Kunst

100 Jahre Triadisches Ballett: Was HipHop-Star Max Herre mit Oskar Schlemmer verbindet

STAND
AUTOR/IN
Marie-Christine Werner

1922 kam das Triadische Ballett von Oskar Schlemmer im württembergischen Landestheater zur Uraufführung. Was Vielen nicht bekannt ist, der Künstler wirkte damals nicht allein, er war Teil eines ganzen Kollektivs. 1919 gründete er mit anderen die Gruppe Üecht. Dazu gehörte auch der Stuttgarter Architekt und Möbeldesigner Richard Herre – Großvater von Freundeskreis-Sänger Max Herre.

Audio herunterladen (3,7 MB | MP3)

Die Stuttgarter Kessellage begünstigt die Kunst

Max Herre, die Stimme der Stuttgarter Hiphop-Band Freundeskreis, war damals Mitbegründer der offenen Künstlergruppe „Kolchose“, ein Zusammenschluss der Hiphop und Streetculture-Szene, eben mit Bands wie Freundeskreis und Massive Töne. Stuttgart – damals die erste Adresse für deutschen Hiphop.

Max Herre erklärt warum: „Ich glaube, dass diese Kessellage begünstigt, dass Menschen, die gleich gesinnt sind, sich über den Weg laufen. Das ist in einer Stadt wie Berlin viel weniger möglich, weil es viel mehr kleinere Zentren gibt und damit auch weniger Austausch. Ich glaube das hat da begünstigt, wahrscheinlich auch in den 20er Jahren. Das war in den 90er Jahren sehr ähnlich. Es gab wenige Clubs, die diese Musik gespielt haben. Es gab wenige Räume in denen junge Leute Musik machen konnten. Das musste man selbst organisieren.“

Die Gruppe Üecht wollte neues Terrain beschreiten

Mit dem Kollektiv Kolchose organisierten sich die jungen Musikerinnen und Musiker in Stuttgart selbst. Ähnlich wie zuvor im Jahr 1919. Da gründete der Großvater von Max Herre, Richard Herre, gemeinsam mit Oskar Schlemmer und anderen jungen Männern die Künstlervereinigung Üecht.

Üecht kommt aus dem Althochdeutschen und heißt Morgendämmerung: „Es waren junge Menschen, die aus dem ersten Weltkrieg zurückkamen oder zum Teil in den Krieg schon gezogen sind als Künstler und dort Korrespondenz gehalten haben. Es gab mit dem Herrn Hölzel einen Kunstprofessor, der ein Faible hatte für junge avantgardistische Künstler, der Schlemmer, Baumeister und andere unter seine Fittiche nahm. Ja es ging darum neues Terrain zu beschreiten und sich auszuprobieren“, so Herre.

Oskar Schlemmer, Das Triadische Ballett, 1922, Staatsgalerie Stuttgart - Moved by Schlemmer. 100 Jahre Triadisches Ballett in der Staatsgalerie Stuttgart 10.4. – 9.10.2022 (Foto: © )
Oskar Schlemmer, Das Triadische Ballett, 1922, Staatsgalerie Stuttgart ©

Briefe in der Stuttgarter Staatsgalerie belegen die Freundschaft

Ein Netzwerk aus Gleichgesinnten, die sich über ihre künstlerische Arbeit austauschten, aber auch versuchten gemeinsam erfolgreich zu sein und sich auf dem Kunstmarkt zu etablieren. Oskar Schlemmer und Richard Herre tauschten oder verkauften sich Werke gegenseitig, unterstützten sich finanziell, wenn das Geld mal beim einen oder beim anderen knapp war, wie Briefe im Archiv der Staatsgalerie Stuttgart belegen:

Max Herre sagt dazu: „Ich kenne einige der Briefe aber eben auch Erzählungen von meinem Vater. Und es ging sehr stark um die Kunst und sich auszutauschen. Und es gibt einfach witzige Briefe, in denen geht es dann um eine Decke, die mein Großvater nach Weimar schickte.“

Die Kunst jener Zeit ist für Max Herre von großer Bedeutung

Eine lebenslange innige Freundschaft zweier Künstler. Als Oskar Schlemmer 1943 starb, hielt Richard Herre bei der Beerdigung in Stuttgart die Trauerrede.

„Da ging es auch um das Triadische Ballett und den eigenen schöpferischen Quell und die Selbstbestätigung und das steht dann Daseins- und Zukunftslust als Wesen. Und ich find den Begriff der Zukunftslust, die aus dem Triadischen Ballett spricht, finde ich einen schönen Begriff“ sagt der Musiker Max Herre, und fügt an, dass die Kunst jener Zeit für ihn von großer Bedeutung ist.

Das zeigt einmal mehr, dass die bunten geometrischen Figuren aus Oskar Schlemmers Triadischem Ballett auch nach 100 Jahren nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Stuttgart

Ausstellung Oskar Schlemmers Kunst: 100 Jahre Triadisches Ballett in der Staatsgalerie Stuttgart

Oskar Schlemmers „Triadisches Ballett“ in der Staatsgalerie Stuttgart wird 100 Jahre alt. Nachdem die Figurinen jahrelang still und stumm gestanden sind, dürfen die Puppen wieder ein wenig tanzen, wenn auch nur mechanisch. Und gleich drei Künstlerinnen der Gegenwart haben sich von ihnen inspirieren – und „bewegen“ lassen.  mehr...

Kunscht! SWR Fernsehen

Forum Die Erfindung der Performance – Von Oskar Schlemmer zum Hip-Hop

Marie-Christine Werner diskutiert mit
Dr. Anja K. Arend, Folkwang Universität der Künste, Essen
Max Herre, Singer-Songwriter und Musikproduzent
Dr. Susanne Kaufmann-Valet, Kuratorin der Ausstellung „Moved by Schlemmer" in der Staatsgalerie Stuttgart  mehr...

SWR2 Forum SWR2

STAND
AUTOR/IN
Marie-Christine Werner