Ausstellung Kunst als Designprodukt: „Objekte der Begierde“ im Vitra Design Museum

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12:33 Uhr
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SWR2

Der Surrealismus versucht, in den Tiefen der Seele versteckte Sehnsüchte und Begierden in Bilder zu übersetzen. Alltagsgegenstände spielen darin eine zentrale Rolle. Sie wurden von den surrealistischen Künstlerinnen und Künstlern verfremdet, ironisiert und nicht selten ins Absurde gezogen. Wie stark der Surrealismus das Design der letzten hundert Jahre beeinflusst hat, zeigt jetzt die Ausstellung „Objekte der Begierde“ im Vitra Design Museum in Weil am Rhein.

Ausstellung Kunst als Designprodukt: „Objekt der Begierde“ im Vitra Design Museum

Objekte der Begierde. Surrealismus und Design 1924 - heute. Vitra Design Museum, Weil am Rhein (Foto: Foto: Dan Tobin Smith)
Wie stark der Surrealismus das Design von Alltagsgegenständen beeinflusst hat, zeigt die Ausstellung „Objekt der Begierde“ im Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Kurator Mateo Kries: „Was man hier sieht, ist die Bereitschaft des Künstlers, die sich dann auch auf Designer übertrug, die Bedeutung eines Objekts zu unterlaufen, mit der Bedeutung zu spielen. Und das war etwas völlig anderes als was die Avantgarde oder den Funktionalismus in dieser Zeit interessierte. Denn da ging es um praktische Aspekte, um den Gebrauchswert.“ - Auf dem Bild: Dan Tobin Smith, A Matter of Perspective (veröffentlicht in Wallpaper* Nr. 69, Juni 2004, Set-Design von Lyndsay Milne McLeod) Foto: Dan Tobin Smith Bild in Detailansicht öffnen
Das bizarre Bügeleisen steht gleich am Beginn der Ausstellung. Die Räume sind dunkel und geheimnisvoll gestaltet wie eine Höhle, so dass der Besucher gewissermaßen eintaucht in die Ursprünge und Abgründe des Surrealismus. Auch Marcel Duchamps berühmtes Fahrrad-Rad und andere Vorläufer und Ikonen des Surrealismus sind hier zu sehen – die Wände voller Bilder und Fotos, die Vitrinen voller Dokumente. - Auf dem Bild: Salvador Dalí, Riesige fliegende Mokkatasse mit unerklärlicher Fortsetzung von fünf Metern Länge, 1944/45 akg-images, Copyright für die Werke von Salvador Dalí: © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí/VG BildKunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Der nächste Raum untersucht den spannenden Dialog zwischen einem Gegenstand und seinem Abbild. René Magritte ist wieder mal der Kronzeuge, der uns vor Augen führt, dass sein gemaltes Stückchen Käse eben kein echter Käse ist, auch wenn er das Gemälde vorsichtshalber unter eine echte Käseglocke stellt. - Auf dem Bild: René Magritte, Le Modèle rouge, 1947 od. 1948 akg-images, Copyright für die Werke von René Magritte: VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Es geht um die Magie der Dinge, so Marco Kries: „Die Surrealisten waren fasziniert von solchen Dingen, die sie aus der Trivialkultur teilweise entnahmen, aber dann auf ihren tiefenpsychologischen Gehalt untersuchten, eigentlich wie eine Psychoanalyse unserer Dingwelt. Und das hat natürlich viel mit Design zu tun, weil das alles Alltagsgegenstände waren.“ - Auf dem Bild: Piero Fornasetti, Wandteller aus der Serie Tema e Variazioni, nach 1950 Mit freundlicher Genehmigung von Fornasetti Bild in Detailansicht öffnen
