sehr zufrieden, denn viele Zuschauer haben uns gesagt, dass sie es als Glück empfanden, die Inszenierung sehen zu können. Positiver kann eine Reaktion kaum ausfallen. Die Leute waren so verzaubert, das Event hat sie sehr berührt – das ist einfach superschön", so Jimenez wörtlich.

Die Vorstellungen waren fast immer ausverkauft. Das freut auch Fernando Alvarez. Für den Sprecher des Kulturhauptstadt-Büros war das Theaterstück das Highlight des Jahres, wie er sagt : "Ich persönlich fand das Stück großartig! Zum Beispiel, dass es an verschiedenen Plätzen in dem Park stattfand – das hat mich echt verblüfft. Wir alle haben den "Sommernachtstraum" sehr genossen."

ETA- Konflikt als Thema im Kulturhauptstadt-Jahr

Neben Theaterstücken standen Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und Diskussionsrunden auf dem Programm der Kulturhauptstadt. Vieles drehte sich um die Geschichte San Sebastians, um den ETA-Konflikt. Die Untergrundorganisation hatte rund 50 Jahre lang für ein unabhängiges Baskenland gekämpft – bis sie vor fünf Jahren öffentlich der Gewalt abschwor. Diesem Thema widmeten die Veranstalter zum Beispiel die Großausstellung "Peace Treaties" - "Friedensverträge". Zwei Museen zeigten 600 Exponate zum Thema Konflikte und Frieden – in Zusammenarbeit mit 21 Kunsthäusern auf der ganzen Welt.

Fernando Alvarez zieht Bilanz: "Durch "Peace Treaties" konnten wir in San Sebastian Kunstwerke aus dem Prado oder dem Louvre zeigen. Es war großartig, dass unsere kleinen Museen mit Kollegen aus diesen Welthäusern zusammengearbeitet haben. Aus diesen Kontakten ergeben sich vielleicht weitere Projekte für die Zukunft, das wäre sehr wichtig. Wir wollen gerne weiterhin zusammenarbeiten."

Zu viele Projekte, zu wenig öffentliche Aufmerksamkeit

San Sebastian hat in diesem Kulturhauptstadt-Jahr versucht, für jeden Geschmack etwas zu bieten: Insgesamt gab es knapp 3.200 verschiedene Veranstaltungen. Diese Fülle an Aktionen bezeichnete der baskische Vize-Kulturminister in einem Zeitungsinterview leicht kritisch als "Nieselregen". Nach dem Motto: Jeder wird ein bisschen nass, aber nicht so richtig. Diese Einschätzung teilt Sara Odriozola aus San Sebastian, die einige Veranstaltungen besucht und mit organisiert hat. Sie vermisste eine Art Massenevent auf der Straße. Sara Odriozola: "Es waren viele kleine Projekte, von denen man kaum etwas gesehen hat. Deshalb sagen wohl einige Leute, dass sie überhaupt nichts von der Kulturhauptstadt mitbekommen haben. Die Projekte waren gut, aber wirklich klein und teils für ein sehr spezielles Publikum. Deshalb muss ich sagen: Die Kulturhauptstadt hat meine Erwartungen nicht ganz erfüllt."

Besucherrekord, aber nicht wegen Kulturhauptstadt

Dem schließt sich Alain an. Er kritisiert, dass viele Veranstaltungen nur in spanischer und baskischer Sprache waren – aber kaum etwas auf Englisch. Nach seinen Worten zieht das kaum Gäste aus dem Ausland an. Auch wenn die Stadt sich freut, dass 2016 ein neuer Besucherrekord aufgestellt wurde. Alan wörtlich: "Die vielen Gäste sind nicht wegen der Kulturhauptstadt gekommen. Der Tourismus hier wächst seit Jahren – die Besucher werden von der Kulturhauptstadt nichts gemerkt haben." Fernando Alvarez vom Kulturhauptstadt-Büro verteidigt sich. Dieses Projekt sei auch nicht dazu gedacht gewesen, den Tourismus anzukurbeln. Alvarez wörtlich: "Natürlich sind Gäste aus dem Ausland herzlich willkommen – aber hierbei ging es um das Zusammenleben, den Konflikt der Menschen im Baskenland."

Und das hat nach Einschätzung der Stadt funktioniert. Trotz Problemen bei der Organisation: Der Festival-Direktor wurde drei Mal ausgetauscht, das Budget für das Gesamtprojekt von 89 auf 46 Millionen Euro reduziert. Eine genaue Bilanz wollen die Verantwortlichen im Frühjahr vorlegen und dann auch erklären, was San Sebastian aus diesem Kulturhauptstadt-Jahr mitnimmt.

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