Kunst „Schadografien“: Abstrakte Fotografien von Christian Schad

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12:33 Uhr
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SWR2

Acht Häuser will die Stadt Aschaffenburg zu einer Museumsmeile zusammenfügen, mit dem neuen Christian-Schad-Museum als Mittelpunkt. Ursprünglich war die Eröffnung für Herbst 2018 geplant. Doch die Eröffnung verzögert sich. Gerade erschienen ist hingegen das Werkverzeichnis zu den „Schadografien“. Herausgegeben hat dieses Nachschlagewerk zum Künstler der neuen Sachlichkeit die Christian-Schad-Stiftung, die beim Museum angesiedelt ist: eine wahre Entdeckung.

Kunst „Schadografie“ - Abstrakte Fotografien von Christian Schad

Christian Schad: Bettina, 1942 (Foto: Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn)
Wir kennen von Christian Schad die kühlen Porträts einer dunkelhaarigen Schönheit mit Bubikopf ... Christian Schad: Bettina, 1942 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
... oder den desillusionierten Blick seiner Männerfiguren. Das sind die Bilder, für die Christian Schad in Europa steht. Christian Schad: Pater Aquilinus, 1925 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Im Gegensatz dazu ist sein fotografisches Werk kaum bekannt, obwohl Christian Schad vor 100 Jahren mit seinen „Schadografien“ Neuland betreten hat, so der Aschaffenburger Museumsdirektor Thomas Schauerte: „Er fotografiert ohne Objektiv, ohne wirkliche Kamera. Einfach nur dadurch, dass er auf lichtempfindliches Papier Gegenstände legt, belichtet - und alles, was von diesen Gegenständen bedeckt ist, bleibt weiß. Wo Licht drauffällt, wird es schwarz.“ Christian Schad: Schadographie Nr- 30, 1960 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn/ Foto: Ines Otschik Bild in Detailansicht öffnen
Nur 31 Schadografien der frühen Zeit existieren heute noch. Auf den schwarz-weißen Blättern sieht man, wie sich scheinbar Rauch kringelt, Gitternetze und abstrakte Formen erscheinen, selten auch einmal ein Buchstabe oder eine Musiknote. Es sind Zeugnisse der Dada-Bewegung, so erfährt man in einem ausführlichen Text des Werkverzeichnises. Christian Schad: Schadographie Nr. 151 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn / Foto: Ines Otschik Bild in Detailansicht öffnen
Entstanden in Genf, hat Christian Schad sie selbst kaum erwähnt. Spätestens als er 1920 nach Deutschland zurückkehrte, hat er sie nicht mehr als wichtig angesehen und nicht mehr geschätzt. Nach dem Ersten Weltkrieg lag die Wirtschaft brach, die Menschen litten unter Hunger und Armut. Christian Schad malte neusachlich. Christian Schad: Mexikanerin, 1930 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Die Schad-Stiftung in Aschaffenburg besitzt nur eine einzige frühe Schadografie, aber einige der späteren. Der Künstler hat die Technik in den 1960er Jahren wieder aufgegriffen - und zwar in Aschaffenburg, wo er seit 1943 gelebt hat. In den letzten Jahren hat die Stiftung mühevoll Sammler und Museen ausfindig gemacht, die Schadografien besitzen. Sie hat erstmals alle Blätter gesichtet, fotografiert und untersucht. Christian Schad: Schadographie Nr. 11, 1919 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Die Zuordnung war schwierig, konnte aber mithilfe von Briefen und Dokumenten in vielen Fällen gelöst werden. Thomas Schauerte: „Was ihn fasziniert hat an den Schadografien ist, dass das ja alles reale Gegenstände sind, die auf diesen Papieren liegen, aber ins Abstrakte verfremdet werden und auf dem Wege des Zufalls bestimmte Strukturen erzeugen.“ Christian Schad: Eisfläche am Hermesweg, 1934/35 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Christian Schad hat die Schadografie in den 1960er und 70er Jahren in wesentlich größerem Umfang wieder aufgegriffen. 184 Blätter konnten ausfindig gemacht werden, dazu auch surreale Collagen. Christian Schad: Tänzerinnen der Jutta-Klamt-Schule, 1934/35 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Das Werkverzeichnis der Schadografien ist ein opulentes Buch mit hervorragenden Abbildungen und Texten, ausführlichen Beschreibungen zur Provenienz und Bibliographie. Es zeigt uns den neusachlichen Maler Christian Schad in einem neuen Kontext mit seinen experimentellen Fotografien und ist für die Forschung ein wichtiges neues Stück Dada-Geschichte. Christian Schad: Hanna Witzek, 1934/35 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Christian Schad: Im Irisgarten, 1968 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Christian Schad: Der Pfiff um die Ecke, 1927 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Christian Schad: Liebende Knaben, 1929 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Christian Schad: Bettina, 1977 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Christian Schad: Café d’apaches (Apachencafé), 1916 Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen
Christian Schad: Die Umgebung, 1967 (MSA 23/1984) Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg (CSSA) / VG Bild-Kunst, Bonn Bild in Detailansicht öffnen

Thomas Ratzka, Christian Schad. Werkverzeichnis in 5 Bänden, Bd. 3. Hg. von Christian-Schad-Stiftung Aschaffenburg, erschienen im Wienand Verlag, 380 S. mit 650 Abb, 88 Euro.

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