Salvador Dalí, der mit der Doppelbödigkeit der Dinge zu spielen verstand wie kein anderer, avancierte rasch zu einem Superstar des Surrealismus, auch in den USA, wo die Bewegung in den 1930er und 40er Jahren einen regelrechten Hype erlebte. Und es war gewiss kein Zufall, dass in dieser Zeit auch die Grundlagen des modernen Marketings geschaffen wurden, das mit der Manipulation des Unterbewusstseins Objekte der Begierde produziert. - Auf dem Bild: Salvador Dalí, Mae West's Face which May be Used as a Surrealist Apartment, 1934/35 bpk/The Art Institute of Chicago/Art Resource, NY, Copyright für die Werke von Salvador Dalí: © Salvador Dalí, Fundació Gala-Salvador Dalí/VG BildKunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Allerdings hat das Prinzip, auf die Funktionalität zu pfeifen und auch absurden Ideen freien Lauf zu lassen, in der Folge auch eine Menge Kitsch hervorgebracht, wie man hier sieht. Eine lebensgroße Pferdeskulptur als Lampenständer etwa ist, naja – zum Wiehern. Auch eine Erotikabteilung hat die Schau, bestückt etwa mit einer Adaption von Dalís legendärem Lippensofa von 1937. - Auf dem Bild: Gala Dalí mit dem Schuh-Hut von Elsa Schiaparelli, 1938. Salvador Dalí, Fundació GalaSalvador Dalí, Foto: André Caillet/VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Etwas betreten steht man daneben vor der Skulptur des britischen Popkünstlers Allen Jones von 1969: eine Frau in Reizwäsche, die sich rücklings als Sitzmöbel offeriert. Ein Werk, das – trotz seiner Ironie – heute brisanter erscheint als damals. Männerphantasien eben, typisch für die Surrealisten. - Auf dem Bild: Fotomodell in einem Abendkleid von Madeleine Vionnet in der Brouette von Oscar Dominguez, 1937 Man Ray Photo Library/Telimage, Paris, Man Ray Trust, Paris/VG BildKunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Doch denen ging es ja gerade darum: zu provozieren und sich dem gesellschaftlichen Konsens zu verweigern. Das „wilde Denken“, dem sie ihre Inspirationen verdankten, gilt auch für Designer als oberste Disziplin. Kontrolle ist der Tod der Kreativität.- Auf dem Bild: Yves Tanguy, La splendeur semblable, 1930 Kunstmuseum Basel Foto: Martin P. Bühler Bild in Detailansicht öffnen
Immerhin, auch das demonstriert die Schau etwa am Beispiel einer Vase mit unkonventionell zerfließender Form, kombinieren Designer ihre kreative Denkarbeit heutzutage mit digitaler Technik. Sie geben eine grobe Grundform vor und überlassen den Rest des Prozesses einem Helfer, der auch im Surrealismus eine Rolle spielte: dem Zufall. Und den besorgt ein Algorithmus. - Auf dem Bild: Victor Brauner, Espace psychologique, 1939. akg-images, Copyright für die Werke von Victor Brauner: VG BildKunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Peggy Guggenheim in ihrer Galerie Art Of This Century in einem correalistischen Schaukelstuhl von Friedrich Kiesler, 1942 picture alliance/ASSOCIATED PRESS, Foto: Tom Fitzsimmons Bild in Detailansicht öffnen
Le Corbusier, Dachwohnung für Carlos de Beistegui, Paris, 1929–1931 (veröffentlicht in Plaisir de France, 1936) Vitra Design Museum, Copyright für die Werke von Le Corbusier: F.L.C./VG BildKunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Iris van Herpen, Syntopia Look 7, F/W 2018 Mit freundlicher Genehmigung von Iris van Herpen, Niederlande, Foto: Yannis Vlamos Bild in Detailansicht öffnen
Dunne & Raby, Designs for an overpopulated planet: Foragers, 2009 Foto: Jason Evans Bild in Detailansicht öffnen
Jasper Morrison, Innenausstattung für Capellini, 1992 Mit freundlicher Genehmigung von Jasper Morrison Ltd. und Capellini Bild in Detailansicht öffnen

„Objekt der Begierde. Surrealismus und Design“ im Vitra Design Museum in Weil am Rhein, vom 28. September 2019 bis zum 19. Januar 2020.

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