Ausstellung Ironische Fotografien aus der Sowjetzeit: Boris Mikhailov in Baden-Baden

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6:00 Uhr
Sender
SWR2

Der 81-jährige ukrainische Fotograf Boris Mikhailov gehört zu den interessantesten Fotokünstlern der Gegenwart. Der Autodidakt hat bereits in den 60er Jahren begonnen, sich selbst, seine Frau und Alltagsszenen in der Ukraine zu fotografieren. In der damaligen Sowjetunion konnte er seine Bilder nicht ausstellen. Sein Durchbruch als Fotokünstler gelang ihm erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR. Schnell wurde sein Werk im Westen bekannt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem renommieren Hasselblad Foundation Award. Nun zeigt die Kunsthalle Baden-Baden eine umfassende Ausstellung seiner Werke.

Ausstellung Ironische Fotografien aus der Sowjetzeit: Boris Mikhailov in Baden-Baden

Boris Mikhailov - The Space Between Us (Foto: Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019)
Männer und Frauen sitzen schwatzend in Grüppchen im brusttiefen Wasser. Es könnte ein idyllischer Anblick sein, säßen sie nicht direkt vor dem Ausgang eines großen Abflussrohrs. Und würde man nicht drumherum Industrieruinen, stillgelegte Gleise und ausrangierte Lokomotiven sehen. Badeszenen, die Boris Mikhailov in den 80er Jahren am sogenannten „Salzsee“ in der Ukraine fotografiert hat. Halbnackte Körper von Alten und Jungen, Männern und Frauen in skurriler Kulisse. Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Salt Lake, 1986. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Die Aufnahmen, die in der Kunsthalle Baden-Baden, eine ganze Wand füllen, bilden so etwas wie einen kollektiven Körper. Boris Mikhailov hat immer wieder Körper fotografiert. Vor und auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Körper dienen dem Fotokünstler auch als eine Art Projektionsfläche für die Veränderungen in der Gesellschaft. - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Yesterday's Sandwich, 1966 - 1968. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
„Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion“, so der Fotokünstler im Gespräch mit SWR2, „hat der Körper mehr über die Gesellschaft und ihre Verfasstheit erzählt. Heute erzählt er mehr über die privaten Schicksale.“ - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Red Series, 1968 - 1975. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Heute erzählen die Fotografien zum Beispiel vom Schicksal der zahlreichen Obdachlosen, die es seit dem Systemwechsel in der ukrainischen Heimat von Mikhailov gibt. Er hat sie immer wieder aufgesucht, sich ihre Geschichten angehört. „Case history“ – „Fallgeschichten“ nennt Mikhailov die Aufnahmen, die Ende der 90er Jahre entstanden sind. - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Case History, 1997-1998. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Manche der Bilder wirken eher spontan aufgenommen, doch auf den meisten inszenieren sich die Menschen. Oder werden inszeniert. Wie der junge Mann mit entrücktem Blick, dessen nackter Oberkörper von zwei Frauen gehalten wird, wie Jesus bei der Kreuzabnahme. Diese Bilder gingen um die ganze Welt, wurden sogar im Museum of Modern Art in New York ausgestellt. - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Luriki, 1976-81 Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Wie schauen wir, im Westen, 30 Jahren nach dem Mauerfall auf diese Bilder? Die Kuratorin der Ausstellung, Luisa Heese: „Die Arbeiten von Boris Mikhailov erforschen Ränder. Vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren das die Ränder des Erlaubten, des Möglichen...” - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Sots Art, 1975-1978 Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
„...nach der Wende”, so die Kuratorin Luisa Heese, „sind es letztlich Momente des Kippens, dessen, was wir als Gesellschaft nicht mehr sehen, nicht mehr wahrnehmen wollen.“ - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - At Dusk, 1993 Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Im großen Oberlichtsaal der Kunsthalle Baden-Baden sind zwei lange, weiße Tische aufgebaut, auf denen über 150 kleine Fotografien liegen. Immer vier Aufnahmen von einem Ort aus leicht unterschiedlicher Perspektive: verlassene Spielplätze, Menschen in Straßenbahnen, Schienen, die im Nichts enden. Kleine Studien des Alltags, profan und poetisch zugleich. - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Diary, 2001. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Boris Mikhailov: „Ich wollte es nicht verheimlichen, sondern immer zeigen, wo die Bilder aufgenommen worden sind, in welcher Umgebung. Deswegen diese Serie mit immer vier Bildern aus je leicht unterschiedlicher Perspektive. Aber das Wichtigste an den Fotoserien ist der Raum zwischen den einzelnen Bildern, die Leere, die jeder mit seinen Gedanken und Bildern auffüllen kann.“ - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Four, 1982/83. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Die Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden zeigt Boris Mikhailov als vielseitigen Künstler: angefangen bei seinen ironischen Aufnahmen von sich selbst, in den Posen eines Olympioniken mit Dildo und Dolch. - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - I am not I, 1992. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Schließlich seine Sandwichbilder, bei denen er je zwei Dias übereinander gelagert hat und so psychedelische Raumerweiterungen vornimmt. - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Yesterday's Sandwich, 1966-1968. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
In seiner aktuellen „Parlaments-Serie“ hat Mikhailov Politiker bei Parlamentsdebatten zur Krim-Krise vom Bildschirm abfotografiert. Ihre verzerrten Gesichter und Hände machen darauf aufmerksam, wie leicht auch die eigenen Reden die Wirklichkeit verzerren. - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Paliament, 2014 - 2017. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Die Ausstellung erlaubt einen außergewöhnlichen Blick auf das bisherige Lebenswerk von Boris Mikhailov und ist gerade deswegen besonders reizvoll. - Auf dem Bild: Ohne Titel, aus der Serie - Unfinished Dissertation, 1984. Boris Mikhailov, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen

„Boris Mikhailov. The Space between us.“ Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden vom 16. November 2019 bis zum 9. Februar 2020.

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