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Song to Song von Terence Malick | Kinostart 25.5. Versuchung und Verführung

Kulturthema am 23.5.2017 von Rüdiger Suchsland

Kaum ein Regisseur hat eine so treue Anhängerschaft wie der Amerikaner Terrence Malick. Das liegt an großartigen Filmen wie "Badlands", "Der schmale Grat" oder "The Tree of Life", und das liegt auch daran, dass sich diese Filme durch eine fast spirituell anmutende Bild-Ästhetik auszeichnen. So auch Malicks neues Werk, das diese Woche in die Kinos kommt: "Song to Song" ist ein Film, in dem es viel um Musik geht, um Schönheit und Melancholie.

Eine Frau ist die Erzählerin aus dem Off. Sie erzählt von einer Dreiergeschichte, von sich selbst, ihrem Leben zwischen zwei Männern. Von dem einen fühlt sie sich angezogen, er beeindruckt sie mit Macht und Geld. Den anderen liebt sie.

Diese beiden Männer sind Antipoden: Ein Realist gegen einen Idealisten, Zyniker gegen Romantiker.

Die beiden werden gespielt von Michael Fassbender und von Ryan Gosling, zwei der wirkungsvollsten, charismatischsten Schauspieler der Gegenwart. Irgendwann im Film sieht man beide in einem Flugzeuig in einem einzigartigen Moment der Schwerelosigkeit - sie schweben im Raum, und für ein paar atemberaubende Sekunden, sind die Stars, ist das Kino ganz bei sich selbst. Schwerelos. Völlig losgelöst.

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Kinostart: 25.5.

Song to Song von Terrence Malick

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Musikproduzent Cook (Michael Fassbender) ist eine ebenso erfolgreiche wie exzentrische Lichtgestalt der berüchtigten Musikszene von Austin, Texas.

Musikproduzent Cook (Michael Fassbender) ist eine ebenso erfolgreiche wie exzentrische Lichtgestalt der berüchtigten Musikszene von Austin, Texas.

In der Hoffnung auf ihren großen Durchbruch lässt sich die ambitionierte Musikerin Faye (Rooney Mara) auf eine Affäre mit ihm ein.

Diese wird ihr allerdings zum Verhängnis, als sie den aufstrebenden Songwriter BV (Ryan Gosling) kennenlernt und sich in ihn verliebt.

BV wird von Cook überzeugt, mit ihm eine Platte aufzunehmen.

Abseits des Rampenlichts entwickelt sich ein explosives Dreiergespann, deren Protagonisten sich zwischen Liebe, Betrug und Sinnlichkeit treiben lassen.

Da lernt Cook in einem Diner die Kellnerin Rhonda (Natalie Portman) kennen.

Das Leben der Protagonisten wird auf den Kopf gestellt - bis sie es wieder in den Griff bekommen und sich neu orientieren...

In der Musikbranche lebt man eben von Song zu Song.

Gefilmt wurde zu großen Teilen auf dem Musikfestival "South by Southwest" wo auch Ausnahmemusiker wie Patti Smith (im Bild), Iggy Pop oder die Red Hot Chili Peppers für die Produktion gewonnen werden konnten.

"Es war so als würde man eine Eisskulptur fertigen. Endlos schlägt man kleine Stücke weg, bis die Skulptur so aussieht wie man sie sich vorgestellt hat. Therry zieht das Zeigen dem Erzählen vor - er mag subtile Bilder und aufdringliches Spiel." Cutter Rehman Ali über die Zusammenarbeit mit Regisseur Terrence Malick (Im Bild: Michael Fassbender als Cook)

Ein trauriger Materialist und ein lebenskluger Romantiker

Wie jeder Kino-Darsteller tragen auch Gosling und Fassbender ihre bisherigen Rollen in ihre neuen Werke und in diesen Film hinein: Fassbenders Figur, ein zynischer Pop-Musikproduzent, ein Materialist, der die ganze Welt für käuflich hält, aber auch von einer seltsamen Traurigkeit umfangen ist, ein teuflischer Sensibler, wirkt wie die Fortsetzung des sexbesessenen, erkalteten, traumatisierten Yuppies aus Steve McQueens "Shame".

