Ausstellung „Lebensmenschen”: Alexej Jawlensky und Marianne von Werefkin in München

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12:33 Uhr
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SWR2

Fast dreißig Jahre lang waren die Maler Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin ein Paar, doch noch nie sind sie in einer gemeinsamen Ausstellung gezeigt worden. Das Münchner Lenbachhaus, spezialisiert auf den deutschen Expressionismus, holt das nun nach – und zeigt die beiden Russen, die die wichtigsten Jahre ihres Lebens in München und der Schweiz verbrachten, in einer großangelegten gemeinsamen Retrospektive. Unter der Überschrift „Lebensmenschen“ zeigt das Lenbachhaus nicht nur eine komplizierte Beziehung, sondern auch zwei Lebenswerke, die sich signifikant voneinander unterscheiden.

Ausstellung „Lebensmenschen - Alexander von Jawlensky und Marianne von Werefkin“

Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin, Ausstellung im Lenbachhaus München (Foto: Fondo Marianne Werefkin, Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona)
Rein künstlerisch waren sie sich wohl nur zu Beginn ihrer Beziehung nahe, in den 1890er Jahren in Sankt Petersburg. Da malten Alexej von Jawlensky und Marianne Werefkin beide noch realistisch. Sie, die betuchte Tochter eines hohen Beamten, er ein Kadett, der sich vor dem Militär an die Kunsthochschule gerettet hatte. - Auf dem Bild. Marianne von Werefkin - Selbstbildnis mit Matrosenbluse, 1893, Öl auf Leinwand, 69 × 51 cm. Fondo Marianne Werefkin, Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona Bild in Detailansicht öffnen
Als sie 1896 nach München zogen, suchten sie einerseits Anschluss an die beginnende Moderne, aber auch an die libertären Lebensformen Schwabings – sagt Kuratorin Annegret Hoberg: „Sie hat tatsächlich zehn Jahre lang, von 1896 bis 1906, ihre eigene Malerei aufgegeben, um Jawlenskys Talent zu fördern. Und Jawlensky hat an der damaligen Avantgarde versucht sich rein praktisch zu schulen, wie viele beginnende Avantgarde-Künstler es gemacht haben, hat van Gogh, Cézanne, Gauguin rezipiert in diesen Jahren.“ - Auf dem Bild: Alexej von Jawlensky - Selbstbildnis mit Zylinder, 1904, Öl auf Leinwand, 65,5 × 46,4 cm, Privatsammlung. Lenbachhaus München Bild in Detailansicht öffnen
Diese Einflüsse sieht man auch in der Ausstellung. Jawlensky lädt sich vor allem an den Farben der wilden Männer Gauguin und van Gogh auf, während Werefkin, als sie wieder zu malen beginnt, sich eher an melancholischen Malern wie Munch und Hodler orientiert. Mit diesem Rüstzeug verbringen sie ab 1908 die heißen Sommer in Murnau, gemeinsam mit Kandinsky und Gabriele Münter. - Auf dem Bild: Marianne von Werefkin - Tragische Stimmung, 1910, Tempera auf Papier auf Karton, 46,8 × 58,2 cm. Fondo Marianne Werefkin, Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona Bild in Detailansicht öffnen
Hier kommt es zu der Explosion von Farbe, mit der vor allem Jawlensky die Voralpen-Landschaft in pure Intensität verwandelt. Werefkin ist da vorsichtiger. Sie malt schon damals symbolhaft aufgeladene, nächtliche Berge und Kirchen vor Gletschern, aber auch Trümmerlandschaften, die den Ersten Weltkrieg vorwegnehmen, traurige Ballszenen, Zirkusmanegen. Ihr Stil ist eine melancholische Sachlichkeit. - Auf dem Bild: Marianne von Werefkin - Die Landstraße, 1907, Tempera auf Papier auf Karton, 69 × 105 cm. Fondazione Marianne Werefkin, Museo Comunale d’Arte Moderna, Ascona Bild in Detailansicht öffnen
Jawlensky dagegen sucht die Dinge zu etwas Geistigem zu komprimieren. Seine klobigen, wuchtigen Porträtschädel scheinen schon das ganze Innenleben der Figur preiszugeben. Die Landschaften bersten vor farblichem Überfluss und Überschuss. Jawlenskys Porträt des androgynen Tänzers Alexander Sacharoff von 1909, ganz in Rot gekleidet, ist ein Fanal, ein Signet einer ganz neuen, einer abweichenden Erotik. - Auf dem Bild: Alexej von Jawlensky - Bildnis des Tänzers Sacharoff, 1909, Öl auf Karton, 69,5 x 66,5 cm. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Foto: Lenbachhaus Bild in Detailansicht öffnen
Zwei Jahre später formiert sich der „Blaue Reiter“ als Künstlergruppe. Marianne von Werefkin versammelte die Münchner Bohème. „Sie war eben auch eine fast stadtbekannte Schwabinger Gestalt“, so Kuratorin Annegret Hoberg. „Im rosa Salon in der Giselastraße 25, wo Jawlensky und Werefkin gewohnt haben, hat sich dieses progressive Künstlertrüpplein immer wieder versammelt.“ - Auf dem Bild: Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Andreas Jawlensky und Gabriele Münter in der Sollerstraße in Murnau, um 1909. Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München - Foto: Wassily Kandinsky Bild in Detailansicht öffnen
Die Ausstellung im Lenbachhaus führt nun vor, wie die Lebensgeschichten von Jawlensky und Werefkin tragisch ineinander verkeilt waren, während sie künstlerisch sehr eigenständig ihren Weg gingen. Als Jawlensky das gemeinsame Dienstmädchen schwängerte, begann eine unheilvolle Ménage à trois, die auch das Exil in der Schweiz überdauerte. - Auf dem Bild: Alexej von Jawlensky - Spanierin, 1913, Öl auf Karton, 89 x 70 cm. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Foto: Lenbachhaus Bild in Detailansicht öffnen
Während Jawlensky nach dem Ersten Weltkrieg immer stilisierter und teilweise abstrakter malte, zeigte die nun völlig mittellose Werefkin ihren Seelenzustand in nachtblauen Einsamkeitslandschaften, die von fern an Ernst Ludwig Kirchners Davos erinnern. - Auf dem Bild: Marianne von Werefkin - Der Tänzer Alexander Sacharoff, 1909, Tempera auf Papier auf Karton, 73,5 × 55 cm. Fondazione Marianne Werefkin, Museo Comunale d’Arte ­Moderna, Ascona Bild in Detailansicht öffnen
Nach der Trennung 1921 lebt Jawlensky mit Frau und Kind in Wiesbaden, schwer rheumatisch erkrankt. Er malt nur noch Gesichter. Der Höhepunkt der Ausstellung ist eine Phalanx seiner Porträts, die immer ikonenhafter und abstrakter werden. Das letzte Bild ist ein „Selbstporträt im Rasierspiegel“. Nur wenige Striche. Fast eine Totenmaske. - Hier ein früheres Bildnis: Alexej von Jawlensky - Selbstbildnis, 1912, Öl auf Karton, 53,5 x 48,5 cm. Museum Wiesbaden, Foto: Bernd Fickert Bild in Detailansicht öffnen
Marianne von Werefkin - Selbstbildnis, 1910, Tempera auf Papier auf Karton, 51 x 34 cm. Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Foto: Lenbachhaus Bild in Detailansicht öffnen

„Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin”. Ausstellung im Lenbachhaus München vom 22. Oktober 2019 bis zum 16. Februar 2020.

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