Der Maler Balthus in der Fondation Beyeler | Bis 1.1.2019 Der sündige Blick

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Von Johannes Halder

Eine der prominentesten Reizfiguren in der MeToo-Debatte ist Balthus, der sich schon zu Lebzeiten – er starb 2001 – mit dem Vorwurf konfrontiert sah, seine Bilder bedienten pädophile Phantasien. Nach der Absage einer Ausstellung im Essener Folkwang Museum vor vier Jahren gab es in New York den Aufruf, ein Balthus-Bild im Metropolitan Museum abzuhängen. Dieses Bild ist neben 39 anderen Gemälden in der Fondation Beyeler Basel zu sehen. Eine Einladung zur Kontroverse.

Später Protest gegen die Nymphchen des Fotografen David Hamilton

Ende der 60er Jahre begann der englische Fotograf David Hamilton, blutjunge Mädchen mit dem Weichzeichner seiner Kamera zu romantischen Nymphchen zu vernebeln, ziemlich nackt, mit zarter Haut und scheuen Blicken. Es waren Bilder, die mit ihrer verkitschten Softporno-Optik damals, während der sexuellen Revolution, niemanden so recht verschrecken wollten.

Der Aufschrei kam sehr spät. Kurz nachdem einige der damaligen Teenage-Models ihn des Missbrauchs bezichtigt hatten, nahm sich Hamilton vor zwei Jahren das Leben.

Fotografien halbwüchsiger Mädchen in zweideutigen Posen

Auch Balthus, der Maler, hat Mädchen fotografiert. Das heißt, er ließ sie fotografieren, denn er war ein formidabler Maler, doch ein miserabler Fotograf. Die Fotos benutzte er als Gedächtnisstütze und Vorlagen, denn kleine Mädchen sitzen bekanntlich nicht lange still, und die jüngsten waren erst acht Jahre alt.

Ausstellung in der Fondation Beyeler bis 1.1.2019 Balthus

"Therese", Öl auf Karton auf Holz, 100.3 x 81.3 cm (Foto: Fondation Beyeler - The Metropolitan Museum of Art)
"Thérèse", 1938 Öl auf Karton auf Holz, 100.3 x 81.3 cm The Metropolitan Museum of Art, New York, Vermächtnis Mr. und Mrs. Allan D. Emil, zu Ehren von William S. Lieberman, 1987© Balthus, Foto: The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florenz Fondation Beyeler - The Metropolitan Museum of Art Bild in Detailansicht öffnen

Balthus, der in Paris einst Rainer Maria Rilke auf dem Schoß saß, der ihn förderte, hat sie auch gemalt: halbwüchsige Mädchen in zweideutigen Posen, in Kniestrümpfen, hochgeschobenen Röcken und leicht geöffneten Blusen – auf Sofas oder Stühlen lungernde Lolitas, in den stumpfen Schimmer der Farbe getaucht. In sich selbst versunken scheinen sie wie weggetreten und entrückt in eine andere Welt. Man kann ihnen eigentlich gar nicht zu nahe treten, sie halten den Betrachter von sich aus auf Distanz.

Balthus ist mehr als das Thema "Mädchen"

Auch in der Fondation Beyeler in Riehen sind ein paar davon zu sehen, eigentlich nur eines, aus New York: „Thérèse, träumend“ von 1938. Das ist es schon, beschwichtigt der Kurator Raphaël Bouvier: „Wir wollen eigentlich seine künstlerische Vielfalt auch vor Augen führen. Das Thema des Mädchens ist ein wichtiges, sehr präsentes Thema. Aber er hat noch viele andere Themen behandelt. Und das versuchen wir in der Ausstellung auch zu zeigen.“

Es ist ein gezähmter und entschärfter Balthus, der in Riehen zu sehen ist, eine taktisch kluge und auch legitime Bildauswahl, die fragen lässt: Skandal? Welcher Skandal? Wir sehen ganz normale Akte, irgendwo zwischen Mädchen und Frau, aber keineswegs anstößig, Landschaften, Straßenszenen, Stillleben, Porträts und Selbstporträts.

Balthus‘ freskohafte Malerei ist antimodern

Balthus‘ delikate, mitunter freskohafte Malerei ist antimodern, oft surrealistisch angehaucht und wie aus der Zeit gefallen. Eine stillgestellte Welt. Eine Augenweide ist das „Kartenspiel“ von 1948/50 aus Madrid mit den beiden spielenden Kindern am Tisch. Balthus sucht seltene Gesten und manierierte Posen, er malt verhexte Idyllen und vertrackte Figurenkonstellationen mit ungelenk verrenkten Gliedmaßen.

Ehemalige Modelle von Balthus werden als Kronzeuginnen zitiert

Ähnlich verkrampft versucht der Katalog, dem Maler für das pubertäre Personal seiner Mädchenbilder moralisch wie ästhetisch die Absolution zu erteilen und zu betonen, dass nichts, was Balthus malte oder tat, jemals justiziabel geworden sei. Als Kronzeuginnen bietet man sogar einige der damaligen Modelle auf. „Das eine Modell wird für eine Führung speziell kommen, wo sie auch ihre Erfahrungen und ihre Erinnerungen an diese Zeit, als sie für Balthus Modell stand, zum Ausdruck bringt. Also wir wollen auch den Modellen eine Stimme geben.“

Video: SWR Aktuell-Beitrag zur Ausstellung „Balthus“

Balthus' Bilder sind nicht indiskret

Balthus‘ Bilder sind ebenso betörend wie verstörend. Indiskret sind sie nicht. Sündig ist allein der Blick, der von gewissen Bildern nicht lassen mag. Dafür ist jeder selbst verantwortlich. Und deshalb: Wer sich diese schöne Schau nicht gönnt, ist selber schuld.

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