Ryan Gosling spielt ein jungen Mann aus einfachen Verhältnissen, der von einem Vaterproblem geplagt sein Zuhause hinter sich gelassen hat. Er will keine Lügen, er will alles wissen, und dann kann er die Wahrheit doch nicht ertragen. Er schreibt Musiksongs und wird dann von dem anderen, seinem vermeintlichen Freund übers Ohr gehauen.

Dieser uneigennützig handelnde, ehrliche, liebevolle, aber niemals naive, sondern lebenskluge Romantiker erinnert natürlich an Gosling Hauptfigur aus dem Welterfolg "Drive".

Rooney Mara ist der steil aufsteigende Stern am Himmel Hollywoods

Es geht aber um die Frau und um ihre Geschichte. Und die wahre Sensation in diesem Film ist tatsächlich Rooney Mara, ein steil aufsteigender Stern am Himmel Hollywoods, und dennoch ein einziges Geheimnis - von seltsamer spröder Wirkung, nur auf den ersten Blick unscheinbar, auf den zweiten atemberaubend.

Rooney Mara war das "Girl mit dem Drachentatoo" und es ist diese Rolle einer latent selbstzerstörerischen Boderline-Figur, deren Lebenskraft aber am Ende größer ist, als die ihrer Umgebung, die sie in diesen Film hineinträgt, in ihre Rolle. Diese Faye ist eine junge Frau, die ihr Glück sucht, und dazu jede Art von Erfahrungen sammelt, mit sich selbst experimentiert, mit Sex, Geld, Ruhm als Popmusikerin, mit Drogen anderer Art.

"Ich dachte, wir könnten uns einfach treiben lassen, from song to song, kiss to kiss.."

Der Film ist eine Orgie der Beiläufigkeit

Dieses Treibenlassen, das Driften ist das, was Regisseur Terrence Malick scheinbar moralisch verdammt. Ästhetisch aber feiert er es. Sein Film ist eine Orgie der Beiläufigkeit, er flaniert durch das Leben, das Denken und Fühlen seiner Figuren

Sie sind keine psychologisch ausgearbeiteten Charaktere - bis auf Hauptfigur Faye vielleicht in Ansätzen -, sie sind Archetypen zeichenhafte Repräsentanten von Haltungen und Prinzipien. Daher haben viele Figuren hier auch gar keine Namen. Man vermisst sie nicht.

In seinen Mitteln ist Malick ganz frei, er erlaubt sich alles. Ein meditativer Stil, der auf eindeutige Handlung, übersichtliche Chronologie, fixierte Dialoge und andere Üblichkeiten des Mainstream-Erzählkinos komplett verzichtet - der eher wirkt wie ein verfilmter Bewusstseinsstrom, ein Film, der selbst ein Experiment ist mit sich und den Beteiligten, ein Angebot an den Zuschauer auf das man sich einlassen kann, aber nie muss - dafür ist er immer offen genug, nie autoritär.

Es geht um Versuchung und Verführung

Malick arbeitet mit Andeutungen, mit einer Fülle von Bildern, Zitaten und Motiven aus der Kulturgeschichte und den Mythologien der Welt - vom Chinesischen Horoskop bis zum Tarot-Kartenspiel.
Dies ist ein unglaublich reichhaltiger, beziehungs- und anspielungsreicher Film. Dazu kommt, dass der Film in der Musikszene spielt, vor allem der des US-Pop von Austin Texas, und unter Topstars der Szene. Deswegen bettet "Song to Song" sein Geschehen und seine Figuren ein in die wieder beiläufige Begegnung mit Pop-Star wie Iggy Pop und Patti Smith.

Dabei ist dieser Film über Versuchung und Verführung selbst äußerst verführerisch - Malicks erotischster Film. Malick ist wunderbares Kino geglückt: poetisch und schwerelos.


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