Ausstellung Pflanzen als Hüter der Geschichte: Uriel Orlow in Mainz

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SWR2

„Conversing with Leaves“, „Unterhaltung mit Blättern“, lautet der Titel der neuen Sonderausstellung in der Kunsthalle Mainz mit Werken von Uriel Orlow. Orlow wurde 1973 in der Schweiz geboren, lebt und arbeitet in London. Die Schau ist die größte Einzelausstellung, die es bislang zu seinem Werk gegeben hat. In Uriel Orlows Pflanzenwelt einzutauchen, bedeutet, sich auf die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einzulassen.

Ausstellung Pflanzen als Hüter der Geschichte: Uriel Orlow in Mainz

„Uriel Orlow - Conversing with Leaves“ in der Kunsthalle Mainz (Foto: Kunsthalle Mainz/Oudade Soussi Chiadmi, VG Bild-Kunst, Bonn 2019/Courtesy of the artist)
Nein, die Kunsthalle wird nicht zum botanischen Garten umgebaut, wie es der Titel der Schau „Conversing with Leaves“ vermuten ließe. Bäume und Blätter sind dabei für Uriel Orlow die wesentlichen Protagonisten. - Auf dem Bild: Uriel Orlow: Soil Affinities, 2018, Installationsansicht, Les Laboratoires d'Aubervilliers. Kunsthalle Mainz/Oudade Soussi Chiadmi, VG Bild-Kunst, Bonn 2019/Courtesy of the artist Bild in Detailansicht öffnen
Für den Künstler bedeuten Pflanzen sogar noch viel mehr. Uriel Orlow: „Für mich sind Pflanzen Akteure in unserem Weltgeschehen, eben nicht nur Statisten oder Bühnenbilder. Mich interessiert, wie sich Politik mit Hilfe von Pflanzen verstehen lässt.“ Natali Kurth Bild in Detailansicht öffnen
Uriel Orlow ist für seine Projekte weltweit unterwegs. Seit einigen Jahren interessiert er sich besonders für die Verstrickungen des afrikanischen Kontinents mit Europa. Pflanzen sind für ihn dabei Vermittler, Sprachrohr und Hüter der Geschichte. Natali Kurth Bild in Detailansicht öffnen
So schlägt auch der Rundgang in der Kunsthalle Mainz einen Bogen vom Beginn der Kolonialisierung bis zu den Machenschaften der Mafia. Zeuge für Barbareien gegen Pflanzen ist bei Uriel Orlow ein ausladender Ficus Macrophylla, ein Ableger vom Baum, der am Haus des Staatsanwaltes Giovanni Falcone wächst. Falcone und seine Frau wurden von der Mafia ermordet. - Auf dem Bild: Uriel Orlow: Wishing Trees, 2018, Installationsansicht. Kunsthalle Mainz/Manifesta 12 Palermo/Simone Sapienza, VG Bild-Kunst, Bonn 2019/Courtesy of the artist Bild in Detailansicht öffnen
Zur großformatigen Fotografie läuft ein Video ab, in der die 90-jährige Anti-Mafia-Aktivistin Simona Mafai zu Wort kommt. - Auf dem Bild: Uriel Orlow: Wishing Trees, 2018, Filmstill. Kunsthalle Mainz/Norbert Miguletz/Courtesy of the artist, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Auch die Malaria-Prophylaxe ist ein Thema von Orlow. Wie in der erst kürzlich entstandenen Arbeit „Learning from plants“, „Lernen von Pflanzen“, die er im Kongo entwickelt habe, so der Künstler: „Darin geht es um eine einzige Pflanze, Artemisia. Die ist sehr gut gegen Malaria. Die Weltgesundheitsorganisation ist aber nicht unbedingt für ihren Gebrauch, auch weil die Pharmaindustrie dahinter steht.” Natali Kurth Bild in Detailansicht öffnen
Orlow sieht sich hier auch als Entwickler: „Ich habe mit 50 Frauen zusammengearbeitet, die ein Feld mit dieser Pflanze bepflanzen. Auf einem Video sieht man den ganzen Anbauprozess. Während der Ausstellung kann man sie hier auch kosten und als Tee trinken.“ - Auf dem Bild: Soil Affinities, 2018, installation view, Villa Romana Florence, 2019. Kunsthalle Mainz / Ela Bialkowska / VG Bild Kunst, Bonn, 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Uriel Orlows Arbeit ähnelt der eines Feldforschers. Er führt Interviews, geht in Archive, fotografiert, sammelt und dokumentiert. Seine Forschungen münden in Videoinstallationen, Fotografien, die ganze Wände füllen oder in Sounddesigns. Überall in der Ausstellung liegen, stehen oder hängen Flachbildschirme, auf denen dokumentierendes Material zu sehen ist. Jedes einzelne Werk hat viel zu erzählen. - Auf dem Bild: Soil Affinities, 2018. Kunsthalle Mainz / VG Bild Kunst, Bonn, 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Ein Beispiel: der alte Mandelbaum, den Uriel Orlow aus der Vogelperspektive fotografiert hat. Er gehört zur Serie „Memory of trees“. Bäume seien in der Kolonialzeit instrumentalisiert worden, sagt der Künstler: „Angefangen hat es mit diesem wilden Mandelbaum, der im 17. Jahrhundert gepflanzt wurde. Das war der erste Gewaltakt der Kolonialzeit. Denn der Baum wurde als Hecke gepflanzt, um den Garten vor Einheimischen und ihrem Vieh zu schützen, das sonst den Salat und das Gemüse gefressen hätte.“ - Auf dem Bild: Uriel Orlow: Wild Almond (Cape Town), 2016, Installationsansicht, Fotografie. Kunsthalle Mainz/Norbert Miguletz/Courtesy of the artist, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Uriel Orlow kritisiert, dass bereits bekannte Pflanzen in der Kolonialzeit einfach umbenannt wurden: „Nur für die Europäer waren die Pflanzen neu. Sie hatten längst einheimische Namen, die verdrängt wurden. Deshalb habe ich Pflanzennamen aufgenommen in zwölf südafrikanischen Sprachen. Die hört man im ganzen Raum, eine Art Audio-Pflanzenwörterbuch. Zugleich sieht man Overhead-Projektionen von Pflanzen, die damals bei den Expeditionen gesammelt wurden und im Herbarium in Kapstadt sind. Sie sind wie Gespenster von Pflanzen.“ - Uriel Orlow: Wishing Trees, 2018, Filmstill. Kunsthalle Mainz/Norbert Miguletz/Courtesy of the artist, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
In Uriel Orlows Pflanzenwelt einzutauchen, bedeutet, sich auf die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einzulassen. Und vielleicht wird man dann die vermeintlich „urdeutsche rote Geranie“ mit ganz anderen Augen sehen. Die wurde nämlich von einer niederländischen Handelskompanie, die am afrikanischen Kap ihren Sitz hatte, nach Europa eingeführt und heißt eigentlich „Pelargonie“. - Auf dem Bild: Uriel Orlow: Geraniums are Never Red, 2017, Installationsansicht, Kunsthalle Sankt Gallen, 2018. Kunsthalle Mainz/Gunnar Meier, VG Bild-Kunst, Bonn 2019/Courtesy of the artist Bild in Detailansicht öffnen

„Uriel Orlow - Conversing with Leaves“ in der Kunsthalle Mainz vom 29. November 2019 bis zum 23. Februar 2020.

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