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Junge Oper Stuttgart Antigone rebelliert mit Gelbwesten und Wutbürgern

Von Karin Gramling

Die Junge Oper Stuttgart aktualisiert den Antigone-Stoff. Als Vorlage für die Komposition von Leo Dick dient das Theaterstück des Philosophen Slavoj Žižek „Die drei Leben der Antigone“, in dem der Widerstand Antigones zu drei verschiedenen Enden geführt wird. Die Stuttgarter Kammeroper mit dem Titel „Antigone-Tribunal“ sucht Anleihen bei Wutbürgern, Gelbwesten und Vuvuzelas als misstönendem Fanal gegen die Kultur der Eliten.

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Staatstheater Stuttgart

Bilder zur Inszenierung des "Antigone-Tribunals"

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Hinter einem hohen Maschendrahtzaun ragt ein grauer Palast auf. Davor verfallene Betonmauern. In schwarze Müllsäcke gehüllt liegt der Chor auf dem Boden – heruntergekommene, erschöpfte Gestalten mit dunklen Augenringen.

Hinter einem hohen Maschendrahtzaun ragt ein grauer Palast auf. Davor verfallene Betonmauern. In schwarze Müllsäcke gehüllt liegt der Chor auf dem Boden – heruntergekommene, erschöpfte Gestalten mit dunklen Augenringen.

Der Bruderkampf zwischen Eteokles und Polyneikes um die Macht in Theben ist vorbei. Polyneikes gilt als Verräter, weil er seine Vaterstadt niederbrennen wollte. Er ist tot. Skeptisch beobachtet der Chor, wie Antigone ihren Bruder begräbt, obwohl der neue Herrscher Kreon das verboten hat.

Die Vorlage mit viel schwarzem Humor von Slavoj Žižek ist ziemlich eingedampft. Das Libretto haben Komponist Leo Dick und Regisseurin Blanka Rádóczy gemeinsam verfasst. Antigone ist darin keine strahlende Heldin. Wenn sie die Würde des Menschen über alles stellt und damit ihren Ungehorsam gegenüber der Staatsmacht begründet, dann hinterfragt der Chor ihr Handeln (hier in einer Probenszene) auf ironische Weise.

Ob sie schon an ihrem eigenen Mythos bastele, rufen die 20 Frauen und Männer frech hinter ihr her. Ihrem Todesurteil kommt Antigone schließlich zuvor. Sie bringt sich selbst um. Ihr Liebhaber Haimon, der Sohn des Herrschers Kreon, folgt ihr aus Verzweiflung in den Tod.

Komponist Leo Dick findet den antiken Stoff aktueller denn je. „Wie funktioniert heute gesellschaftliche Teilhabe?“, fragt er. „Was für eine Art von Herrschaftssystem schwebt uns eigentlich vor? Wie sehen wir das Verhältnis von Gemeinschaft und der Würde des Einzelnen? Eigentlich sind es dieselben Fragen, die auch Sophokles seinerzeit thematisiert hat.“

Plötzlich läuft im „Antigone-Tribunal“ alles rückwärts. Als ob man einen Film auf Anfang spult. Antigone zieht sich den schwarzen Plastiksack vom Kopf, mit dem sie sich gerade erstickt hat. Steht wieder auf, genau wie ihr Geliebter. Alles beginnt aufs Neue.

Noch zweimal wird die Geschichte mit einem jeweils anderen Schluss erzählt. Einmal verschwören sich dabei die Herrschenden gegen das Volk. In einer weiteren Variante entmachtet das Volk schließlich die politische Elite. Es regiert das Kollektiv. Der Chor lässt diese unterschiedlichen Enden ohne Wertung nebeneinander stehen.

Hatte Kreon Recht, das Gemeinwohl des Stadtstaates im Auge zu behalten, oder hatte der Chor Recht darin, sich beider zu entledigen und eine Herrschaft der Gemeinschaft zu errichten?

Das „Antigone-Tribunal“ nach der Vorlage von Slavoj Žižek liefert keine einfachen Antworten. Wenn der Chor auftritt, dann drängen sich oft Parallelen zu den aktuellen gesellschaftlichen Protesten der Wutbürger oder der Gelbwesten auf. Die Musik unterstreicht diesen Eindruck.

Am Ende des Stücks steht der Chor vor dem Publikum und bläst durch Vuvuzelas, einfache schwarze Plastiktröten, die mehr Luft als Töne erzeugen. Ein harter Kontrast zur komplexen Komposition von Leo Dick.

Der Komponist selbst: „Ich habe mich dafür entschieden, dem Chor mit den Vuvuzelas aus den Fußballstadien ein absolut unkünstlerisches Element zu verleihen“, so Leo Dick. „Das war für mich eines dieser klanglichen Symbole, von denen ich hoffe, dass verständlich wird, dass da etwas brodelt, dass da etwas aufbegehrt gegen eine Elitenkultur.“

Wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen könnte? Das „Antigone-Tribunal“ regt in jedem Falle dazu an, darüber nachzudenken.

3:46 min | Mi, 6.3.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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Junge Oper Stuttgart

Antigone rebelliert mit Gelbwesten und Wutbürgern

Karin Gramling

Die Junge Oper Stuttgart bringt das „Antigone-Tribunal“ auf die Bühne, nach einem Stoff von Slavoj Žižek, mit Musik von Leo Dick und Anspielungen auf Wutbürger und Gelbwesten.


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