Ausstellung Philosophen-Billard: „Hegel und seine Freunde“ in Marbach

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18:40 Uhr
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SWR2

Hegel, Hölderlin und Schelling: Die WG im Tübinger Stift aus der Zeit kurz nach Ausbruch der Französischen Revolution ist berühmt geworden. Alle drei hatten dort ihr Theologie-Studium aufgenommen und sich dort auch ein Zimmer geteilt. Der einflussreichste der drei Denker wurde unerwartet Hegel, der in Tübingen als still und unauffällig gegolten hatte. Zum Auftakt des großen Hegel-Jubiläums mit dem 250. Geburtstag des Philosophen im Jahr 2020 hat das Marbacher Literaturmuseum die besondere Konstellation zum Ausgangspunkt einer neuen Ausstellung gemacht: „Hegel und seine Freunde. Eine WG-Ausstellung“.

Mit Hegel-Begriffen Billard spielen

Billardkugeln flitzen über den grünen Tisch: Der „Weltgeist“ rollt, geschickt gelenkt ins hintere Loch, während das „Selbstbewußtsein“ brutal aus der Kurve gekickt wird. „Hegel spielen“ – die Marbacher Ausstellung beginnt am Billardtisch. Kugeln mit Begriffen wie „Poesie“, „Absolutes“ oder „Eule der Minerva“ beschriftet. Dialektik mit dem Queue.

Eine Aufforderung, sich aufs Querdenken, auf ein Um-die-Ecke-Denken einzulassen, erklärt die Leiterin der Marbacher Museen Heike Gfrereis: „Wie bringt man die Besucher dazu, dass sie selber philosophisch anfangen zu denken, nicht nur letzte Wahrheiten über Hegel wissen wollen, sondern sich auf die Frage einlassen: was heißt denken?“

Historische Abbildung des evangelischen Stifts in Tübingen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, akg-images)
Historische Abbildung des evangelischen Stifts in Tübingen akg-images

Judith Butler und das „Ist“ in Hegels Logik

So besteht der eigentliche Teil dieser Ausstellung aus einem großen Raum mit 13 Versuchsanordnungen. Tische, auf denen Originale und Archivfundstücke ausgestellt sind, aber auch Texte, mit denen man sich über ein Fragespiel auseinandersetzen kann.  Zum Beispiel eine Hausarbeit der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler, die sich intensiv mit dem Wort „Ist“ in Hegels Logik beschäftigt hat.

Wahrheit ist relativ – über diese Aussage hat schon Goethe mit Hegel debattiert. Ganzer Stolz des Archivs ist daher ein kleines Wasserglas mit Goldrand und mittig umlaufender Bordüre. Ein Geburtstagsgeschenk Goethes an Hegel. Heike Gfrereis: „Dieses Glas hat Goethe für die Experimente zur Farbenlehre genutzt. Es gibt ein schwarzes und ein weißes Tuch darin. Wenn Licht darauf fällt, wird das weiße gelb gefärbt, und das schwarze verändert sich zu blau.“

Hegel begegnet Napoleon in Jena. Darstellung aus Harper's Magazine von 1895 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Mary Evans Pictures Library)
Hegel begegnet Napoleon in Jena. Darstellung aus Harper's Magazine von 1895 Mary Evans Pictures Library

Nur ein kleiner Hegel-Bestand im Marbacher Archiv

Solche und andere Farbspielchen können die Besucher mit Hilfe eines Overheadprojektors auch selbst ausprobieren. Das alles ist schillernd und geheimnisvoll inszeniert und verdeckt damit die Schwäche dieser Schau: Es gibt nur einen kleinen Hegel-Bestand im Marbacher Archiv: einige Briefe, ein Aufsatz, Manuskriptfragmente.

Kuratorin Heike Gfrereis zeigt auf einen Text, zweispaltig, eng beschreiben mit vielen Korrekturen: „Hegel war vor seiner Tätigkeit als Professor in Berlin Lehrer in Nürnberg und hat auch in Philosophie unterrichten müssen. Die Vorlesungen und Seminare hat er mit Manuskripten vorbereitet. Hier sieht man in der Genese Hegels Handschrift. Hegel hat die Eigenschaft, zweispaltig zu schreiben, um sofort kommentieren zu können. In der ersten Spalte wird ein Gedanke notiert und auf der nächsten kommentiert. Auch hier steckt bei Hegel viel von einem Dozenten. Dinge werden im Gespräch weitergeführt, sind nicht fest, sondern im Fluss.“

Weitergehegelt: Mörike, Hermann Hesse und Robert Gernhardt

Wie zum Beweis liegen auf dem nächsten Tisch zwei angebliche Totenmasken Hegels: Original und Replik. Ob es sich hier tatsächlich um Hegel handelt – dieser Nachweis konnte letztlich nicht erbracht werden. 2020 steht mit Hegels 250. Geburtstag ein bedeutendes Jubiläumsjahr an, das mit dieser Ausstellung seinen ersten Schatten vorauswirft.

Da in Marbach nur wenige Originalstücke des Philosophen liegen, wurde der Katalog nach Hegel-Bezügen befragt und brachte erstaunliche Fundstücke zu Tage: Hegel vielfach zitiert, wegen seiner schwäbelnden Art parodiert, gezeichnet als Greis am Krückstock. Mörike – so erfährt man – packte das Grauen angesichts der Hegelschen Dialektik und ließ sich den Text lieber zusammenfassen. Hesse experimentiert mit Hegels Thesen im Roman „Glasperlenspiel“, während Robert Gernhardt den Philosophen kurzerhand ins Hegelstübchen an die gesellige Syntheke verfrachtet.

Ob man Hegel am Ende besser verstanden hat?

Aus vielen bunten Splittern setzt sich diese Marbacher Ausstellung zusammen, aber ob man am Ende Hegel besser verstanden hat? „Uns war das Sich-Selbst-Mehr-Bewusstwerden wichtig. Nicht im Glück sagen zu können, in welche Schublade Hegel hineingehört und was er eigentlich sagen wollte, sondern zu sehen: Denken besteht eigentlich aus ewigem Fragestellen. Das permanente Spiel zwischen Aufklären und Zuwölken ist eben tatsächlich auch Denken.“

„Hegel und seine Freunde. Eine WG-Ausstellung“ im Literaturmuseum der Moderne in Marbach vom 6. Oktober 2019 bis zum 16. Februar 2020.

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