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Ulla Hahn zu Gast als Humboldt-Professorin in Ulm „Nationale Identität“ als Einladung an Fremde

Von Anita Schlesak

Ulla Hahn zählt zu den bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Literatur, als Lyrikerin und auch Erzählerin hat sie viele Preise bekommen. In diesen Tagen ist sie an der Universität Ulm als Humboldt-Professorin zu Gast. Am 17. Januar hielt sie am Humboldt-Studienzentrum einen Vortrag mit dem nicht ganz unverfänglichen Titel: „Die Sprache ist das Haus des Seins, Völkerwanderung und die Suche nach neuer Geborgenheit“.

Alles beginnt mit der Muttersprache

Die Sprache „als Haus des Seins“, dieses Heidegger-Zitat zieht sich wie ein roter Faden durch den gut einstündigen Vortrag von Ulla Hahn. Die Debatten um Globalisierung, Flucht und Integration fasst sie provokativ als „Völkerwanderung“ zusammen. Aus der Sicht einer Poetin beginnt alles also mit der Heimat im „Haus des Seins“, eben mit der Muttersprache:

Nicht umsonst heißt es 'Muttersprache', das, was uns ganz nah ist, unsere Haut sozusagen, und Vaterland…. Aus dem Vaterland können wir vertrieben werden, aber unsere Muttersprache, die nehmen wir mit. Ulla Hahn

Deutschsein als Einladung an Fremde

Ulla Hahn bewegt die Frage, ob die Sprache auch die Grenze unserer Welt ist – und was mit den Menschen passiert, die ihre geographischen Grenzen als Geflüchtete überschreiten, aber ihre Sprache im Kopf und auf der Zunge mitnehmen. Dabei spricht sie von Heimat und heimisch werden, vom Deutschsein, ein Vokabular, das man nicht den Rechten überlassen solle. Das Deutschsein dient der Hamburger Autorin nämlich nicht zur fremdenfeindlichen Abschottung, sondern - ganz im Gegenteil - als explizite Einladung an Fremde:

Ich habe keine Angst vor Begriffen wie „nationale Identität“. Denn wir können Menschen nur dazu verlocken, bei uns eine Heimat zu finden, sich bei uns zu verwurzeln, wenn wir ihnen klar machen, dass es etwas Verlockendes ist, was wir ihnen anzubieten haben. Nämlich unser Deutschsein, unsere deutsche Kultur, das verstehe ich darunter: etwas, was verlockt. Ulla Hahn

Statt von Flüchtlingen, Geflüchteten oder Migranten spricht sie lieber von Ankömmlingen und fragt, wie diese bei uns in der Fremde ein emotionales Zuhause finden und ankommen können. Und wie wir Einheimische diese Herausforderung meistern, offen und neugierig bleiben auf die mitgebrachten Sprachen und Kulturen statt dem weltweit grassierenden Populismus auf den Leim zu gehen.

Worte sind Waffen, die zu Untaten führen

Eindringlich warnt die 73-Jährige vor perfiden Wortschöpfungen wie „Gutmenschen“ oder „Fake News“, die verbale Scharfmacher in die Welt setzen. Der virale Effekt neuer Medien wie Twitter oder Facebook, über die Rechtspopulisten wie Donald Trump Lügen, Verleumdungen und Shitstorm ungebremst verbreiten, sei fatal:

Sie drücken auf einen Knopf und dieser Mist ist in der ganzen Welt. Und all das sind Dinge, die die Demokratie hochgradig gefährden, denn das kriegen sie nicht mehr aus der Welt. Der Populist mit der blonden Haartolle, ja, der kann’s am besten und macht es allen vor: 'Ich bin der Beste, ich bin der Größte, wenn ihr auf mich hört, dann wird alles gut.' Ulla Hahn

Der Verderb der Sprache als Verderb der Menschen. Worte als Waffen, die zu Taten – und Untaten führen können. Ihr sprachphilosophischer Ausflug reicht vom Johannes-Evangelium - „Am Anfang war das Wort“ - über den Talmud und Konfuzius bis hin zu deutschen Philosophen und arabischen Dichtern.

Ulla Hahns Fazit: Nicht nur Poeten sollten die Worte auf die Goldwaage legen, sondern auch die Politiker. Ein Appell auch an alle, die Sprache zu hüten und wachsam zu sein.

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