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Tanz Gewalt gegen das Fremde: „Der Eindringling - eine Autopsie“ in Ludwigshafen

Die Berliner Tanzregisseurin Helena Waldmann hat sich international mit ihren meist politischen Arbeiten einen Namen gemacht. In ihrem neuen Stück „Der Eindringling – eine Autopsie” am Theater im Pfalzbau Ludwigshafen schildert sie die Abwehr des Fremden, das brutal zurückgestoßen wird. Ihre drei Hauptdarsteller sind alle Tänzer und Kampfsportler zugleich. Sind die Zeiten vorbei, in denen man politisch sein konnte, ohne kämpfen zu wollen? Kunscht! hat nachgesehen.

Tanz trifft auf Kampfsport

Wie immer bewegt sich die 57-jährige Tanz-Regisseurin außerhalb der Komfortzone.

„Der Eindringling - eine Autopsie” lautet der anspielungsreiche Titel ihres neuen Stückes (Premiere: 8. Juni am Theater im Pfalzbau in Ludwigshafen).

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Tanz

„Der Eindringling – eine Autopsie“ von Helena Waldmann in Ludwigshafen

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Von Natali Kurth

Helena Waldmann ist eine gute Beobachterin. Mit sicherem Blick analysiert sie gesellschaftliche oder politische Zustände, fordert sie den Zuschauer heraus. Der Titel „Eindringling - eine Autopsie“ ist Programm.

Von Natali Kurth

Helena Waldmann ist eine gute Beobachterin. Mit sicherem Blick analysiert sie gesellschaftliche oder politische Zustände, fordert sie den Zuschauer heraus. Der Titel „Eindringling - eine Autopsie“ ist Programm.

Helena Waldmann: „Autopsie heißt erstmal ,selber sehen‘, und es bedeutet aber auch, in einen Körper hineinzublicken. Das finde ich wichtig, weil wir dazu tendieren, Meinungen zu übernehmen und Bilder, die man uns vorsetzt, als Wahrheit anzusehen.“

Auslöser für das Stück war die Obduktion einer Leiche, die Helena Waldmann an der Berliner Charité mitverfolgt hat: „Das war das größte Theaterstück, das ich je gesehen habe. Es war das Unfassbarste und Empörendste. Die Gedärme hat man gesehen. Auf einmal kam eine Hand mit einem Herz zum Vorschein. Eine Frau sagte dazu ,mein Herzchen‘ und trug es zu dem Sektionstisch, der für die Organe bereitstand. Das war wirklich, als hätte sie gesagt: ,Ophelia, wie schön, dass du da bist‘“.

Drei Tänzer performen das neue, rund einstündige Werk. Einer von ihnen – der Japaner Ichiro Sugae – ist der Eindringling. Nachdem er anfangs freundlich Hallo gesagt hat, wird er am Ende brutal traktiert und verstoßen.

Sein tentakelartiges Kostüm sei ein Symbol für das Fremde, so Helena Waldmann. Die Tänzer schlagen und stoßen sich, gehen aufeinander los, schmettern sich gegenseitig auf den Boden. Dazwischen dreht einer von ihnen Pirouetten. Auch lange Stöcke kommen zum Einsatz. Falsch geführt, können sie zur gefährlichen Waffe werden.

Helena Waldmann hat Tänzer ausgesucht, die auch Techniken der asiatischen Kampfkunst Kung Fu beherrschen. Hier wird der Angriff durch Schritte und Schläge abgewehrt und die Energie des Gegners für den Gegenangriff genutzt. Die Mischung verschiedener Musiken, Tanzstile und Bewegungssprachen ist ein Markenzeichen.

Helena Waldmann: „Wir wechseln die Genres wie andere ihre Unterwäsche. Für mich gehört auch Ballett dazu, Barockgesang ist dabei. Straßenkampf mischt sich mit Martial Arts Tanz. Performative Elemente gibt es. Und der Eindringling kommt abrupt. Man kann sich nicht zurücklehnen und ein Stündchen zeitgenössischen Tanz genießen. Das ist es eben nicht.“

„Der Eindringling“ stehe auch für den Angriff gegen die Kunst, erklärt Helene Waldmann. Auch die hohe Kunst müsse lernen, gewappnet zu sein. Ihr neues Werk hat viele Facetten und Zwischentöne. Der Eindringling wird personifiziert und abstrahiert.

Die Figur des Eindringlings könne dabei aber auch Positives transportieren. „Nehmen wir die Schwangerschaft“, so Waldmann, „der Fötus ist ein sehr positiver Eindringling. Ein schönes Beispiel dafür, dass der Eindringling auch etwas Lebensnotwendiges sein kann.“

Zu viele Schutzmechanismen seien außerdem kontraproduktiv. Um das zu zeigen tragen ihre Tänzer zuweilen am ganzen Körper Schaumstoffmatten, bis sie sich nicht mehr bewegen können.

Helena Waldmann will mit ihrem Stück „Der Eindringling - eine Autopsie“ auch dazu aufrufen, anders mit Angst umzugehen, persönlich wie politisch: „Wenn wir im Kindesalter nicht lernen, dass wir auch Gefahren ausgesetzt sind, weil wir immer beschützt wurden von der Mutter, ist das gefährlich. Wenn ich im Kleinen nicht gelernt habe zu kämpfen, kann ich im Großen nicht darauf reagieren. Wahrscheinlich bin ich dann sehr schnell tot.“

Helena Waldmann ist bekannt für politische Inszenierungen

Für den einfachen Weg hat sich Helena Waldmann noch nie interessiert. In ihren Tanztheater-Choreografien geht es schon mal um ausgebeutete Näherinnen in Bangladesch.

Oder es geht um die Verhüllungspflicht für Frauen im Iran. Dort schickte sie ihre Tänzerinnen in körpergroßen Zelten auf die Bühne. Waldmanns Bühnenwerke sind im engsten Wortsinn politisch.

4:04 min | Mi, 5.6.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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Natali Kurth

Die Berliner Tanzregisseurin Helena Waldmann hat sich international mit ihren meist politischen Arbeiten einen Namen gemacht. In ihrem neuen Stück „Der Eindringling – eine Autopsie” am Theater im Pfalzbau Ludwigshafen schildert sie die Abwehr vom Fremden, das brutal zurückgestoßen wird. Mit dabei: drei Tänzer, die auch in Kung Fu ausgebildet sind.

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