Ausstellung Die Katastrophe als Kurve: „Les bruits du temps“ in Sélestat

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Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:40 Uhr
Sender
SWR2

Haben Katastrophen einen Klang? Oder eine Verlaufskurve? Lassen sich Bombenangriffe oder Erdbeben so abbilden? Dieser Frage ist der österreichische Fotograf und Historiker Arno Gisinger nachgegangen. Zwei Jahre lang hat er die Archive der historischen Straßburger Erdbebenstation erforscht. Das Ergebnis seiner Recherche ist nun eine Ausstellung, die Bilder, Klänge und Film in einen Dialog setzt. „Les bruits du temps“, Das Rauschen der Zeit, im Frac Alsace in Sélestat bei Straßburg.

Ausstellung Die Katastrophe als Kurve: „Les bruits du temps“ in Sélestat

Montage de l'exposition, image tirée du film Réplique (Foto: Arno Gisinger / Nicolas Bailleul)
Hohe Decken, Belüftungsrohre und dunkle Metallstreben. Klänge füllen den leeren Raum. Im Ausstellungsraum gibt es nur eine große Wand – ihr gegenüber erstreckt sich ein gewaltiges Panoramafenster. Die Wand ist von einem 25-fach vergrößerten Erdbebenmessbild, einem sogenannten Seismogramm, komplett bedeckt. Hauchdünne weiße Linien auf schwarzem Rußpapier. Schlägt die weiße Linie aus, bewegt sich die Erde. Arno Gisinger / Nicolas Bailleul Bild in Detailansicht öffnen
Sismogramme installé, image tirée du film Réplique Arno Gisinger / Nicolas Bailleul Bild in Detailansicht öffnen
Als Fotograf arbeite man mit der Abbildung von Wirklichkeit, so Arno Gisinger. Durch seine Recherchearbeit im Archiv der Straßburger Erdbebenstation habe sich sein Blick darauf, wie man Wirklichkeit darstellen kann verändert: „Zum ersten Mal hatte ich es mit Bildern zu tun, die Realität anders übersetzen: Mit abstrakten Kurven, mit Grafiken, wie man sagt.“ Mit diesen Bildern meint Arno Gisinger die unzähligen Messbilder, auf denen 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr in der Straßburger Erdbebenstation die feinsten Bewegungen der Erde aufgezeichnet wurden – und das seit mehr als 100 Jahren.“ Arno Gisinger / Nicolas Bailleul Bild in Detailansicht öffnen
Für den Künstler stehen die wissenschaftlichen Messbilder im Gegensatz zu einem fotografischen Bild. Während ein Foto nur einen präzisen Moment festhalten kann, konservieren die Bilder der Erdbebenstation ganze Zeiträume – in nur einem Messbild. Die Messbilder sind also eine andere Art, Wirklichkeit darzustellen. Arno Gisinger / Nicolas Bailleul Bild in Detailansicht öffnen
Arno Gisinger: „Wirklich faszinierend an den Seismogrammen ist es, dass man 100 Jahre Aufnahmen, Visualisierungen von Zeitabläufen hat. Es ist eigentlich wie eine Time Machine, die - in Bilder übersetzt - das Fortschreiten der Zeit darstellt.“ Daher wohl auch der Titel der Ausstellung, das „Rauschen der Zeit“. Sam Vladimirsky Bild in Detailansicht öffnen
Hinter der Ausstellung steckt viel Theorie und Recherche. Vermittelt wird dies allerdings nur in geringem Maße. Für den Besucher fehlt ein klares Narrativ, ein guter Seismograf, um die subtilen Zusammenhänge zwischen den Ausstellungselementen zu verdeutlichen. - Auf dem Bild: Arno Gisinger in den Archiven des Museums für Seismologie, Straßburg, 2019. Arno Gisinger / Nicolas Bailleul Bild in Detailansicht öffnen

Arno Gisinger: „Les bruits du temps“ im Frac Alsace in Sélestat bei Straßburg, vom 12. Oktober 2019 bis zum 19. Januar 2020.

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