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Stuttgart „Was könnte hier noch entstehen?“: Tobias Rehbergers „Probegrube“ für S21

Es soll ein Denkanstoß sein: Im Stuttgarter Schlossgarten hat Tobias Rehbergers große, begehbare Kunstinstallation „Probegrube“ geöffnet. Auf Anregung von Schauspiel-Intendant Burkhard C. Kosminski will der 52-jährige Bildhauer damit einen Impuls für das geplante Rosensteinquartier geben, das im Zuge des Bauprojekt Stuttgart 21 entstehen soll.


Neon-Streifen und wilde Muster - der Bildhauer Tobias Rehberger ist berühmt für seine halluzinogenen Rauminstallationen. Ob Museumscafé, Kantine oder Bar - der gebürtige Esslinger will Leben und Kunst zusammenbringen, will begehbare Kunstobjekte schaffen.

Große, begehbare Kunstinstallation „Probegrube“

Das hat ihm schon den Goldenen Löwen von Venedig eingebracht. Und jetzt vielleicht: Freude oder Zorn der Stuttgarter Bürger: Denn am 16.5. wird seine „Probegrube“ geöffnet - Rehbergers Entwurf für das geplante Rosenstein-Quartier - das Stadtviertel, das Teil des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart 21 ist.

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Theater Stuttgart

Erinnerung an eine Agora: „Probegrube“ von Tobias Rehberger

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Von Susanne Kaufmann

Tobias Rehberger hat für seine „Probegrube“ kein Loch gegraben, sondern zunächst mal in die Höhe gebaut: einen Pavillon mit Außenwänden, die fast so lang sind wie eine 20-Meter-Bahn.

Von Susanne Kaufmann

Tobias Rehberger hat für seine „Probegrube“ kein Loch gegraben, sondern zunächst mal in die Höhe gebaut: einen Pavillon mit Außenwänden, die fast so lang sind wie eine 20-Meter-Bahn.

Auf der Seite, die dem Schauspielhaus gegenüber liegt, führt eine lange Treppe hinauf.

Dann steht man oben und schaut hinein – in eine labyrinthische Grube, in der sich kurz vor der Eröffnung sogar der Künstler selbst noch verlaufen hat.

Tobias Rehberger: „Obwohl ich es so oft schon gesehen habe und überall so oft durchgegangen bin, am Computer, wusste ich jetzt wirklich nicht mehr so genau, wo man hoch oder hinunter kommt. Verrückt!“

Eine Grube für Stuttgart, die Stadt im Kessel (Bild vom Aufbau): keine 300 Meter Luftlinie vom Hauptbahnhof entfernt, wo noch auf Jahre so viel gebuddelt wird wie kaum in einer anderen deutschen Metropole.

„Das weiß jeder, der hier im Hochsommer mal bei Luftstillstand durch die Innenstadt geht“, sagt Tobias Rehberger. „Stuttgart selbst ist ja auch ein Loch, auch eine Grube sozusagen. Und diese Übereinanderlagerung von Grubenideen, die hier stattfindet, ist natürlich hier, ganz speziell, präsenter als anderswo.“

Rehberger hat Häuser, Straßen, einen kleinen See entworfen, auch einen Bauernhof mit Feldern und einen Fußballplatz – aber alles geometrisch abstrahiert, halt typisch Rehberger: monochrome Flächen in klaren Farben – rot, gelb, grün, orange, blau und violett – strukturiert durch markante Geländer. Wie ein faszinierendes Op-Art-Wimmelbild, das man begehen kann.

„Tobias ist kein Künstler, bei dem man einfach auf ein Bild drauf guckt. Das ist immer erlebbare Kunst, Kunst zum Anfassen“, nicht zuletzt theatrale Kunst, so Schauspielintendant Burkhard Kosminski. Die Konstruktion der „Probegrube“ (hier beim Aufbau) erinnert an eine antike Agora und hat damit auch optisch zu tun mit einem Theater. Doch welches Stück wird hier geprobt? Protest gegen Stuttgart 21?

Tobias Rehberger: „Ich habe, glaube ich, noch nie einen Ton zu dem gesagt, ob das hier in Stuttgart schlimm oder nicht schlimm wäre. Ich möchte den Finger heben zu der Frage: Was könnte zu dem, was entsteht, eigentlich noch entstehen? Nicht im Sinne von ‚Da ist irgendwas Schlechtes‘, sondern: Könnte es vielleicht noch besser sein?“

Was also könnte entstehen, bei der Planung eines frei werdenden Gleisfeldes, eines neuen Stadtteils, der hinter dem Bahnhof gebaut soll. Rehberger ist mit der Region vertraut. Er ist in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen, in Denkendorf.

Doch Tobias Rehberger stellt klar: „Was hier passiert, ist eigentlich etwas, was über Stuttgart hinausgeht. Das ist mir deshalb ein bisschen zu eng gedacht, wenn man, sozusagen, nur als Inländer denkt, es ginge um so ein paar Quadratkilometer unbebaute Gleise. So ist das ja nicht.“

Darum appelliert Tobias Rehberger an das utopische Potenzial und zeigt mit seiner „Probegrube“ auch, dass es sich immer lohnt, zweimal hin zu schauen.

Was man üblicherweise sieht, wenn man im Inneren einer Baugrube steht und an die Wände blickt – etwa die Betonverschalungen – ließ Tobias Rehberger als illusionistische Kulissenmalerei auf die Außenseiten seines Freiluftpavillons drucken. Zu erkunden ist das alles bis zum 4. Juli. Danach wird zurückgebaut.

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