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Tino Seghal | "Konstruierte Situationen" in Stuttgart Verstörende Situationen

Am 22.6.2018 von Christian Gampert

Tino Sehgal schafft keine Kunstwerke im herkömmlichen Sinne. Er verändert alltägliche Situationen, indem er neue Regeln hinzufügt. Dadurch wird eine Alltagssituation auf einmal überraschend, beklemmend oder sogar erschreckend. Im Kunstmuseum Stuttgart zeigt der Künstler, der in Böblingen und Sindelfingen aufgewachsen ist, eine Woche lang "Konstruierte Situationen".

Menschen als wandelnde Skulpturen

Im großen leeren Saal des Stuttgarter Kunstmuseums liegen Menschen. Sie wirken wie Skulpturen, nur zerbrechlicher, angreifbarer. Sie stoßen langgezogene Klagelaute und perkussive Töne aus. Dann erheben sie sich, ein Chor von Schlafwandlern und Träumenden.

"Konstruierte Situationen" nennt Tino Sehgal seine Arbeiten. Diese "Situationen" gehen ineinander über und dauern an einem Tag so lange das Museum geöffnet hat. Sie spielen sich ab im Ausstellungssaal, im Foyer und draußen auf der Königsstraße, wo der Künstler früher Skateboard gefahren ist.


Das Kunstwerk ist nicht festzuhalten

Sehgals Tänzer erobern auf der Königsstraße den öffentlichen Raum mit abstrakten Gesten, Vogellauten, Veitstänzen, rhythmischem Klatschen. Tino Sehgals Ansatz: Die Neudefinition des Kunstwerks. Das erinnert an Marcel Duchamp, der Alltagsgegenstände in Kunstwerke umfunktionierte.

"Warum haben wir in unseren Städten so tempelartige Gebäude und warum wird an diesen Orten nicht gesungen und getanzt, sondern nur Objekte begutachtet?", fragt Sehgal. Sollte es auch daran liegen, dass Kunstwerke Wertgegenstände und Geldanlagen sind? Genau das will Sehgal vermeiden. Seine Arbeiten dürfen nicht gefilmt oder fotografiert werden. Er will das direkte Erlebnis. Das Publikum muss hier auch nicht still sitzen, sondern darf eingreifen.

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Tino Seghal | "Konstruierte Situationen" in Stuttgart

Was in Arrangements von Tino Seghal passiert

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Tino Seghal hat einen radikalen Anspruch: Von seinen Ausstellungen soll es keine Fotos geben. Alles soll "Situation" bleiben. Wer wissen will, was passiert ist, muss selbst dabei gewesen sein, es selbst erleben haben. Deshalb gibt es von Seghals Arrangements fast nur gemalte Abbildungen. Hier eine Zeichnung von Diego Perrone: Tino Sehgal’s Kiss, 2018. Farbstift auf Papier.

Tino Seghal hat einen radikalen Anspruch: Von seinen Ausstellungen soll es keine Fotos geben. Alles soll "Situation" bleiben. Wer wissen will, was passiert ist, muss selbst dabei gewesen sein, es selbst erleben haben. Deshalb gibt es von Seghals Arrangements fast nur gemalte Abbildungen. Hier eine Zeichnung von Diego Perrone: Tino Sehgal’s Kiss, 2018. Farbstift auf Papier.

Immer schafft Seghal seine "Situationen" mit Hilfe von Akteuren, die etwas Bestimmtes tun - was sich überraschend anders entwickeln kann als vorhergesehen. Aber auch als Zuschauer wird man zu einem Teil der Darbietung selbst. Philippe Parreno, Tino Sehgal’s Annlee, 2013. Bleistift auf Papier.

Eine klassische beklemmende "Situation" von Tino Seghal. Ist das noch ein Kuss? Oder werden die Zuschauer gerade Zeugen einer Gewalttat? Betrachter wissen oft nicht mehr, was in Seghals "Situationen" vor sich geht. Und spüren entsprechende Fragen: Was sollte ich tun? Eingreifen? Nicht auffallen? Schnell weitergehen? Diego Perrone, Tino Sehgal’s Kiss, 2018. Farbstift auf Papier.

Ein möglicher Effekt von Tino Seghal: Wer "konstruierte Situationen" erlebt, erlebt sich auch selbst als Betrachter. Und geht mit dem nagenden Gedanken nach Hause, wie er sich selbst in ähnlichen Situationen verhalten hat - oder verhalten sollte. Philippe Parreno, Tino Sehgal’s Annlee, 2013. Bleistift auf Papier.

Tino Sehgal, 2013.

Situationen mit großer Wirkung

Tino Sehgals Kunst befremdet, aber sie macht den Zuschauer auch frei: Er kann stundenlang bleiben oder nur einen Blick auf die Tanz-Skulpturen werfen und vorübergehen.

So dezent Sehgals Situationen auch gesetzt sind, sie entfalten große Wirkung.

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