Bitte warten...

Filmkritik Streik - Mit Wortgewalt gegen das System

Von Julia Haungs

Streiks und soziale Revolten haben in Frankreich eine lange Tradition. In den Medien sieht man oft nur die Bilder wütender Menschen, aktuell bei den Protesten der Gelbwesten. Wie es überhaupt zu solchen Szenen kommt erzählt Regisseur Stephane Brizé in seinem Spielfilm „Streik“.

Arbeitskampf als ritualisierte Folklore

Der Film beginnt mit Bildern, wie man sie unzählige Male in den Nachrichten gesehen hat: streikende Arbeiter mit Trillerpfeifen, Bannern und Parolen. Ritualisierte Folkore, ist man versucht zu denken.

Doch Regisseur Stephane Brizé schaut genauer hin und erzählt exemplarisch, welche existentiellen Dramen sich oft hinter solchen Szenen verbergen. In „Streik“ soll ein Autozulieferer in Südfrankreich dicht gemacht werden.


Werksschließung wegen mangelnder Rendite

Dabei hatte sich das Management des Konzerns zwei Jahre zuvor verpflichtet, das Werk insgesamt fünf Jahre weiter zu betreiben.

Die Arbeiter haben deswegen auf einen Teil ihre Lohns verzichtet. Dennoch schließt das Werk jetzt. Zwar macht es keine Verluste, aber die Rendite von 3,8% reicht den Aktionären nicht.

Ringen um Arbeitsplätze

Die Arbeitsplätze sollen nach Rumänien verlagert werden. Für viele der rund 1000 Beschäftigten bedeutet das vermutlich dauerhafte Arbeitslosigkeit.

Denn in der strukturschwachen Region gibt es kaum andere Jobs. Ein verzweifeltes Ringen um die Arbeitsplätze beginnt.

1/1

Kinostart 25.04

Streik von Stephane Brizé

In Detailansicht öffnen

Dem einzig großen Arbeitgeber der Region Agen in Südfrankreich, einem Werk der Perrin-Industrie, droht trotz Rekordgewinnen die Schließung.

Dem einzig großen Arbeitgeber der Region Agen in Südfrankreich, einem Werk der Perrin-Industrie, droht trotz Rekordgewinnen die Schließung.

Obwohl die Arbeiter große Zugeständnisse bei Lohn und Arbeitszeiten machten, rückt die Firma nicht von ihren Absichten ab und will das Werk weiterhin schließen. Gemeinsam und solidarisch demonstrieren die Arbeiter dagegen.

An der Spitze des Streiks steht der altgediente Gewerkschafter Laurent Amédéo (Vincent Lindon).

Doch die Verhandlungen dauern an und bald schon wird der Ton rauer. Es entsteht ein nervenaufreibender Existenzkampf.

Regisseur Stephane Brizé sagt, er hat den Film "Streik" gemacht, um zu verstehen, was sich hinter einer häufigen Art von Berichterstattung verbirgt, die sich mit Phänomenen vereinzelter Gewalt bei Arbeitsunruhen befasst. Und anstatt „hinter“, wäre es besser, „vor“ zu sagen. Was passiert vor diesen plötzlichen Ausbrüchen von Gewalt? Was führt dazu?

Politisch engagierter Film

In endlos langen Einstellungen zeigt Brizé die Zähigkeit und letzten Endes auch die Vergeblichkeit des Kampfes. Der politisch engagierte Film läuft in Deutschland im Original mit Untertiteln.

Eine gute Entscheidung, denn „Streik“ fasziniert vor allem durch seine große Natürlichkeit und Authentizität, die in einer Synchronfassung vermutlich nur schwer nachzubilden gewesen wäre.

Fast dokumentarische Machart

Regisseur Stephane Brizé arbeitet nach seinem bewährten, fast dokumentarischen Verfahren. Wie schon im Arbeitslosendrama „Der Wert des Menschen“ steht Hauptdarsteller Vincent Lindon mit Laien zusammen vor der Kamera.

An der Spitze des Streiks steht der altgediente Gewerkschafter Laurent Amédéo (Vincent Lindon).

An der Spitze des Streiks steht der altgediente Gewerkschafter Laurent Amédéo (Vincent Lindon).

Wütendes Aufbegehren gegen das System

In „Der Wert des Menschen“ spielte er fast regungslos einen Langzeitarbeitslosen, seiner Würde beraubt von einem unmenschlichen System. In „Streik“ begehrt er laut gegen dieses System auf: wütend und wortgewaltig gibt er all jenen ein Stimme, die mehr sein wollen als Anpassungsvariablen der Aktionäre.

Kampf mit Worten

Im Original trägt der Film den martialischeren Titel „En Guerre“, also „Im Krieg“, was nicht untertrieben ist. Zwar wird der Großteil des Kampfs mit Worten geführt, aber am Ende eskaliert die Gewalt, wodurch die verzweifelten Arbeiter in den Medien als Randalierer dastehen.

Auswüchse von Kapitalismus und Globalisierung

Nach 120 Minuten Film erscheint es einem dagegen fast zwangsläufig, dass ihre Geduld irgendwann erschöpft sein wird. Zu groß ist der Frust über die Erkenntnis, dass der Einzelne immer unterliegt in diesem asymmetrischen Krieg gegen die Auswüchse von Kapitalismus und Globalisierung.

Regisseur Stephane Brizé bei der Premiere seines Filmes "Streik"

Regisseur Stephane Brizé sagt, er hat den Film "Streik" gemacht, um zu verstehen, was sich hinter einer häufigen Art von Berichterstattung verbirgt, die sich mit Phänomenen vereinzelter Gewalt bei Arbeitsunruhen befasst.

Ein Film, der in seine Zeit passt

Auch die Politik kann das Ganze nur moderierend begleiten. Das seien eben die Mechanismen des Marktes, heißt es im Film hilflos.

„Streik“ passt in eine Zeit, in der Bilder von wütenden Menschen und brennenden Autos die Nachrichten in Frankreich prägen. Es scheint: dieser Krieg für mehr Gerechtigkeit hat gerade erst begonnen.

Weitere Themen in SWR2