Ausstellung Widerstand im Schlaf: „Sleeping with a Vengeance” im Württembergischen Kunstverein

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Manchmal kann es ganz schön vertrackt sein, einen Ausstellungstitel zu übersetzen. „Sleeping with a Vengeance, dreaming of a Life“ hat die Kuratorin Ruth Noack ihr neues Ausstellungsprojekt genannt. In Stuttgart, wo es jetzt nach Stationen in Prag, Athen und Peking zu sehen ist, lautet der Titel nun „Mit Nachdruck schlafen, von einem Leben träumen“. Mit Nachdruck schlafen, geht das?

Ausstellung Widerstand im Schlaf: „Sleeping with a Vengeance” im Württembergischen Kunstverein

Sleeping with a Vengeance, Dreaming of a Life - Ausstellung im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (Foto: WKV Stuttgart)
Was für ein gemütliches Nickerchen. Auf dem sommersatten Gemälde „Im Gras liegende Bauersfrau“ von Camille Pissarro aus dem Jahr 1882 streckt sich eine junge Landfrau, entspannt, flirrend hingetupft. Doch unter dem impressionistischen Idyll brodeln andere Botschaften, erklärt die Kuratorin Ruth Noack: „Pizarro war Anarchist und hat damals die Landarbeiter unterstützt, die in Südfrankreich damals gestreikt haben. Und so sieht man, dass die Frau ihren Rechen niedergelegt hat. Das heißt, sie hat die Arbeit niedergelegt.“ - Auf dem Bild: Alice Creischer, Der Hut spricht, der Rechen spricht, es flüstert die Sense zum Ohr im Gras, 2019, Collage. WKV Stuttgart Bild in Detailansicht öffnen
Schlafen ist also mehr als Nichtstun. Alle möglichen Bereiche hängen damit zusammen, von privater Erholung bis zu politischen Gesten. Über diese Thematik hat Ruth Noack zehn Jahre lang recherchiert - und die eigene Berufspraxis mit einbezogen. Das ist schon deshalb spannend, weil sie seit über 30 Jahren die globale Kunstwelt kennt wie wenige, bis zur exklusiven Position als Kuratorin einer documenta. Doch gerade dieser Karriere-Höhepunkt hat sie nachdenklich gemacht. Ihr habe es nach 2007 gereicht, „in diesem Zyklus zu funktionieren“, der von Menschen verlange, immer aktiv, immer präsent zu sein. Ruth Noack Bild in Detailansicht öffnen
Es tauchen also auf: Videos, Zeichnungen, Plastiken, Gemälde, Plakate, Texte, Collagen - das ganze Spektrum der zeitgenössischen Kunst, mitsamt einer bisweilen nicht jedermann zugänglichen Formensprache. Ein wirres schwarzes Kabel am Boden, das den Schriftzug „I know I need to act“ bildet, wurde während des Aufbaus von einer Reinigungskraft erst mal ordentlich aufgeräumt - sah nicht aus wie Kunst, kann weg. - Auf dem Bild: Livio Casanova, Vormittags-Decke-Nachmittags-Decke, 2019, verschiedene Materialien. WKV Stuttgart Bild in Detailansicht öffnen
So entschloss sich Noack, das Ausstellungsprojekt über den Schlaf als Skizze anzulegen. Buchstäblich im Zentrum des großen Saals im Württembergischen Kunstverein Stuttgart steht ein Tresen mit lauter Schachteln. Darin die Entwürfe der Künstler zu ihren Ausstellungsbeiträgen, ein Wühltisch der Kreativität. Iris Dressler vom Kunstverein erklärt, es handle sich im übertragenen Sinne um „schlafende“ Möglichkeiten, die Ausstellung in anderer Form zu gestalten. - Auf dem Bild: Ines Doujak, Untitled (ohne Titel), 2018, Collage, 31 x 24,5 cm. WKV Stuttgart Bild in Detailansicht öffnen
Der Niederländer Matthijs de Bruijne bietet CDs an, auf denen er die Träume argentinischer Tagelöhner aufgezeichnet hat. Hu Wei aus Peking nimmt uns mit auf einen chinesischen Schwarzmarkt, der um ein Uhr nachts öffnet und nur von den Taschenlampen der Kunden beleuchtet wird. - Auf dem Bild: Matthijs de Bruijne, Liquidacion.org (Auflösung.org), 2003, Leuchtkasten, Audio mit projizierter Übersetzung. WKV Stuttgart Bild in Detailansicht öffnen
Und der ägyptische Literat Haytam el-Wardany steuert Zitate bei aus seinem „Book of Sleep“, einer Reflexion über Revolten und eine der wesentlichen Inspirationen der Kuratorin Ruth Noack. „Wer nicht wirklich schläft, kann auch nicht aufwachen, kann auch keine Ideen, keine Utopien entwickeln. Nur wenn wir schlafen, können wir erwachen.“ - Auf dem Bild: Hu Wei - A Market without Ghost or Where are the Ghosts (Ein Markt ohne Geist oder Wo sind die Geister), 2019, Ein-Kanal-Video. WKV Stuttgart Bild in Detailansicht öffnen

Ruth Noack: Nur wenn wir schlafen, können wir erwachen

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18:40 Uhr
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SWR2

„Sleeping with a Vengeance, Dreaming of a Life” im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, vom 19. Oktober 2019 bis zum 12. Januar 2020.

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