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Zum Tod von Al Jarreau Stimmakrobat und Improvisationsgenie

Der US-amerikanische Jazzsänger Al Jarreau ist im Alter von 76 Jahren verstorben. Insgesamt sieben Grammys und viele andere Preise hat der Stimm-Akrobat und Erneuerer des Jazzgesangs im Laufe seines Lebens gewonnen. Al Jarreau hatte die wohl phänomenalste Stimme des Jazz und prägte eine ganze Generation an Musikern. Es gibt kaum einen Jazzsänger, der nicht von dem großartigen Vokalisten Al Jarreau inspiriert wurde.

Erneuerer des Jazzgesangs

Er war ein Stimmwunder. Al Jarreau konnte selbst jene Menschen von der Lebendigkeit und Großartigkeit der improvisierten Musik überzeugen, die beim Wort "Jazz" Pickel bekommen. Anfang der 1970er Jahre schien der männliche Jazzgesang zu stagnieren; er steckte fest in der Crooner-Tradition der Big-Band-Sänger a la Frank Sinatra, stagnierte in den immer wiederkehrenden Bahnen, den die Bebopper mit ihren Scat-Vokalisen einschlugen. Und dann betrat da ein Sänger in der Bay Area, San Fransisco, die Bühne und krempelte die Jazz-Vokal-Landschaft völlig um.

Zuhause in allen afroamerikanischer Musiktraditonen

Jarreau war ein Eklektiker: er war damals der erste Sänger, der in seinem Gesang Jazz, Rock, Latin, Soul, Funk, Rhythm & Blues und afrikanische Sounds in einen mitreißenden leidenschaftlichen Vokal-Mix zusammenbraute. Und dem Jazzgesang damit völlig neue Impulse gab.

Al Jarreau war ein Spätzünder. Der Sohn eines Predigers und Sängers arbeitete zunächst als Psychologe und Heilpraktiker in einer Reha-Klinik. Er war 35, als er 1975 mit seinem Debut-Album "We Got By" die internationale Bühne betrat. Mit damals völlig unüblichen Vokaltechniken hat er dem männlichen Jazzgesang Anfang der 1970er Jahre neue Richtung gewiesen.

"Ein ganzes Orchester in seiner Kehle"

Er habe ein ganzes Orchester in seiner Kehle sitzen, wird oft gesagt. Das ist richtig und auch ein bisschen falsch. Richtig, weil Jarreau als erster viele neue instrumentale Farben in den Jazzgesang eingeführt hat, die man bis dahin bei Sängern nicht gehört hat: mit seiner Stimme Saxofone, Trompeten, Posaunen, Flöten und Congas nachahmend und in glanzvolle Improvisationen einbindend. Falsch, weil es bei Al Jarreau nicht in erster Linie um Artistik geht. Da singt einer nicht "nur" mit der Kehle, sondern mit dem ganzen Körper– von den Zehen bis zu den Haarspitzeen - in einer hinreißenden, ansteckenden Musikalität. Grandios dokumentiert ist dies auf seinem vielleicht besten Album, für das er den ersten von insgesamt 7 Grammys bekam: „Look To the Rainbow“ von 1977.

Leichtigkeit, Esprit, Witz und Charme

Jarreau  hat in seinem Leben nur ganz wenige Blues gesungen, und wenn er das tat, gehörten sie nicht zu seinen besten Interpretationen. Stilistisch gesehen stand Jarreau auf der Sonnenseite des Lebens. Er  war ein "Sunshine-Singer", einer mit seiner Musik pures Wohlbefinden verbreiten konnte. Eine genuine Leichtigkeit, Esprit, Witz und Charme – all diese Eigenschaften sind selbst in seinen komplexesten Songs allgegenwärtig, und vielleicht  genau deshalb, wegen der Warmherzigkeit, die seine Musik ausstrahlt, gewann er ein Millionenpublikum, welches ihm manchen Ausflug in Smooth-Jazz-Gefilde und mittelmäßige Broadway-Shows verzieh.

Jarreau hatte eine ganz besondere Beziehung zu Deutschland. In Hamburg, im legendären Jazzclub "Onkel Pö", begann sein internationaler Durchbruch. Und das deutsche Publikum liebte er ganz besonders.

Inspiration für eine ganze Generationen an Jazz-Vokalisten

In Erinnerung bleiben wird Al Jarreau als ein Musiker, der dem Jazzgesang neue Perspektiven gegeben hat. Ob sie nun Bobby McFerrin, Theo Bleckmann, Michael Schiefel oder Gregory Porter heißen - es gibt kaum einen aktuellen Jazzsänger, der nicht auf die eine oder andere Weise von dem großartigen Vokalisten Al Jarreau inspiriert ist.

"Take Five"- die berühmte Interpretation Al Jarreaus von 1976:

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