Kunst Die „Malweiber“ – Wiederentdeckte Künstlerinnenkolonie im Elsass

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12:33 Uhr
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SWR2

Die Wiederentdeckung der Malerkolonie Obersteinbach im Elsass beginnt mit einer verschlossenen Kiste auf einem Speicher. Christel Ullmann hat darin Lithographien entdeckt, die dort zwischen 1896 und 1918 in einer Künstlerkolonie geschaffen wurden - fast alle von Frauen, Schülerinnen des Malers Franz Hein. Er gab den "Malweibern" in Obersteinbach Unterricht, weil Frauen damals nur ausnahmsweise an Kunstakademien studieren konnten. Es entstand ein "Worpswede der Nordvogesen", dessen Erzeugnisse sich später in Galerien bis München, Halle, Karlsruhe und Wien wiederfanden.

Christel Ullmanns Mutter starb mit 103 Jahren und legte ihrer Tochter noch einmal die alte Kiste ans Herz. Eveline, eine Freundin der Familie, lachte nur darüber.

„Eveline wollte das immer wegwerfen, sagte, das ist altes Zeug“, erinnert sich Christel Ullmann, „und meine Mutter sagte immer, nein, mach’s nicht, das ist wichtig. Und jetzt endlich, 100 Jahre danach, haben wir die Kiste aufgemacht. Da waren 17 Originale drin.“

Kunst „Malweiber“ - Ausstellung zur Künstlerkolonie Obersteinbach

Malweiber (Foto: Bernhard Bonkhoff)
Zu sehen sind Lithografien mit Naturszenen: Wald, Landschaft, ein Ochsengespann, ein elsässisches Fachwerkdorf. Sie stammen von einer ganzen Schar junger Frauen aus gutem Hause, die in Karlsruhe und in anderen Städten Malklassen besucht hatten, wie zum Beispiel Marie und Elise Peppmüller, Sabine Hackenschmidt, Dora Horn-Zippelius und Marianne Knapp-Lesser, die Schwägerin des ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
Eine Ausbildung an einer Hochschule war den Damen Ende des 19. Jahrhunderts nicht erlaubt. Um so erstaunlicher ist ihre Entscheidung, dem Hamburger Maler Franz Hein ins Elsass zu folgen, um von ihm das Malen unter freiem Himmel zu lernen. „Das ist radikal neu gewesen“, sagt Christel Ullmann. „Wenn man sich vorstellt, dass die jungen Damen da mit Hut in einem Kartoffelacker saßen. Sie wollten auch ein bisschen schockieren, es war eine andere Welt. Man hatte eine andere Vorstellung vom Leben, neu und emanzipiert, das war für sie wichtig.“ Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
Dem kleinen Ort Obersteinbach an der französischen Grenze brachten die „Malweiber“, wie man sie nannte, einen großen Umbruch. In den Jahren zwischen 1896 und 1918 wurden Hotels und Restaurants gebaut, mit den Künstlerinnen begann der Tourismus im Elsass. Franz Hein brachte seinen Schülerinnen die Technik der Lithografie bei, und damit verbreiten sich die Bilder sehr schnell in großer Auflage, erklärt der Historiker Bernhard Bonkhoff. der mit Christel Ullmann den Katalog zur Ausstellung verfasst hat. - Auf dem Bild: Franz Hein: Vogesen. Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
„Man wollte weg von den billigen Öldrucken, womit die weniger Begüterten ihre Zimmer geschmückt haben“, erläutert Bernhard Bonkhoff. „Deshalb hat man gesagt: ,Wenn ihr eine Lithografie kauft, ist das ein Original.‘ Und sie haben dann nicht nur ihren Namen in das Bild eingedruckt, sondern auch noch mit ihrem Namenszug unterschrieben und es damit zu einem echten Kunstwerk gemacht. Aber man konnte sich das finanziell auch leisten.“ - Gemälde von Jenny Fickentscher: Malven Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
Franz Hein entdeckte das verwunschene kleine Obersteinbach auf seiner Suche nach tiefen Wäldern, die er als Hintergrund für seine Märchenbilder brauchte. Sie schaffen keine liebliche Märchenwelt, sondern strahlen zum Teil geradezu gruselige Stimmung aus. Die realistischen Darstellungen mit dunklen Farben und grafischen Strukturen wirken dadurch sehr modern und belegen das Können des Malers. Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
Bernhard Bonkhoff: „Das sind zum Teil auch recht beklemmende Motive, Frühmorgenstimmungen, Nachtstimmungen, die Königskerzen im Garten um Mitternacht. Das sind zum großen Teil keine Schönwetterbilder, wie der Sonnenuntergang am Meer, sondern wo das Kind die Hand seines Vaters fest ergreift und sagt: ,Ich fürchte mich hier‘.“ Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
Seine Schülerinnen haben Franz Heins ungeschönten Blick auf die Wirklichkeit aufgenommen und weiterentwickelt. Nach dem Ende der Künstlerkolonie in Obersteinbach 1918 findet man ihre Spuren in Ateliers und Künstlergilden unter anderem in Karlsruhe, München, Halle und Wien. - Gemälde von Jenny Fickentscher Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
Die kleine Ausstellung im Haus der Burgen in Obersteinbach ist erst der Anfang einer Wiederentdeckung. - Gemälde von Elise Peppmüller Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
Christel Ullmann und Bernhard Bonkhoff haben bei der Vorbereitung der Ausstellung weitere Bilder der „Malweiber“ entdeckt und hoffen, dass nun noch mehr auftauchen. Sie sind es wert, gewürdigt zu werden. - Gemälde von Franz Hein Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
Berta Welte: Junge Tannen Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen
Gemälde von Franz Hein Bernhard Bonkhoff Bild in Detailansicht öffnen

Ausstellung des Grenzüberschreitenden Kunstprojekts Malerkolonie Obersteinbach vom 14. September bis zum 14. Oktober 2019 im Museum „Maison des Chateaux Forts“, samstags und sonntags von 14 bis 19 Uhr. Ein ausführlicher Katalog kann per Mail bestellt werden. In Obersteinbach gibt es außerdem einen Rundwanderweg mit einigen der alten Malstationen.

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