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SWR2 Kulturgespräch 20.7.2012 Der Sound der Freiheit

Günther Huesmann, SWR-Jazzredakteur, über die Bedeutung von Joachim-Ernst Berendt für den Jazz

Er wollte dem Jazz in Deutschland gesellschaftliche Anerkennung verschaffen. Zum 90. Geburtstag von Joachim-Ernst Berendt: deutscher Jazzpapst, Autor des weltweit meistverkauften Jazzbuches und langjähriger Leiter der SWF-Jazzredaktion – ein Gespräch mit dem SWR-Jazzredakteur Günther Huesmann über Berendts Bedeutung, weit über die Jazz-Szene hinaus.

Sie haben das Jazzbuch fortgeführt, das Berendt 1953 zum ersten Mal veröffentlicht hat, Herr Huesmann. Sie treten in der SWR-Jazz-Redaktion zum zweiten Mal in seine Fußstapfen. Berendt ist seit 12 Jahren tot – wie groß sind seine Fußstapfen noch?

Die sind sehr groß. Das war ein großartiger Jazzmann und ein wirklich genialer Musikvermittler. Ich habe, glaube ich, niemanden getroffen, der mich, in beruflicher Hinsicht, so inspiriert hat wie Joachim-Ernst Berendt.

Werden Sie etwas von Berendts Arbeit fortführen in Ihrer Radioarbeit? Seine Zeit als aktiver Jazzredakteur des SWF ist ja schon eine ganze Weile her.

Auf alle Fälle. Denn das Tolle bei Joachim-Ernst Berendt war: Er konnte Musik wirklich sehr, sehr gut vermitteln. Ich habe 1980 beim Südwestfunk hospitiert. Wir haben dann zwei Wochen lang miteinander arbeiten können und das hat mich dermaßen beeindruckt. Das hat mich wirklich geprägt.

Er war eben nicht nur, wie Sie gesagt haben, einfach ein Jazzfan, der froh war: Jetzt bin ich beim Radio. Jetzt kann ich die Jazzmusiker einladen, die ich erleben möchte. Oder die Jazzmusik hören, die mir gefällt. Sondern er hatte diesen pädagogischen Ansatz. Er wollte unbedingt Jazz vermitteln. Woher kam das?

Ich glaube nicht, dass er einen pädagogischen Ansatz hatte. Er glaubte einfach an die Macht des Hörens. An die Offenheit, die das ganz bewusste Hören ausüben kann. Und das hat er einfach vermittelt – im Leben, in seiner Arbeit – nicht nur als Buchautor, auch als Festival-Macher. Und in seiner Radioarbeit.

Mir hat er immer gesagt: „Günther, mach deine Ohren soweit auf wie Scheunentore“. Darum ging es ihm. Und so hat Joachim Ernst Berendt gelebt: Der Mann war neugierig. Er hat einfach immer nach dem Neuen gesucht, nach dem Prickelnden, nach Aufbruch. Für den war Musik – also auch Jazz – nicht nur einfach ein klangliches Phänomen, sondern ein gesellschaftliches Phänomen.

Das war der Sound der Freiheit für ihn. Ein Sound der Selbstbestimmung und des Individualismus. Dafür hat er gelebt. Und auch gekämpft.

Freiheit ist ja ein großes Thema im Jazz. Nicht nur durch die Improvisation, sondern gerade in den Anfangsjahren und -jahrzehnten war es ja gerade für die schwarzen Jazzmusiker wichtig, Freiheit auszudrücken.

War das Thema Freiheit für ihn so wichtig, weil er die NS-Diktatur erlebt hat und seinen Vater im KZ Dachau verloren hat?

Günther Huesmann

Günther Huesmann, SWR-Jazzredakteur

Absolut. Sein Vater war im Widerstand. Das hat Joachim Ernst Berendt ganz stark geprägt. Auch die Nachkriegszeit. Man muss bedenken: Jazz ist heute ein akzeptiertes Kulturgut – das war damals überhaupt nicht der Fall. Im Gegenteil. Man sprach wirklich noch von Urwaldmusik.

