Bacon und Giacometti in der Fondation Beyeler Zwei besessene Künstler

Ausstellungsbericht am 27.4.2018 von Johannes Halder

Auf den ersten Blick haben sie nur wenig miteinander zu tun – der Schweizer Maler und Bildhauer Alberto Giacometti und der englische Maler Francis Bacon. Beide haben die Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachhaltig beeinflusst, beide haben beeindruckende Werke geschaffen, die inzwischen zu den teuersten der Klassischen Moderne zählen.

Und doch, das zeigt jetzt eine Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel, waren sie so etwas wie Seelenverwandte. Sie waren Freunde und Rivalen gleichermaßen, und Bacon sagte über den acht Jahre älteren Kollegen einmal, Giacometti sei der Mann, der ihn mehr als irgendein anderer beeinflusst habe.

Rund 100 Werke beleuchten die spannende Beziehung der Künstler in dieser grandiosen Doppelschau: Bacon – Giacometti.

„Das Chaos macht die Bilder“

Man kann diese wunderbare Schau eigentlich problemlos auch im letzten Saal beginnen. Dort steht man unversehens in den Ateliers der beiden Künstler, deren räumliches Abbild mit raffinierter Technik im Maßstab 1:1 an die Wände und auf den Boden projiziert ist – eine fast perfekte Illusion, untermalt durch akustische Statements der Künstler.

Da ist Bacons Atelier in London, eine unfassbar enge Klause, zugemüllt mit Bergen von Farbeimern, Pinseln, Fotos und Papieren, Keilrahmen, Staffeleien und Kartons. Ein Rätsel, wie der Maler sich darin bewegen konnte, wie an diesem Ort die Großformate entstanden, die in der Schau in makelloser Schönheit an den Wänden hängen.

Bacon brauchte dieses Ambiente. „Das Chaos macht die Bilder“, sagte er, und beim Malen habe er oft mehr Glück als Verstand gehabt.

Auch Giacomettis Arbeitsplatz in Paris war nicht mehr als eine winzige Baracke, vollgestopft mit fertigen und halbfertigen Skulpturen und Gemälden, Werkzeug und Gerümpel, die Wände vollgekritzelt mit Porträts, und alles verkrustet mit dichten Schichten aus Gips.

Fondation Beyeler Bilder zur Ausstellung "Bacon - Giacometti"

Alberto Giacometti und Francis Bacon, 1965 (Foto: Fondation Beyeler - ©Graham Keen)
Auf den ersten Blick haben sie nur wenig miteinander zu tun – der Schweizer Maler und Bildhauer Alberto Giacometti und der englische Maler Francis Bacon. Doch sie waren Freunde und Rivalen gleichermaßen und beeinflussten sich gegenseitig.Alberto Giacometti und Francis Bacon, 1965, Silbergelatineabzug Fondation Beyeler - ©Graham Keen Bild in Detailansicht öffnen
Die Engländerin Isabel Rawsthorne brachte Giacometti und Bacon zusammen. Sie war zeitweise Giacomettis Geliebte und diente beiden Künstlern als Modell.Francis Bacon, Portrait of Isabel Rawsthorne Standing in a Street in Soho, 1967Öl auf Leinwand. 198 x 147 cm Fondation Beyeler | Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. 1967 erworben durch das Land Berlin - © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich Bild in Detailansicht öffnen
Francis Bacon, Three Studies for Portraits (including Self-Portrait),1969Öl auf Leinwand, Tryptichon. 35,5 x 30,5 cm Fondation Beyeler - © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich Bild in Detailansicht öffnen
Alberto Giacometti, Caroline, 1961Öl auf Leinwand. 100 x 82 cm Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler - © Succession Alberto Giacometti / 2018, ProLitteris, Zurich Bild in Detailansicht öffnen
Francis Bacon, Lying Figure, 1969Öl auf Leinwand. 198 x 147,5 cm Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler - © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich Bild in Detailansicht öffnen
Francis Bacon, Portrait of Michel Leiris, 1976Öl auf Leinwand. 34 x 29 cm Fondation Beyeler | Centre Georges Pompidou, Musée National d'Art Moderne, Schenkung Louise und Michel Leiris, 1984 - © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich Bild in Detailansicht öffnen
Alberto Giacometti, Boule suspendue, 1930Gips und Metall. 61 x 36 x 33,5 cm Fondation Beyeler | Kunstmuseum Basel, Depositum der Alberto Giacometti-Stiftung - © Succession Alberto Giacometti / 2018, ProLitteris, Zurich Bild in Detailansicht öffnen
Bacons Triptychen und die großen Platz-Arrangements von Giacometti in einem großen Saal zusammen. Die Ausstellung ist ein Gipfeltreffen zweier Künstler, die den zu ihrer Zeit modischen Weg zur Abstraktion nie genommen, sondern sich um das Thema Mensch gekümmert haben.Bacon – Giacometti Ausstellung vom 29. April bis 2. September 2018 in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel picture alliance/KEYSTONE - Patrick Staub Bild in Detailansicht öffnen

