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Matinee | Heimliche Lieblinge: Bösewichter

Kommt ein Bösewicht, der Böses nur verspricht

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Heute ist das Böse omnipräsent, skurril und vor allem: furchtbar geschwätzig. Schon seit zig Staffeln turnt der Zwerg Tyrion Lannister durch die sinnlosen Taten-und-Schlachtengemälde von "Game of Thrones". Er kann niemanden abmurksen, ohne sich nicht mit einem neuen Kalenderspruch zu verewigen. So was wie: "Ich möchte einfach auf der Mauer stehen und von dort oben über den Rand der Welt pissen." Kann man verstehen. Muss man aber nicht.

Heute ist das Böse omnipräsent, skurril und vor allem: furchtbar geschwätzig. Schon seit zig Staffeln turnt der Zwerg Tyrion Lannister durch die sinnlosen Taten-und-Schlachtengemälde von "Game of Thrones". Er kann niemanden abmurksen, ohne sich nicht mit einem neuen Kalenderspruch zu verewigen. So was wie: "Ich möchte einfach auf der Mauer stehen und von dort oben über den Rand der Welt pissen." Kann man verstehen. Muss man aber nicht.

Das Böse ist immer und überall. Drum schmiedet ein wahrer Bösewicht immer und überall seine Ränke. Am gründlichsten in Tolkiens "Herr der Ringe". Man muss deshalb auch gar nicht wissen, ob er nun Sauron heißt, Gorthaur, Schnuckiputz oder Bling-Bling. Hauptsache, er werkelt irgendwie und irgendwo an der Herrschaft über Mittelerde, baut Burgen, erschreckt Elfen oder huscht als Geist durch den Wald Tuar-nu-fitzli-putzli-hastdunichtgesehen.

Er ist ein Teil des Teils, der anfangs alles war. Die komplizierte Dialektik, mit der Goethe seinen Mephisto in das Weltgeschehen hineinbugsiert, wirkt heute recht wortreich. Vergleichsweise bescheiden dagegen die Pudelverkleidung - und das berühmte Tröpfchen Blut auf dem Zettel, mit dem ihm Heinrich Faust seine Seele verschreibt. Andere Bösewichte bedienen sich inzwischen weitaus spektakulärerer Mittel, um ihren Widerpart ins Verderben zu führen.

Auch das ist ein wahrer Bösewicht: er kann und darf einfach nicht aufhören. Egal wie viele Menschen dran glauben müssen. Hauptsache, Hannibal Lecter mordet weiter. Sonst gibt es nichts mehr zu tun für die Guten auf dieser Welt. Und ähnlich wie die Daueraufgabe, James Bond zu sein, noch unendlich viele Schauspieler verschleißen wird, wird sicher auch Hannibal Lecter nach Michael Mann, Anthony Hopkins, Gaspar Ulliel oder Madds Mikkelsen noch manches Opfer fordern.

Darth Vader lehrt uns eigentlich nur noch eines: Selbst das Böse kann einem zu viel werden. Röchel, röchel - und schon kommt wieder eine Dutzendkopie des Star-Wars-Bösewichts um die Ecke. Auch das Böse kennt offensichtlich Inflationseffekte. Auf der dunklen Seite der Macht scheint Darth Vader deutlich besser aufgehoben. Irgendwo im Gerümpelkeller, bei den anderen Karnevalskostümen.

Ach ja, Bösewichte sind vor allem: hässlich. Vermutlich, damit man sie leichter als solche erkennen kann. Insofern müssen wir dem "Joker" dankbar sein, dass er im Kampf gegen Batman in einen Säurebottich gefallen ist. Das erspart uns komplizierte Deutungen seiner Taten. Es genügt völlig, dass Joker alias Jack Nicholson mit notdürftig repariertem, ausgeschminkten Gesicht durch die Geschichte seiner Missetaten stolpern muss.