Die großen Konzertveranstalter, in den großen ehrwürdigen Sälen, hatten sich damals geweigert, überhaupt Jazzbands dort auftreten zu lassen. Und da hat Berendt natürlich gekämpft – gegen diese Ideologie der Ausgrenzung. Auch gegen Rassismus hat er gekämpft.

Ja, das hat ihn sehr stark geprägt, diese Erfahrung der Nazizeit.

Und er hat sich auch um den Blues gekümmert. Er hat Bluesmusiker nach Deutschland geholt, nach Europa. Das war dann nicht nur fürs deutsche Publikum ein Ereignis. Sondern es war auch für die schwarzen Musiker ein Signal, dass sie hierher eingeladen wurden.

Joachim-Ernst Berendt sah den Jazz eben auch als eine Musik des Protestes – und als Kunstform. Und er hat immer dafür gearbeitet, dass afroamerikanische Künstler einfach den Stellenwert bekommen, den sie verdienen.

Denn oft war es so, dass Bluesmusiker oder auch Jazzmusiker in den USA – also im Geburtsland dieser Musik – einfach immer noch als etwas sehr Populäres, etwas sehr Randständiges gesehen wurden: als ein Minderheitenphänomen. Er hat dafür gekämpft. Und durch seine Plattenproduktionen vor allen Dingen viele, viele Künstler, die damals in den USA noch völlig unbekannt waren, hier in Europa groß gemacht, aufgebaut. So sehr, dass das dann wirklich zurückgestrahlt hat auf das Mutterland des Jazz.

Welche zum Beispiel?

Marvin Peterson, den großartigen Trompeter. John Handy. Dann die Musiker, die aus den USA nach Europa gekommen sind, weil sie dort einfach kaum leben konnten von ihrer Musik, wie Dexter Gordan und Kenny Clark. Man könnte die Liste unendlich weiterführen.

Auch ein anderer Name ist mit Joachim Erbst Berendt verknüpft: John Coltrane. Wir haben diese Woche, am 17. Juli, an seinem 45. Todestag, John Coltrane erinnert. Coltrane war einer der wichtigsten Saxophonisten des Jazz – ein sehr spiritueller Mensch. Auch Joachim-Ernst Berendt hat sich der Spiritualität zugewandt. Standen die beiden miteinander im Kontakt darüber?

Ich glaube, ja, Sie haben auch viel über dieses Thema gesprochen. Und ich glaube, dass bei Joachim Ernst Berendt, genauso wie bei John Coltrane, dieser Begriff der Spiritualität zusammenhängt mit einem ganz tief eingeprägten Humanismus-Begriff.

Es geht um Humanismus und Humanität. Dafür hat sich Coltrane eingesetzt. Und Berendt genauso. Das war für ihn der große Auftrag.

Diese spirituelle Beschäftigung und auch seine esoterische Wende hat viele dann aber letztlich doch verstört. Hat Sie Joachim-Ernst Berendt etwas genommen: von der Anerkennung, die ihm gebührt?

Ganz im Gegenteil.

Ich muss dazu eine kleine Geschichte erzählen. Ich habe damals, als er diese Wendung zur sogenannten Esoterik machte, ihn auch nicht verstanden. Ich habe immer gesagt: „Nein, die Gräser sollen im C-Dur-Dreiklang klingen?“ Also, dem ich konnte ich einfach nicht folgen.

Ich habe inzwischen sehr großen Respekt vor seiner spirituellen Arbeit. Denn letztendlich, wenn ich mit den einzelnen Punkten auch nicht einverstanden war und auch nicht bin –  die Botschaft, die heute vielleicht dahintersteckt, ist das Wichtige. Und das war eben das Eintreten für ein bewusstes Hören. Das ist eine Botschaft, die kann ich zu 100 Prozent unterschreiben.

Das SWR2 Kulturgespräch mit Günther Huesmann, SWR-Jazz-Redaktion, über die Bedeutung von Joachim-Ernst Berendt führte Sonja Striegl am 20.07.2012 um 7.45 Uhr.

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