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SWR2 Chanson des Monats September von Thomas Pigor Der verfluchte deutsche Tatendrang

Thomas Pigor beklagt im Chanson des Monats September den deutschen Tatendrang: Nette Nachbarn verwandeln sich in "dauerrasenmähende Baumarktjunkies" und meditative Gartenarbeit endet im Lärminferno. Armes Deutschland!

SWR2 Chanson des Monats September im Video:


3:50 min

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Der verfluchte deutsche Tatendrang

Thomas Pigor

Dieses ewige Gewusel, Gemache, Getue, ohne Sinn und Zweck
Kaum hast du aufgegessen räumen sie dir den Teller weg
Mitten im Gespräch springen alle auf am Tisch
Hektisch. Sobald sie dreckige Teller auf dem Tisch sehn
Müssen alle aufstehn
Das Ritual ist eingespielt
Die Teller müssen sofort in die Spülmaschine
Aber vorher unter fließendem Wasser abgespült
Und das Gespräch am Tisch verrinnt
Weil alle beim Abräumen sind


Immer muss alles perfekt sein, fleckenlos, gelackt geleckt
Tipptopp, picobello, wie aus dem Möbelhaus-Prospekt
Hausfrauen wischen Staub wo gar keiner ist
Kehren die Straße, die gar nicht verdreckt ist
Versiegelte Flächen, bis in die letzte Ecke asphaltiert
Immer alles frisch lackiert
Lauthals abgeschmirgelt und neu grundiert
Wenn da was abblättert sind sie mit dem Schwingschleifer da
Keine Chance für Patina
Keinen Sinn für Muße und für Müßiggang
Immer Hummeln im Hintern
Dieser verfluchte deutsche Tatendrang


Maniacs. Alles Maniacs. Durchgeknallte Gestalten
Die sich selber allesamt für nette Nachbarn halten
Randvoll mit Ideen, was man noch tun kann
Baun sie wie wild Veranden an, Sichtschutzzäune, Alarmanlagen
Baumarktjunkies, die ein Gerät nach dem anderen nach Hause tragen


Laubrechen, Hecken schneiden.
An sich meditative Tätigkeiten. Gartenarbeiten
Bei denen man seinen Gedanken nachhängen kann
Unter der Flagge der Effektivität triumphiert das Gerät


Und das Nachbarschaftsrecht gibt ihnen Recht
Die Leute mit den zwangsneurotischen Lebensentwürfen
Dürfen wüten bis zum Exzess
Und sie tun es. Und sie tun es weil sie es dürfen
Lärminferno ist Normalzustand
Stille ist eine Ressource .... Aber bitte: Ihr seid das Volk. Armes Deutschland


Ein Volk opfert Muße, Kraft und Geld und Zeit
Auf dem Altar der Makellosigkeit
Die gilt es mit allen Mitteln zu erreichen
Dafür geht man über Leichen


Nimmermüde, umtriebig, emsig, fleißig, agil,
Verfolgt die Bevölkerung nur ein Ziel
Kurzgeschoren auch in den Trockenphasen
Ist ihr höchstes Ideal: Der englische Rasen


Man hat sich hüben wie drüben
Diesem Rasen verschrieben
Selbst bei der Hitze dieses Jahr
Dauer-Rasenmähen statt Siesta
Wie sie einer nach dem andern ihre Rasenmäher starten
Der Faschismus beginnt im Garten

Dieser verfluchte deutsche Tatendrang, es herrscht Arbeitszwang
In den Neubaugebieten, Melancholieverbot
Orgien des Ordnungswahns in den Zwangsneurosengärten


Doch nicht nur in den Kleingartenkolonien,
Auch in der Mitte von Berlin
Lässt die junge Bourgeoisie andauernd ihre Böden abziehn
Leere makellose Räume voll mit makellosen Dingen
Lassen sie die Handwerker springen. Maniacs!
Sie legen selbst nicht Hand an, sie lassen lärmen
Während sie im Urlaub von verwilderten Gärten schwärmen


Und die reichen Spießer in den Neubau-Villen
Lassen sich ihre Gärten mit Steinen auffüllen
Das ist die neueste Perversion das ist der Ordnungswahn hoch drei
Lauter schwarzer Schotter und darin ein einsamer Bonsai


Und dann hocken sie in ihren Eigenheimen
Um das sie alle ihre Freunde beneiden und lassen sich scheiden
Und wenn ein neuer Lebenspartner einzieht in das supertolle Haus
Muss der Schotter wieder raus

Musik: Koselleck/ Pigor Text: Pigor

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