Ausstellung Abstrakter Arabischer Frühling: Iman Issa im Kunstmuseum St. Gallen

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SWR2

Das Kunstmuseum St. Gallen präsentiert die erste große Einzelausstellung der in Kairo und Berlin lebenden Künstlerin Iman Issa. Werke der Künstlerin waren bereits im MoMA und im Guggenheim in New York sowie in Sammlungen in Miami und Stuttgart zu sehen.

Seit vier Jahren hat Issa an der Ausstellung gearbeitet. Sie abstrahiert Objekte aus kulturhistorischen Museen. Eigens für St. Gallen ist die Arbeit „Surrogates“ entstanden, nach dem Thriller von 2009 („Zweites Ich“), die Menschen in fremd wirkende, anonyme Existenzen verwandelt.

Ausstellung „Iman Issa – Surrogates“ im Kunstmuseum St. Gallen

 „Iman Issa – Surrogates“ im Kunstmuseum St. Gallen (Foto: Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler)
Zwei Meter lang ist ein kupferfarbener angespitzter Kegel, der auf dem Boden des St. Galler Kunstmuseums liegt. Die untere Hälfte des Kegels in umschlossen von einer Art Hülle aus weißem Holz. Eine von mehr als 20 Arbeiten, die Iman Issa „Heritage Studies“, also Studien zum kulturellen Erbe, nennt. Seit vier Jahren arbeitet sie daran. - Auf dem Bild: Iman Issa, Heritage Studies #33, 2019, Courtesy die Künstlerin; Rodeo, London/Piraeus und carlier | gebauer Berlin/Madrid. Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen
Imam Issa wählt in Sammlungen kulturhistorischer Museen Objekte aus und abstrahiert sie. Eine jahrtausendealte Mauer wird so zu einem schwarzen Block mit senkrechten Schlitzen darin, der schwarze Obelisk von Nimrud im Irak aus dem 9. Jahrhundert vor Christus zu dem kupferfarbenen angespitzten Kegel. - Auf dem Bild: Iman Issa, Heritage Studies 1, 2015, Courtesy die Künstlerin; Rodeo, London/Piraeus und carlier | gebauer Berlin/Madrid Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen
Den Objekten fügt Iman Issa kurze Texte bei, die Hinweise liefern sollen: „Der Text bringt die Bedeutung der Originalskulptur ans Licht“, so die Künstlerin. „Es geht nicht um das Verschweigen oder Geben von Hinweisen. Mehr darum zu verstehen, warum Formen aus der Vergangenheit wichtig sein könnten für die Gegenwart. Immer wenn ich denke, eine Information ist wichtig, gebe ich sie. Deshalb nennen manche Beschriftungen den Ort, von dem etwas ist, und manche nicht.“ Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen
Zu einer mannshohen Arbeit aus weißem Holz, aus dem oben dünne Kupferstäbe ragen, die mit Windungen zum Boden führen, heißt es beispielsweise: „Expedition nach Punt. Auf einem Block zum Gedenken an die wirtschaftliche Expedition der Königin Hatschepsut nach Punt. Bemalter Kalkstein von 1497 v. Chr.“ Sollen die Kupferstäbe an die Ruder der Schiffe erinnern, mit denen Hatschepsut reiste? Oder stehen sie für die Rauchschwaden des Weihrauchs, den die Königin aus Punt mitbrachte? Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen
Iman Issa liefert keine Erklärungen, sie will Spielraum liefern für Assoziationen: „Text und Objekt arbeiten zusammen, damit etwas entsteht, was nicht wirklich physisch im Raum ist. Aber ich denke nicht, dass das Objekt den Text illustriert oder der Text das Objekt erklärt. Es ist eine Zusammenarbeit.“ - Auf dem Bild: Iman Issa, Heritage Studies #7, 2015, Courtesy die Künstlerin; Rodeo, London/Piraeus und carlier | gebauer Berlin/Madrid Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen
Im Kunstmuseum St. Gallen sind die Skulpturen von Imam Issa auf sechs große Räume verteilt: ein langgestreckter Bogen aus Kupferrohr, zwei ungleich große Kegel, die aneinandergefügt auf dem Boden liegen, einer weiß, der andere rot, ein Objekt, das aussieht wie ein zusammengerollter Teppich, nur schwarz und aus Holz. „Ein Gartenteppich“, sagt der Text, „zeigt aus der Vogelperspektive einen vierteiligen persischen Garten“. Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen
Noch intensiver wirken würden Iman Issas Arbeiten, wenn sie allein im Raum stehen könnten. Das Kunstmuseum St. Gallen setzt aber darauf, die Bandbreite der ägyptischen Künstlerin zu zeigen. Deshalb ist auch „The Revolutionary“ von 2011 zu erleben – eine Installation aus zwei Hockern, Kopfhörern und einem Text, den Issa selbst geschrieben und von einem Computerprogramm hat sprechen lassen. Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen
Eigens für St. Gallen entstanden ist die Arbeit „Surrogates“, so heißt auch ein futuristischer Action-Thriller von 2009 („Zweites Ich“). Bei Iman Issa ist es eine Installation aus Filmaufnahmen von einem Demonstrationszug und drei im Raum hängenden stilisierten Köpfen, ohne Gesicht. Von vorn sehen sie fast gleich aus – wie Menschen auf Bewerbungsfotos, sagt Issa. Von hinten sind Unterschiede zu erkennen: Ein Kopf hat einen senkrechten Schlitz, ein anderer eine Art Auswuchs aus weißem Holz. - Auf dem Bild: Iman Issa, Headshots of Three Film Extras, 2019, Courtesy die Künstlerin; Rodeo, London/Piraeus und carlier | gebauer Berlin/Madrid Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen
„Ich mag die Vorstellung von Zweiten Ichs oder Ersatz-Dingen“, so Imam Issa, „denn sie unterstellen eine Beziehung zu etwas anderem und sind zugleich etwas, das selbst existiert. Man kann sie sich als Stellvertreter von etwas vorstellen, aber mit einer eigenen Existenz. Ich mag diese Kombination. Deshalb glaube ich, dass das passend ist für diese Ausstellung und die Arbeiten hier, denn sie alle haben eine Beziehung zu ihrem Ursprung und sind zugleich eigenständige Wesen oder Dinge.“ - Auf dem Bild: Iman Issa, Headshots of Three Film Extras, 2019, Courtesy die Künstlerin; Rodeo, London/Piraeus und carlier | gebauer Berlin/Madrid Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen
Demonstranten und anonyme Existenzen - europäischen Betrachtern mag diese Arbeit Iman Issas näher liegen als die Zitate aus der ägyptischen Kulturgeschichte, dennoch bleibt vieles kryptisch. Und entfaltet vielleicht gerade deshalb eine besondere Wirkung. - Auf dem Bild: Iman Issa, Heritage Studies #13, 2015, Courtesy die Künstlerin; Rodeo, London/Piraeus und carlier | gebauer Berlin/Madrid Kunstmuseum St. Gallen / Sebastian Stadler Bild in Detailansicht öffnen

„Imam Issa. Surrogates” im Kunstmuseum St. Gallen, 21. Dezember 2019 bis 26. April 2020.

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