Bitte warten...

Zum Tod des israelischen Schriftstellers Amos Oz: Autor und Friedensstifter

Interview mit Christian Gampert

Amos Oz war der vielleicht wichtigste Chronist Israels. In Werk und Leben des im Alter von 79 Jahren verstorbenen Schriftstellers spiegele sich die gesamte israelische Geschichte, so SWR2-Literaturkritiker Christian Gampert in einer persönlichen Würdigung. Das gelte insbesondere für den Willen des Autors zu Friede und Verständigung.

Amos Oz - Wandel der Geschichte und der Persönlichkeit

Mit seinem autobiografischen Roman "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" habe Amos Oz die gesamte Geschichte Israels aufgespannt, der Vormandatszeit, der Staatsgründung und der Konflikte mit den arabischen Nachbarn, so Christian Gampert.

Glaubwürdig habe Amos Oz dabei insbesondere geschildert, wie auch er selbst sich im Laufe dieser Zeit gewandelt habe, von einem Juden, der die Araber gehasst und Steine auf die englischen Kolonialverwalter geworfen habe, zu einem kompromissbereiten Versöhner und Friedensstifter.

1/1

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Das Leben von Amos Oz

In Detailansicht öffnen

Amos (Amir Tessler) wächst in den 1940er-Jahren in Jerusalem auf, wo die aus Europa vertriebenen Juden auf einen israelischen Staat hoffen, der ihre rechtmäßige Heimat werden soll.

Amos (Amir Tessler) wächst in den 1940er-Jahren in Jerusalem auf, wo die aus Europa vertriebenen Juden auf einen israelischen Staat hoffen, der ihre rechtmäßige Heimat werden soll.

Arieh (Gilad Kahana), Amos (Amir Tessler) und Fania (Natalie Portman) (v.l.n.r.) beim Picknick

Der Bibliothekar hat gerade sein erstes Buch über hebräische Literatur veröffentlicht und hält seinem zehnjährigen Sohn gern Vorträge über Sprachwissenschaft.

Die schönsten Geschichten erzählt aber seine Mutter. Geschichten von früher, von ihrer Familie und ihrem Zuhause in Polen, aber auch Gleichnisse. Arieh, der Akademiker, nimmt sie nicht ernst.

Doch der einfühlsame Amos ist fasziniert, gerade weil er oft nicht weiß, ob Fanias Geschichten wahr sind und was sie bedeuten.

Und wenn er einmal groß ist, möchte Amos Landwirt werden, in einem Kibbuz mithelfen und die neue Heimat aufbauen - wie die Pioniere, die seine Mutter so bewundert.

Arieh (Gilad Kahana), Fania (Natalie Portman), Amos (Amir Tessler) (v.l.n.r.) bei der israelischen Unabhängigkeitserklärung

Der Alltag wird ihr zur Last. Ihr einziger Sohn Amos ist das Licht in ihrem zu engen Leben.

Doch auch Amos kann seine Mutter nicht vor der Finsternis bewahren, die sie umfängt: Fania wird immer schwermütiger und teilnahmsloser. Kein Arzt kann helfen.

Welche Zukunft hat Amos, wenn seine geliebte Mutter ihm keine Geschichten mehr erzählt?

In seinem autobiografischen Bestseller blickt Amos Oz (im Bild) auf seine Jugend zurück, auf die Entstehung eines neuen Staates, vor allem aber auf das Schicksal seiner Eltern, das ihn ein Leben lang beschäftigen wird.

Natalie Portman, die in Jerusalem geboren ist, wollte das Buch verfilmen: "Es ist sehr bewegend, wunderschön geschrieben, und viele seiner Familiengeschichten kamen mir bekannt vor. Ich hatte selbst zahlreiche Anekdoten über meine Großeltern gehört, von ihrer Liebe zu Büchern, Wissen, Sprache, Europa und Israel. Alles wirkte vertraut, deshalb wollte ich tiefer in diese Geschichte eintauchen." Bei ihrem Regiedebüt spielt sie selbst die Rolle der Fania.

"Wenn ich nach Deutschland komme, dann schlafe ich schlecht"

Als Heimatloser - denn so habe sich Amos Oz empfunden - habe er seine eigentliche Heimat schließlich in der Literatur gefunden, meint Christian Gampert. So habe Amos Oz schließlich auch die deutsche Literatur für sich wiederentdeckt.

Wenn er nach Deutschland komme, dann schlafe er schlecht - so zitiert Gampert einen Ausspruch des Schriftstellers während seiner Vorlesungen bei der Tübinger Poetik-Dozentur. Die deutsche Literatur jedoch habe ihm viel über das Leben beigebracht.

Amos Oz: ein realistischer Friedensstifter

Als Anhänger und wichtige Stimme der israelischen Friedensbewegung habe Amos Oz keine naiven Überzeugungen gehegt. Verständigung und Kompromisse mit den Palästinensern habe er realistisch als unverzichtbaren Teil der israelischen Sicherheit begriffen.

Wenig andere Menschen hätten so in sich geruht wie Amos Oz, meint Christian Gampert. Spontaneität und Humor hätten ihn ausgezeichnet. "Ich weiß niemanden, den man sich zum Vorbild nehmen könnte, wenn nicht ihn."

Weitere Themen in SWR2