Auf den ersten Blick ein unscheinbarer Bösewicht. Doch Andrew Scott als Jim Moriarty in der Detektivserie "Sherlock" ist vielleicht die glaubwürdigste Verkörperung des Bösen in der Gegenwart. Wenn alle Existenz auf Erden sinnlos ist, meint dieser Moriarty, besteht der einzige Sinn darin, mit dem eigenen Schicksal zu spielen. Seine tödlichen Spielchen treibt Moriarty als Holmes-Widerpart, bis er sich konsequenterweise erschießt - in der (vergeblichen) Hoffnung, damit auch Sherlock zum Selbstmord zwingen zu können.

Zeig mir Deine Zähnchen, Kleiner. Graf Dracula verbreitet heute wirklich nur noch wenig Furcht und Schrecken. Vampire bevölkern als liebenswerte Zeitgenossen längst Kinderbücher, Zeichentrickfilme und endlose "Vampire Diaries"-Staffeln. Auf dem transsylvanischen Zauberschloss von Onkel Nosferatu einen Abenteuerurlaub buchen - das wäre mal was. Leider liegt der Gastgeber mittlerweile ziemlich reglos in der Kiste.

Die bösen, kalten Augen sind noch immer das Wichtigste am überzeugenden Bösewicht. Denn eigentlich ist es ziemlich egal, ob Lord Voldemort nun den Tod überwindet, mit Dämonenfeuern Diademe zerstört - oder Harry Potter vor irgendeine knifflige Hex-Hex-Aufgabe stellt. Hauptsache er wabert immer wieder unheildräuend durch den Hintergrund der Kulisse - mit seinem Böse-böse-böse-Blick.

Der unvermeidliche Bösewicht: Gert Fröbe als "Goldfinger". Woher kommt seine große Beliebtheit? Vielleicht verdankt sie sich der heimlichen Sehnsucht, auch einmal ein richtig böser Junge zu sein. So schlimm ist Goldfinger schließlich nicht. Beim Golfspielen schummeln viele Wichtigtuer. Ford Knox leerzuklauen ist der Wunsch jedes sozialistisch angehauchten britischen Gentlemans. Und dass er James Bond mit einem Laserstrahl tatsächlich zersägen würde, kauft man ihm nicht ab.

Das Böse ist mitten unter uns. Und wird meistens nicht erkannt. Schon gar nicht, wenn völlig indisponierte Ermittler wie Kommissar Juve (Louis de Funès) den genialen Bösewicht Fantomas dingfest machen sollen. Mit eisiger Kälte verkörperte Jean Marais das verborgene, diskrete Böse - das seit den frühen Tagen von Fantomas und Dr. Mabuse gleichwohl im Abwind scheint. Der Zeitgeist weht merklich in Richtung des penetranten, lauten Bösewichts.

Ein zentrales Attribut des Bösewichts: seine scheinbare Unzerstörbarkeit. Agent Smith (Hugo Weaving) im Inneren der "Matrix" - das ist eine unverwüstliche Kampfmaschine, die mit normalen Mitteln nicht zu bezwingen scheint. Angefangen hat die Geschichte dieser bösen Technikwesen mit Yul Brynner in "Westworld", später stapfte Arnold Schwarzeneggers "Terminator" zurück in die menschliche Vergangenheit. Und auch Agent Smith wird zweifellos seine Nachfolger finden.

Auch bei den Bösewichtern hapert es mit der Geschlechtergerechtigkeit. Eine #MeToo-Debatte im Reich der Finsternis ist überfällig. Wo bleibt eine überzeugende Bösewichtin, wo es doch derart viele Bösewichter gibt? Da muss man schon Ortrud aus Wagners "Lohengrin" bemühen. Schäbigerweise verleitet sie die verliebte Elsa, ihren weißen Rettungsritter nach seiner wahren Herkunft zu befragen. Das also ist an Frauen wahrhaft das Schlimmste - dass sie immer so neugierig sind oder andere Frauen zur Neugier anstiften. Tststs.

Wer böse sein will, braucht vor allem einen stabilen Grund dafür, es zu bleiben. Hagen von Tronje ist ein gefürchteter Dreinschläger und der bekannt heimtückische Siegfried-Mörder aus dem Nibelungenlied. Vor allem aber hat er eine klare Vorstellung davon, wozu das Leben eigentlich da ist: um sich für alles zu rächen, was darin irgendwann passiert ist.

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