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SWR2 Kulturgespräch 13.8.2012 Der Musikversteher

Hartmut Fladt, Musiktheoretiker an der UdK Berlin, über die Liebe zur Musik und was wir fühlen, wenn wir hören

Warum brennt sich manch ein Musikstück so schnell in unsere Herzen ein? Und warum ein anderes nicht? Der Autor und Musiktheoretiker Hartmut Fladt von der Universität der Künste Berlin hat zu diesen Fragen ein Buch geschrieben, das diese Woche auf den Markt kommt, es heißt „Der Musikversteher – was wir fühlen, wenn wir hören“.

Der Buchtitel wirft ja schon die erste Frage auf: Was heißt denn eigentlich Musik verstehen?

Musik verstehen heißt natürlich, sie einerseits erst mal mit dem Gefühl aufzunehmen, eine Unmittelbarkeit herzustellen. Und dann ist das Anliegen dieses Buches, dass es gleichzeitig auch möglich ist, durch einen Akt des Verstehens, also durch zusätzliches Wissen, dieses Fühlen noch intensiver zu machen und genauer zu machen.

Denn das Problem bei der Musik ist in der Regel - man kann es jetzt wissenschaftlich sagen - dass man intentional hört, also dass man Musik rezipiert und dass man gleichzeitig in die Musik etwas hineininterpretiert, beziehungsweise hineinlegt.

Und Sinn des Buches ist, dass man diese Art von Rezeption jetzt etwas genauer definiert und auch kanalisiert.

Das heißt, um Musik zu verstehen muss ich ihre Sprache können, verstehen können?

Ja, ich muss die unglaublich vielen verschiedenen Sprachen der Musik verstehen können. Und das ist ein Anliegen des Buches, zu zeigen, dass es unendlich viele Sprachen und Dialekte in der Musik gibt, und dass sie irgendwie auch miteinander verwoben sind. Und, dass man - genau wie bei normalen Sprachen – die Grammatik kennen muss und die Vokabeln und Redensarten. Aber ganz wichtig in der Musik ist auch, dass man die Tonfälle kennt der Sprachen. Das ist unendlich wichtig.

Jetzt gibt es Musikstücke, die eine einfachere Sprache sprechen, zum Beispiel die „Meditation“ von Jules Massenet. Sie wird von so vielen Menschen grenzüberschreitend geliebt und verstanden.

Warum setzt denn hier so unvermittelt der Wohlfühlfaktor ein, während wir uns da bei Schönberg zum Beispiel sehr viel schwerer tun?

Also erst mal: Das ist eine Musik, die einerseits wirklich hart an der Grenze der Kitschkante ist, aber andererseits gleichzeitig sehr schön und sehr anrührend und ich muss auch sagen, sehr gut gemacht.

Wenn man bestimmte kulturelle Voraussetzungen hat, dann kann man diese Musik unmittelbar lieben. Aber mit anderen Voraussetzungen wird man sie hassen. Also zum Beispiel der Hip-Hop-Hörer wird sie auf jeden Fall hassen, genauso wie der Avantgardekenner sie hassen wird, aus unterschiedlichen Gründen.

Wenn ich das Stück in meinem Buch hätte, dann würde ich zeigen wollen, wie dieser Widerspruch in der Musik verankert ist.

Das ist bei Massenet diese Mischung aus melodischer Eingängigkeit und Einfachheit und gleichzeitig raffinierter spätromantischer Harmonik. Und auch die gesamte Dramaturgie des Stückes, wo im Mittelteil ein Aufbruch in Abgründe passiert und dann kommt die schöne Melodie wieder als Erlösung. Das ist einfach sehr, sehr gut gemacht.

Sie sprachen eben an, dass Musik auch aus Vokabeln, aus Grammatik, aus Konversation besteht, wie eine Fremdsprache. Das heißt, je mehr Sprachen ich kenne oder je besser ich diese Sprache beherrsche, desto schwierigere Musik verstehe ich auch? Kann man das sagen?

