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Abschluss des Theatertreffens in Berlin Ein aufgeblähtes Kritiker-Festival

Am 22.5.2018 von Eva Marburg.

Am Pfingstmontag ist das diesjährige Theatertreffen in Berlin mit einer abschließenden Jurydiskussion und der letzten Aufführung von „Die Welt im Rücken“ mit Joachim Meyerhoff zu Ende gegangen. Die Schau der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen ist dieses Jahr vom Publikum viel bejubelt worden, im Vorfeld hieß es von der Jury, die Auswahl zeige dieses Jahr sehr viele unterschiedliche Ästhetiken, - doch es gab auch entsetzte Gegenstimmen.

Der Schauspieler Fabian Hinrichs, Juror des auf dem Theatertreffen verliehenen Alfred-Kerr-Darsteller-Preises, sagte gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass, wenn die Aufführungen das Beste oder Interessanteste des Gegenwartstheaters sein sollen, man leicht in eine Depression stürzen könnte.

Tröstender Abschluss mit Meyerhoff-Soloabend

Es endete wie es angefangen hatte: mit großem Applaus und stehenden Ovationen für Joachim Meyerhoff, der in einem dreistündigen erschütternden Soloabend die Höhenflüge und Abgründe einer manisch-depressiven Erkrankung erfahrbar machte. Regisseur Jan Bosse bedankte sich bei der anschließenden Preisvergabe bei dem subventionierten Stadttheatersystem. Denn um eine solche - seit einem Jahr als Theaterwunder gefeierte - Arbeit zu ermöglichen, brauche es geschützte Räume.

Damit war die Inszenierung „Die Welt im Rücken“ der wenigstens tröstende Abschluss einer Theatertreffen-Schau, die sich über weite Strecken mit gedanklicher Armut, schrillem Blendertum und ebenso hohlen wie überdimensionierten Regiekonzepten gegenseitig zu übertrumpfen versuchte.


 

„Woyzeck“ in Leni-Riefenstahl-Ästhetik

Ulrich Rasche präsentierte mit „Woyzeck“ aus Basel eine unerträglich totalitäre Mensch- und Maschinenorgie – die Schauspieler stampfen angekettet in Leni-Riefenstahl-Ästhetik auf einer sich drehenden Scheibe; den Texten kommt im chorischen Gedröhn mit faschistoidem Sprechduktus jeglicher Sinn abhanden. Ein Abend, der den Zuschauer stumpf und hirntot macht und sich dessen reproduzierter Ideologie nicht bewusst ist.


 

Jelinek's Trump-Stück: einfältige Trump-Show

Ähnlich primitiv, nur etwas unterhaltsamer will Elfriede Jelinek‘s Stück „Am Königsweg“ zu Donald Trump in der Regie von Falk Richter daherkommen. Hier stellt man triumphierend die ziemlich flache und politisch kurzsichtige Erkenntnis zur Schau, dass der amerikanische Präsident doch irgendwie blöd sei. In einer hysterischen Kostüm- und Materialschlacht mit Wohnmobilen, Sesamstraßen-Figuren, Kissenbergen, Tiger-, Affen- und Pferde-Statuen soll die materiell ausgerichtete Infantilität des Monarchen nachgewiesen werden. Eine einfältige Trump-Show, alles schön unterhaltsam und in der eitlen Selbstgewissheit, dass man hierzulande schlauer ist.


 

Bierbichlers „Mittelreich“ mit schwarzen Darstellern

Das gleiche pädagogische Zeigefinger-Theater sah man bei „Beute, Frauen, Krieg“ von Karin Henkel, „Trommeln in der Nacht“ von Christopher Rüping oder „Rückkehr nach Reims“ von Thomas Ostermeier. Zwar gelang es Anta Helena Recke mit ihrer Nachinszenierung von Bierbichlers Roman „Mittelreich“ mit schwarzen Darstellern eindrücklich aufzuzeigen, dass schwarze Schauspieler auf den Bühnen nicht vertreten sind. Doch zwingt sie damit auch die schwarzen Darsteller in das Korsett einer bereits existierenden Inszenierung mit weißen Darstellern, wodurch die Schauspieler dann seltsam gefangen wirken.

Aufgeblähtes Kritiker-Festival

Das Theatertreffen wurde gegründet, um einen produktiven Querschnitt der deutschsprachigen Theaterlandschaft zu zeigen und zu diskutieren. Es entpuppte sich, besonders dieses Jahr, als ein aufgeblähtes Kritiker-Festival, das Theaterkarrieren bestätigt, Posten verteilt und letztlich nur noch als alteingefahrener Marktplatz der großen Namen fungiert. Nichts Leidenschaftliches, Experimentelles, Wagemutiges war hier zu sehen – das ist vor allem der mutlosen und uninspirierten Jury vorzuwerfen. Das Theatertreffen müsste sich also, will es sich diesen seit Jahren aufkommenden Vorwurf nicht mehr machen lassen, einer grundlegenden Reform unterziehen.

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