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Kinostart: "Sympathisanten- Unser Deutscher Herbst" Die "bleierne Zeit" als Familiengeschichte

Filmkritik am 23.5.2018 von Rüdiger Suchsland

Der RAF-Terror und seine Eskalation im "Deutschen Herbst" 1977 ist ein wenig aufgearbeitetes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es geht weit über die eigentlichen Terrorakte und die Reaktion des Staates darauf hinaus. Der Vorwurf des "Sympathisantentums" traf seinerzeit Schriftsteller, Künstler und Filmemacher. Zu ihnen gehörten auch die Regisseure Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff. Ihr Sohn, Felix Moeller, hat jetzt einen Film über diese Zeit und seine Eltern gedreht.

Dies ist ein persönlicher Film, von Anfang an.

"Lange Zeit habe ich gar nicht gewusst, dass meine Mutter Margarethe von Trotta seit Jahrzehnten ein Tagebuch führt. Dann aber habe ich schnell erkannt, dass es sich um ein Dokument von fast zeitgeschichtlichem Wert handelt. Meine Mutter und mein Stiefvater Volker Schlöndorff haben Filme über diese Zeit gedreht, wichtige politische Filme, die man auch heute noch kennt. Sie waren ziemlich nah dran am Geschehen und den Akteuren – die Frage ist: wie nah?" (Felix Möller)

Felix Moeller, der Regisseur, hat bereits mehrere Dokumentarfilme zur deutschen Filmgeschichte herausbracht. Nun erzählt er in Episode aus der Geschichte seiner Familie.

Sympathisanten der RAF

Moellers Mutter ist die Filmemacherin Margarethe von Trotta, sein Stiefvater ist Regisseur Volker Schlöndorff. Beide galten in den 70er Jahren als Sympathisanten der RAF, der linksterroristischen Bewegung, durch deren bewaffneten Kampf sich die Bundesrepublik zu Sondergesetzen und Reaktionen provozieren ließ, die im Rückblick auch von vielen Akteuren in Frage gestellt wurden.

"Und auf einmal sollte wieder, hatte man das Gefühl, mit polizeistaatlichen Mitteln etwas gelöst werden, was eigentlich in einer Auseinandersetzung innerhalb der Zivilgesellschaft geschehen sollte", erklärt Volker Schlöndorff in Möllers Film seine damaligen Beweggründe.


Staats-Skepsis als Haltung

Staats-Skepsis als Haltung und die Furcht, mitunter Feindschaft gegenüber manchen Vertretern und selbsternannten Verteidigern des Staates wird durch das seltene, neue und hochinteressante Material, dass dieser Film präsentiert, nachvollziehbar.

Moeller interviewt seine Eltern und sucht ehemalige Freunde und Weggefährten auf. Sein Film hat über den rein historischen Aspekt aber noch eine andere, überraschend aktuelle Komponente: Denn das Wort "Sympathisant" ist bei genauerem Hinsehen eigentlich ein bizarrer Begriff und etwas, für das es im Rest Europas kein zweites Beispiel gibt.

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Kinostart 24.5.

SYMPATHISANTEN- Unser Deutscher Herbst von Felix Moeller

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Regisseur Felix Moeller versucht mit zeitgenössischen Dokumenten und intensiven Gesprächen mit Zeitzeugen die Frage zu beantworten, wie es zu so einer polarisierenden und aggressiven Stimmung in der Bundesrepublik der 1970er Jahre kommen konnte.

Regisseur Felix Moeller versucht mit zeitgenössischen Dokumenten und intensiven Gesprächen mit Zeitzeugen die Frage zu beantworten, wie es zu so einer polarisierenden und aggressiven Stimmung in der Bundesrepublik der 1970er Jahre kommen konnte.

Auch die Eltern von Regisseur Felix Moeller, seine Mutter Margarethe von Trotta und sein Stiefvater Volker Schlöndorff, wurden zu den Sympathisanten gezählt. Schlöndorff, der seinen Pass verloren hatte, wurde gar verdächtigt, ihn weitergegeben zu haben.

Der Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll beklagte ein Klima des Denunziantentums und der Hexenjagd, in dem kein Intellektueller mehr arbeiten könne.

Margarethe von Trotta besuchte sogenannte politische Häftlinge, die sonst keinen Besuch erhielten.

Schlöndorff und Von Trotta haben sich in ihren Filmen intensiv mit dem Thema Terrorismus und den Motiven von Radikalisierung und Gewalt der Protestgeneration auseinandergesetzt. Viele ihrer Arbeiten gelten heute national wie auch international als Hauptwerke des politischen Kinos in Deutschland.

Neben Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff kommen in "SYMPATHISANTEN – Unser Deutscher Herbst" Heinrich Bölls Sohn René Böll ...

... außerdem Weggefährten wie Marius Müller-Westernhagen ...

... Christof Wackernagel ...

... und Daniel Cohn-Bendit zu Wort.

Margarethe von Trottas Tagebücher, von ihr selbst gelesen, ziehen sich als roter Faden durch den Film und entfalteten eine emotionale Geschichte zwischen Privatheit und Politik vor einem größeren zeitgeschichtlichen Hintergrund.

"Wegbereiter des Terrors"

Die "Sympathisanten", das waren für die westdeutsche Öffentlichkeit nicht etwa in erster Linie die direkten Unterstützer der RAF. Sondern es waren jene, die man im Jargon der 70er Jahre "geistige Wegbereiter des Terrors" nannte.

Heinrich Böll / Margarethe vonTrotta

Heinrich Böll und Margarethe von Trotta

Eine deutsche Hexenjagd

Nobelpreisträger Heinrich Böll schilderte seinerzeit sehr emotional in einem Fernsehinterview seine Eindrücke: "Es macht mich wahnsinnig, ewig, ewig mich gehetzt zu fühlen, denunziert zu fühlen ... jeder Idiot, der ein bisschen zu viel getrunken hat und im Fernsehen einen Kommentar abgibt, kann meinen Namen im Zusammenhang mit Bombenlegern nennen."

Sympathisanten-Unser deutscher herbst von Felix Moeller

Regisseur Volker Schlöndorff

40 Jahre später kommentiert das Volker Schlöndorff so: "Ich habe die Aufregung gegen Böll und gegen uns alle nie verstanden – was hat er denn getan? Er hat ein Buch geschrieben, und dann hat er einen Artikel im "Spiegel" geschrieben, dann hat er die "Katharina Blum" geschrieben. Warum dann diese Aufregung, die sich nicht nur in der Springer-Presse, wo das alles angefangen hat, mit dem 'geistigen Vater der Gewalt', überall fortgesetzt hat."

Deutsche Hexenjagd

Es war eine deutsche Hexenjagd. Es war ein moralischer Krieg – und nirgendwo wird das deutlicher, als in dem Redeausschnitt von Bundeskanzler Helmut Schmidt, mit dem der Film beginnt:

"Nötig ist nämlich die moralische Isolierung der Terroristen. Nötig ist die moralische Ernüchterung auch der letzten Sympathisanten. Diese letzten Sympathisanten müssen endlich begreifen, dass ihre Sympathien und dass ihr moralischer Beistand Mördern gilt."

Diese abgründige Verbindung ist es, die diesen hervorragenden Film aktuell macht.

Politik als moralischer Krieg

Denn auch heute wird Politik wieder als moralischer Kampf gesehen, auch heute geht es in der Politik wieder um Freund und Feind, nicht um Wahrheit und Wohlwollen. Und auch heute dienen in der Politik Begriffe allzuoft der Ausgrenzung.

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