Casal di Principe bei Neapel baut auf Kunst in Camorra-Villa Kultur gegen Mafia

Kulturthema am 4.8.2015 von Thomas Migge

Italiens Kulturminister investierten bisher so gut wie nichts in kulturpolitische Infrastrukturen des Südens. Das muss sich ändern, sagten einige Museumsdirektoren, die jetzt mit einer bisher einzigartigen Kulturinitiative von sich reden machen, ausgerechnet in Casal di Principe, einer Kleinstadt, die durch den Starjournalisten Roberto Saviano und sein Buch "Gomorra" auch in Deutschland ein Begriff für die alles dominierende Mafia geworden ist.

Über Geschmack lässt sich streiten, aber bekanntermaßen haben Camorra-Bosse nicht viel davon. Wenn sie zu Geld kommen, dann wird nicht gekleckert. Und so ließ sich ein lokaler Mafioso in Casal di Principe, einer Kleinstadt im Norden von Neapel, eine kitschig-hässliche Villa errichten. Die Villa wurde vor einigen Jahren vom Staat beschlagnahmt. Der Eigentümer sitzt hinter Gittern. In dem Gebäude mit mehreren großen Sälen wird bis Ende Oktober ein Christus von Mattia Preti ausgestellt, eines der Hauptwerke des italienischen Barockmalers.

Gezeigt werden auch Gemälde von Artemisia Gentileschi und Luca Giordano, Acrylbilder von Andy Warhol und anderen Künstlern. Insgesamt etwa 30 Werke. Große Kunst in einer Kleinstadt, die bis vor kurzem als gefährliche Mafia-Hochburg galt, die nie durch Kunst sondern nur durch Mafiageschäfte und Mafiamorde in die Schlagzeilen gelangte. Doch seit 2014 ein entschiedener Anti-Mafia-Bürgermeister die Amtsgeschäfte übernahm, herrscht ein anderes Klima: immer öfter trauen sich jetzt die Bürger die Dinge beim Namen zu nennen und mafiöse Zusammenhänge aufzudecken.

Die gut besuchte Kunstausstellung sei ein auch kulturpolitischer Hoffnungsschimmer für Casal di Principe, meint Antonio Natali, Direktor des Florentiner Museums Uffizien:

Und anscheinend auch nicht mehr die Direktoren verschiedener bedeutender Museen. Nicht nur Natali von den Uffizien entlieh Hauptwerke für die Ausstellung in der ex-Villa des Bosses, sondern auch seine Kollegen aus dem Museo di Capodimonte in Neapel und aus Museen in Apulien. Antonio Natali:

Casal di Principe ist vor allem deshalb ein ungewöhnlicher Ort, weil vom Staat vergessen. Es gibt kein Theater und kein Museum, keine Konzerthalle und kein Geld für nennenswerte Kulturinitiativen. Die lokale Politik steckte viel zu lange mit der Camorra unter einer Decke. Die Kleinstadt galt lange nur als Synonym für "terra bruciata", verbrannte Erde, auf der die Bürger sich selbst überlassen waren. Gegen diese Realität kämpft der Anti-Mafia-Kämpfer und Bürgermeister Renato Natale:

Mit Kunst gegen Mafia in Casal di Principe. Eine begrüßenswerte Initiative. Aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Solange der Staat nicht im großen Stil, wie in Mittel- und Norditalien, auch in die Kultur süditalienischer Kommunen investiert und somit in deren Zukunft, solange bleiben Ausstellungen wie die in Casal Ausnahmeerscheinungen.

Denn, um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: wieso gammelt das Schloss von Caserta in der Nähe von Casal di Principe vor sich hin? Eine der kunsthistorisch und architektonisch bedeutendsten Königsresidenzen Europas! Ein Ort, der - restauriert, gepflegt und mit touristischen Infrastrukturen ausgestattet - zahllose Reisende anziehen würde. Und mit den Kulturtouristen käme dringend benötigtes Geld in die Region. Doch vor dauerhaften Investitionen in die Kulturpolitik Süditaliens kann keine Rede sein. Eine Ausstellung wie die in Casal di Principe, so lobenswert die Initiative auch ist, ändert leider nichts an einer bedauernswerten kulturpolitischen Realität des italienischen Südens.

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