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"Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie Berlin Mein langer Weg zu mir selbst

Am 9.5.2018 von Simone Reber

Seit der Romantik hat sich Wandern zum Bild des Lebens entwickelt. Eine große Ausstellung in der Alten Nationalgalerie Berlin feiert Wanderbilder von C. D. Friedrich bis Renoir.

Ausgangspunkt: Der Wanderer über dem Nebelmeer

Caspar David Friedrichs Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“, um 1817 entstanden, ist der Ausgangspunkt für die grandiose Schau „Wanderlust“ in der Alten Nationalgalerie.

Das Bild aus der Hamburger Kunsthalle reist selten und ist jetzt zum ersten Mal in Berlin zu sehen.

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"Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie, Berlin

Entschleunigung und Welterkenntnis

Wandern als Bild für selbstbestimmtes Gehen

Für die Kuratorin Birgit Verwiebe verdichtet sich bei Caspar David Friedrich der romantische Grundgedanke des Wanderns: „Gemeint ist ja das Wandern mit keinem so ganz festen Ziel, sondern ein Wandern nach dem Motto: der Weg ist das Ziel. Dieses Wandern, dieses sich Einlassen, das freiwillige selbstbestimmte Gehen durch die Natur ist für das Werk von Friedrich überhaupt die Grundlage seiner Kunst gewesen.“

Bürgertum nutzt Wandern zur Selbstentdeckung

Caspar David Friedrich wanderte viel und gerne mit seinen Malerkollegen Georg Friedrich Kersting und Carl Gustav Carus. Jetzt hängen die verwandten Motive der drei Weggefährten nebeneinander – eine kleine Sensation.

Nach dem Motto von Jean-Jacques Rousseau „Zurück zur Natur“ entdeckten die Romantiker das Wandern als Suche nach dem eigenen Lebensweg für ihre Malerei.

Landschaftsmalerei wird autonom

Mit dem Aufbruch des Bürgertums erhielt auch die Landschaftsmalerei einen neuen Stellenwert. Birgit Verwiebe: „Mit dem Mut, selbständig, selbstbestimmt und freiwillig in die Natur zu gehen, sich auf Unbekanntes einzulassen, verändert sich diese Hierarchie, die Landschaftsmalerei wird auf einmal autonom, rückt an die oberste Stelle und wird zum zentralen Thema der Kunst des 19. Jahrhunderts.“

"Bonjour, Monsieur Courbet"

Die unbeschriebene Landschaft bietet den Künstlern neue Freiheiten. Gustave Courbet malt seine glanzvolle Begegnung mit dem Mäzen Alfred Bruyas. Der Millionär ist aus der Kutsche gestiegen und grüßt den selbstbewussten Künstler demütig. „Bonjour, Monsieur Courbet“.

Der Künstler positioniert sich in der Landschaft

Als weitere kleine Sensation ist jetzt in der Ausstellung Paul Gauguins sarkastische Reaktion auf Courbet zu sehen. Von einer Krise niedergedrückt, begegnet Gauguin in seinem Selbstporträt beim Wandern nicht etwa einem Millionär, sondern einer Bäuerin, die ihn im Vorübergehen grüßt: „Bonjour, Monsieur Gauguin“.

Die Landschaft erlaubt den Künstlern, sich zu positionieren, so Birgit Verwiebe, als Außenseiter oder als Star: „Landschaft bietet mehr Freiräume, Meditationsräume und die Möglichkeit für das Individuum, auch einmal über sich selbst und seine Stellung in der Welt nachzudenken. Und nicht schon bekannte, festgefügte Konzepte in der Wiederholung von bestimmten Historienbildern zu rezipieren.“

Mühsal des Wanderns als Vergeblichkeit des Lebens

Das Wandern wird zum Sinnbild für persönliche Entwicklung, aber auch für die Mühsal des Lebens und seiner Vergeblichkeit. Für Besucher bietet die reichhaltige Ausstellung Gelegenheit, in den klaren Farben der Berge zu schwelgen und schwindelerregende Aussichten zu genießen.

Aber in der Kunst bleibt das einsame Wandern ein männliches Privileg, so die Kuratorin: „Die Schwester von William Wordsworth, Dorothy Wordsworth, eine Poetin, ist allein im Lake District gewandert. Es gibt eine Bergsteigerin, die den Mont Blanc in dieser Zeit erklettert hat. Es gibt die Pionierinnen auch zur Zeit der Romantik, aber die sind nicht gemalt worden.“

Wandernde Frauen wurden nicht gemalt

In der Malerei gehen Frauen spazieren. Bei Auguste Renoir lösen sich die Spaziergängerinnen fast auf in der warmen Sommerlandschaft. Ebenso wie der einsame Wanderer auf dem Bergesgipfel kommen auch sie beim Anstieg durch das hohe Gras dem Himmel ein Stück näher.


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