Das kann man wirklich so sagen. Das klingt jetzt ein bisschen einfach, aber mit allen Problemen, die damit verbunden sind: ja, das geht.

Und es ist auch so - ich habe es bei mir selbst einfach immer wieder erlebt - wenn ich bestimmte Musik nicht gemochte habe, dann habe ich sie in anderen Kontexten wieder neu kennen gelernt, habe mich um die Kontexte bemüht und habe plötzlich gelernt, die Musik zu lieben. Und das ist mir bei vieler Musik so gegangen, dass ich vom Saulus zum Paulus geworden bin. Und ich hoffe, das geht bei anderen Menschen auch.

Josef Haydn sagte vor seiner Reise nach London: „Meine Sprache versteht man durch die ganze Welt.“ Würden Sie dem widersprechen?

Ich würde dem einerseits zustimmen, denn diese Sprache der Musik, die er da gesprochen hat, konnte man damals wirklich auch verstehen, überall, aber wirklich nur in der bürgerlich adeligen Welt Europas und der europäischen Kultur. Und die europäische Kultur war ja dann auch eine weltweite Kultur. Da hat man sie verstanden. Denn man musste bestimmte Bildungsvoraussetzungen dafür haben. Zum Beispiel erinnere ich mich an Goya-Bilder aus dieser Zeit, wo Mitglieder der spanischen Königsfamilie Haydn-Noten in der Hand haben.

Haydn war unglaublich populär und zwar bei Bürgern und auch sogar bei Kleinbürgern, die eben Musikverständnis gehabt haben, bis hin zum Hochadel.

Aber Haydn hatte trotz alldem wirklich die utopische Idee einer Sprache der Musik für alle Menschen. Von daher war er sehr, sehr demokratisch, für alle Menschen, ohne soziale, ethnische und andere Schranken. Und das war auch ein aufklärerisches Ideal, ja.

Gibt es das heute auch noch - Musik, die über alle Gesellschaftsformen hinausgeht, die alle Grenzen überschreitet?

Oh, ich fürchte nein.

Es ist so, dass natürlich bestimmte Arten von Popmusik, einfach auch aufgrund der ökonomischen Raffinesse diese Art von umfassender Gültigkeit für sich beansprucht und sie möglicherweise auch mittlerweile durchsetzen kann.

Also das heißt, wenn ich in die Südsee komme und dann ein einheimisches Liedgut hören will, dann höre ich plötzlich Britney Spears oder was auch immer.

Erich Kästner sagt: „Die Zunge der Kultur reicht weit – sie kann mich mal.“

Die Beispiele, die Sie in Ihrem Buch aufführen reichen ja von Beethoven, Mendelssohn, Wagner über Elvis Presley und John Lennon, bis hin zu Herbert Grönemeyer und „Die Toten Hosen“. Nach welchen Kriterien haben Sie diese Beispiele denn ausgewählt?

Es geht ja noch weiter, es geht noch bis in die Avantgarde der Jetztzeit, das heißt auch Ligeti und ähnliche Komponisten sind da genannt und analysiert. Ich wollte wirklich ein Gesamtpanorama haben. Und was ich zeigen wollte war, wie all das zusammenhängt.

Ich finde das so unglaublich faszinierend, dass in der Musik so viele Grenzüberschreitungen möglich sind, dass man eben diese Grenzpflege, die heute meist aus kommerziellen Gründen gemacht wird, in Spartenradios und so weiter, dass diese Grenzpflege eine ziemlich unangenehme Sache ist, die man überwinden kann. Und ich kann dann zeigen wie beispielsweise bei den Beatles, bei einem Stück wie:

„A Day in the Life“ plötzlich ein Ligeti-Zitat vorkommt. Denn das haben die damals, zusammen mit George Michael, gehört. Die haben also neue Musik wie Stockhausen und Ligeti gehört.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Buchautor Hartmut Fladt führte Ulla Zierau am 13.8.2012 um 7.45 Uhr.

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