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Beziehungsdrama "Toulouse" mit Matthias Brandt in Das Erste Drahtseilakt zwischen Flirt und Lebensabrechnung

Filmbesprechung von Karsten Umlauf

David Schalko ist zur Zeit der vielleicht erfolgreichste österreichische Kulturexport. Als Autor und Regisseur haben seine Fernsehserien „Braunschlag“ und „Altes Geld“ für Begeisterung im deutschen Feuilleton gesorgt. Noch vor der Uraufführung im Theater läuft am Abend des 12. September sein Zwei-Personenstück „Toulouse“ als Fernsehverfilmung im Ersten mit Matthias Brandt und Catrin Striebeck.

Ein heimliches Treffen im Hotel der Hochzeitsreise

Gustav und Silvia haben sich nach 19 Jahren Ehe getrennt, er hat eine jüngere Freundin. Trotzdem treffen sich die beiden noch einmal in dem Hotel an der französischen Küste, in dem sie ihre Hochzeitsreise verbracht haben.

Mann und Frau, alleine im Hotel, das kann nicht gut gehen, denkt man sich. Und während er noch hofft, mit etwas Alkohol und ein bisschen Sex mit der Ex die Beziehung zu lockern, kämpft sie um die Überbleibsel ihrer Identität und treibt ihn damit vor sich her.

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Das Erste, 12.9.

Toulouse von Michael Sturminger

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Silvia und Gustav haben sich nach 19 Jahren Ehe getrennt.

Silvia und Gustav haben sich nach 19 Jahren Ehe getrennt.

Das frisch getrennte Ehepaar trifft sich noch einmal in einem Hotel an der französischen Küste. 

Es dauert nicht lange, bis ein heftiger Schlagabtausch beginnt.

Silvia scheint Gustav stets einen Schritt voraus zu sein.

Das heimliche Treffen zwischen Silvia und Gustav bekommt eine neue Wendung, als Gustav erfährt, dass das Konferenzzentrum in Toulouse, in dem er sich angeblich aufhält, bei einem Terroranschlag in die Luft gesprengt wurde. 

Während die Opferzahl stündlich steigt, eskaliert auch die Situation zwischen Silvia und Gustav.

Am Ende geht es um alles oder nichts.

Der Ort der angeblichen Geschäftsreise wird Ziel eines Terroranschlags

David Schalkos Film und vor allem seine polierten Dialoge können nicht leugnen, dass sie eigentlich fürs Theater geschrieben sind. Und sie wollen es auch nicht. Der Film denkt seine Inszenierung quasi immer mit: die Kamera spielt mit Nähe und Distanz, sie zeigt Matthias Brandt zunächst als bübisch grinsenden Charmeur. Seiner schwangeren Freundin erzählt er am Handy irgendwas vom Wetter in Toulouse - er hat ihr erzählt, dass er dort auf Geschäftsreise ist -, dann tigert er wieder im Hotelzimmer umher, weil er vielleicht ahnt, dass er der Situation lieber entfliehen sollte.

Catrin Striebeck wirkt dagegen ruhig, dennoch giftig, ab und an zynisch und zunehmend amüsiert als sich die Ereignisse zuspitzen. Denn die angebliche Geschäftsreise nach Toulouse, auf der ihn seine Freundin glaubt, entpuppt sich als Farce als Gustav erfährt, dass genau dort, in Toulouse, ein Terroranschlag verübt wurde.

Toulouse von Michael Sturminger

Silvia (Catrin Striebeck) und Gustav (Matthias Brandt).

Hinter dem Mittelmeer kommt die große Lebenslüge zum Vorschein

Es ist schon etwas herb, einen Anschlag mit vielen Toten als Spiegel und - wenn man so will - Brandbeschleuniger für diese Geschichte zu nutzen. Aber zartfühlende Betroffenheit sollte man von einem Film von David Schalko nicht erwarten.

Während seine TV-Serien "Brauanschlag" oder "Altes Geld" korrupte Politiker und gierige Wirtschaftsdynastien aufs Korn nahmen, zielt er bei "Toulouse" auf die "große Liebe", die viele noch als Postkartenmotiv im Hinterkopf haben wie das Mittelmeer, das bei dem Film immer wieder durch die Balkontür zu sehen ist und hinter dem doch nur eine große Lebenslüge zum Vorschein kommt.

Großartige Darsteller Matthias Brandt und Catrin Striebeck

Dass einem als Zuschauer im Unterschied zu den satirischen Serien das Lachen eher im Hals stecken bleibt, liegt an den großartigen Darstellern Matthias Brandt und Catrin Striebeck und der bühnenerfahrenen Regie von Michael Sturminger, der die beiden so lange gegen die Lächerlichkeit anspielen lässt wie es eben geht. Ihr Drahtseilakt zwischen Flirt und Lebensabrechnung führt zu immer heftigeren Ausschlägen.

Toulouse von Michael Sturminger

Silvia (Catrin Striebeck) und Gustav (Matthias Brandt).

Ein Film zwischen Easy Listening und Störgeräusch

Es braucht eine Weile, bis man dem Film auf seinen Weg voller Worte und Kunstgriffe gerne und mit fasziniertem Schauder folgt. Wie seine Musik wandert er zwischen Easy Listening und Störgeräusch, steuert dann aber genussvoll auf sein höchst unterhaltsames Ende zu, von erotischer Hitze ist da längst nur noch Schweißfleck gewordene Hilflosigkeit übrig.

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