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Schorsch Kamerun von "Die Goldenen Zitronen" Punker sein wär' lächerlich

Interview mit Regisseur Schorsch Kamerun

Schorsch Kamerun inszeniert in Stuttgart seine eigene Version vom Sommernachtstraum. Die Welt ist ziemlich kompliziert geworden, findet der Regisseur und Sänger der Punkband "Die Goldenen Zitronen": St. Pauli ist auf einmal bürgerlich, seltsam. Davos mag man eigentlich nicht - was aber, wenn ein Trump dorthin kommt? In dieser komplizierten Welt, meint Kamerun, wäre eine Punkerexistenz lächerlich.

Im psychedelischen Maschinenklangländle

Am Schauspiel Stuttgart bringt Schorsch Kamerun Ende Februar seine eigene Shakespeare-Adaption "Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley" heraus und will dafür Shakespeares Zauberwald in ein "psychedelisches Maschinenklangländle" verwandeln. Persiflieren will er Hightech und Highspeed, die Werbeformeln für das grüne Musterland. Grünes Wachstum, geht das überhaupt? Kamerun glaubt das nicht.

Vom Punker zum Blümchen-Punker - und dann zur nächsten Verwandlung. Geht es Kamerun einfach darum, irgendwie dagegen zu sein? "So per se kann's das nicht sein", meint Kamerun. "Ich halte das auch als Lebensentwurf für schrecklich anstrengend."

Anti-Handwerk und Eskapismus

Trotzdem, Kamerun mag den Begriff des "Anti-Handwerks" - und sei darin auch "professionell". Sein Musikwunsch am SWR2 Samstagnachmittag: "Wir verlassen die Erde" von seiner eigenen Band, den "Goldenen Zitronen": Eskapismus - einfach mal etwas tun, was man eigentlich nicht dürfe.


Bürgerlich geworden, ohne es sein zu wollen?

Auf der einen Seite Sponti, auf der anderen Seite im Staatsschauspiel angekommen. Liebäugelt Schorsch Kamerun mit dem "bürgerlichen Leben"? Das nicht, meint der Sänger und Regisseur. Aber vielleicht habe er in Stuttgart ein bürgerliches Publikum, führe sogar ein bürgerliches Leben. "Auf St. Pauli wohnen - sicherer geht's fast nicht."

Die Reeperbahn sei mittlerweile ein Bustouristen-Ziel. In den 80er Jahren sei Hamburg der ärmste Stadtteil Westeuropas gewesen. "Die Dinge haben sich um 180 Grad gedreht. Ich wohne da mittlerweile nur noch, weil ich es mir leisten kann."

Schorsch Kamerun spielt mit seiner Band "Die goldenen Zitronen" im Juli 2017 in Hamburg bei einer Demonstration gegen den G20-Gipfel.

Schorsch Kamerun spielt mit seiner Band "Die goldenen Zitronen" im Juli 2017 in Hamburg bei einer Demonstration gegen den G20-Gipfel. St. Pauli, sagt er, sei heute ein bürgerliches Stadtviertel.

Punk ist heute eigentlich Dschungel-Camp

"Eine punkige Geste gehört heute eigentlich zu Dschungel-Camp", meint Kamerun nachdenklich. "Das ist irgendwie Schrott und Trash." Was heißt es heute dann eigentlich noch, links zu sein, anti-bürgerlich? Kamerun meint. eine kritische Haltung zu haben, skeptisch zu bleiben.

"Der Feind sitzt mehr im Inneren"

Die Feinbilder jedenfalls seien nicht weggerutscht. "Plötzlich erleben wir überall wieder autoritäre Systeme". Nur seien die Probleme komplexer geworden. "Der Feind sitzt mehr im Inneren, wie man sagt - ist man teilweise selbst in der eigenen Befindlichkeit. Da sind wir natürlich einfacher aufgewachsen. Deswegen: Heute Punker zu sein, wäre vollkommen lächerlich."

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