Günther Förg in den Deichtorhallen Hamburg Farben neben der Komfortzone

Kulturthema am 31.7.2015 von Simone Reber

"Für mich ist abstrakte Kunst heute das, was man sieht und nicht mehr!", hat der Künstler Günther Förg einmal über seine Arbeit gesagt. Ab heute (31.7.) ist in den Deichtorhallen Hamburg sehr viel von Günther Förg zu sehen, nämlich 25 raumfüllende Wandarbeiten. Förg, 1952 in Füssen geboren, studierte in München bei Karl Fred Dahmen, unterrichtete sieben Jahre an der Kunsthochschule Karlsruhe und war danach Professor in München. Die Wandmalerei zieht sich als roter Faden durch sein Werk. Insgesamt entstanden 140 Wandarbeiten, viele davon existieren heute vor Ort nicht mehr. Günther Förg, der 2013 in Freiburg starb, hat die Idee für die Hamburger Ausstellung noch zu Lebzeiten entwickelt, realisiert wurde sie nun erst nach seinem Tode."

Sie heißen zinkgelb, saphirblau, fenstergrau oder persischorange und coquelot. Die Farben von Günther Förg liegen meist eine Nuance neben der Komfortzone. Verkehrsrot und verkehrsschwarz, die drohenden Farben der Warnschilder, lassen schon alleine die Alarmglocken schrillen. Andere Töne wirken in ihrer schrägen Kombination – zinkgelb und signalblau etwa verbindet Günther Förg mit einem gelbgrünen Streifen zu einer kapriziösen Komposition.

In der großzügigen Ausstellung der Hamburger Deichtorhallen durchlaufen die Betrachter ein Wechselbad der Farbtemperaturen. Erstmals werden hier die Wandmalereien von Günther Förg im Zusammenhang gezeigt, in einer Art künstlerischem 're-enactment'. Für den Kurator Dirk Luckow wird die Vorgehensweise vom Wesen dieser flüchtigen Kunst legitimiert.

Günther Förg begann mit der Wandmalerei 1978, als ihm nach dem Studium kein Atelier mehr zur Verfügung stand und er seinen Lebensunterhalt als Anstreicher verdiente. In der Wohnung seines Freundes Herbert Kopp in Günzach strich er zum ersten Mal die Hälfte einer weißen Wand rot an. Diese Arbeit ist nun auch in Hamburg zu sehen. Die Farbe bringt die Wand aus der Balance, das schwere Rot lässt den ganzen Raum kippen. Förgs Interesse an der Wandmalerei entstand aus seiner Faszination für die Architektur der Moderne.

Am augenfälligsten ist der Einfluss von Le Corbusier in der Wandmalerei für die Stuttgarter Ausstellung Europa 79, eine rapsgelbe Wand stößt an eine signalblaue Decke. Später täuscht die Wandmalerei Fenster vor oder Treppen. Sie weitet den Raum oder verengt ihn. Zwischen Rot, Grün und Blau geraten die Betrachter in Bedrängnis. So wurde eine Arbeit für das Casino der Siemens AG in München rekonstruiert, doch in der Ausstellung stehen sich die Flächen so eng gegenüber, dass sie sich angiften.

Schon zu Lebzeiten ließ der Künstler seine Wandmalerei von Assistenten fertigen. Für die Ausstellung haben zwei Maler nach den Angaben des Künstlers die raumgreifenden Flächen rekonstruiert. Dennoch: so verschwenderisch die Ausstellung mit Farbe umgeht, ihr fehlt etwas. Der vergängliche Reiz der Vorort-Arbeiten vielleicht. Die spontane Reaktion auf die vorgefundene Architektur. Der freche Eingriff, die kühle Zurückhaltung. In den Deichtorhallen sind alle Flächen gleichhoch, bedingt durch die Module der offenen Ausstellungskojen. Hier bleibt die Malerei an der Wand. Das räumliche Spiel zwischen der Provokation der Farbe und den Kapriolen der Architektur fällt aus.

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