Verbunden durch eine faszinierende Frau

Bacon und Giacometti. Kennengelernt hatten sich beide durch eine faszinierende Frau, die Engländerin Isabel Rawsthorne, die zeitweise Giacomettis Geliebte war und beiden Künstlern als Modell diente.

Für Giacometti war Isabel die Initialzündung, die ihn dazu brachte, die schmalen und überlängten Figuren zu entwickeln, für die er berühmt ist. Für Bacon war das Gesicht der Frau das Fleisch, das er zu verquälten Fratzen entstellte und verzog, um hinter diesen Wunden die tieferen Wahrheiten der menschlichen Existenz zu offenbaren.

Der erste Raum ist ganz den Porträts dieser Frau gewidmet, und davon ausgehend entwickelt die Schau eine Folge thematischer Kapitel. „La Cage“ – der Käfig, heißt eines. Beide Künstler hatten ihre Figuren zeitweise in ein kastenartiges Gerüst gesteckt, das sie wie Gefangene erscheinen lässt, das ihrer Verlorenheit im Raum aber auch Halt zu geben scheint.

Francis Bacon, Portrait of Isabel Rawsthorne Standing in a Street in Soho, 1967 (Foto: Fondation Beyeler | Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. 1967 erworben durch das Land Berlin - © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich)
Francis Bacon, Portrait of Isabel Rawsthorne Standing in a Street in Soho, 1967 Fondation Beyeler | Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie. 1967 erworben durch das Land Berlin - © The Estate of Francis Bacon. All rights reserved / 2018, ProLitteris, Zurich

Beindruckendes Gipfeltreffen zweier Künstler

„La vérité criante“ – Die schreiende Wahrheit – ist ein anderer Raum betitelt. Darin Bacons schreiende Päpste mit ihren wie unter Folter schockierend aufgerissenen Mündern. Demonstratives Schweigen und Stille dagegen bei Giacometti. Dann wieder, Kopf an Kopf, Porträts ohne Ende – gezeichnet und gemalt, in Bronzegüssen oder Gipsmodell.

Und schließlich im großen Saal Bacons Triptychen und die großen Platz-Arrangements von Giacometti, die großen Schreitenden und Stehenden. Es ist ein Gipfeltreffen, die Begegnung zweier Künstler, die vor allem eines gemeinsam haben, sagt der Kurator Ulf Küster „Sie haben eigentlich den Weg zur Abstraktion, der damals sehr Mode war, nie genommen. Sie waren einfach interessiert, dieses Thema „Mensch“ trotz der Widrigkeiten der Zeit weiterzuführen und eigentlich auch bis ins Extreme zu steigern.“

Blick in den Raum mit den Bronze-Skulpturen von Giagometti "L Homme qui marche" sowie Gemaelde von Bacon (Foto: picture-alliance / dpa, picture alliance/KEYSTONE - Patrick Staub)
Blick in die Ausstellung mit Skulpturen von Giacometti und Gemälden von Bacon picture alliance/KEYSTONE - Patrick Staub

Zwei Besessene

Bacon und Giacometti, sie waren – jeder auf seine Art – zwei Besessene, zerfressen von Zwängen und Zweifeln und – bei Giacometti – getrieben vom Gefühl des ständigen Scheiterns. Und wenn man dann am Schluss der Schau die virtuellen Ateliers betritt, ist man einmal mehr davon beeindruckt, in welch kleinen Räumen die beiden Künstler diese großartigen Werke geschaffen haben.

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