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Die Sammlung Hahnloser im Kunstmuseum Bern Bilderschätze von Van Gogh bis Giacometti

Kulturthema am 11.8.2017 von Johannes Halder

Van Gogh und Cézanne, Bonnard, Matisse und Renoir, Hodler oder Giacometti – bis vor drei Jahren beherbergte die "Villa Flora" im Schweizerischen Winterthur eine großartige Privatsammlung mit Schlüsselwerken des französischen Postimpressionismus und der Schweizer Avantgarde. Der Augenarzt Arthur Hahnloser und seine Frau hatten diese Bilderschätze in den Jahren zwischen 1906 und 1936 zusammengetragen. 2014 musste die "Villa Flora", das Museum am ehemaligen Wohnsitz des Sammlerpaars, schließen.

Im Kunstmuseum Bern hat die Sammlung Hahnloser jetzt eine neue Bleibe gefunden, zumindest für die nächsten fünf, sechs Jahre. Die schönsten Säle hat man eigens dafür leergeräumt, und fast beiläufig reiht sich hier nun Meisterwerk an Meisterwerk. Ein "Sämann" von van Gogh zum Beispiel, ein Bergmassiv von Ferdinand Hodler, ganze Serien von Stillleben und Boudoir-Szenen von Pierre Bonnard.

Es war so etwas wie das Wunder von Winterthur. Der Augenarzt Arthur Hahnloser und seine Frau Hedy, beide aus Familien, die ihr Vermögen in der Textilindustrie gemacht hatten, bauten in den Jahren von 1906 bis 1936 ihr Wohnhaus zu einem Zentrum der zeitgenössischen Kunst aus: die "Villa Flora".

Angeregt durch einen Schweizer Maler, pflegte das Paar persönliche Kontakte und Freundschaften zu Künstlern in Paris wie Vallotton, Bonnard und Matisse und spürte so noch früh die besten Bilder auf, bevor die Preise explodierten. Das Haus war vollgestopft mit Bildern, selbst über der Badewanne und der Heizung hingen die Gemälde.

Für Hedy Hahnloser-Bühler war Kunst eine Lebenshaltung, die sie in ihrer Villa mit geradezu missionarischem Eifer propagierte. Und das hieß, sagt Nina Zimmer, die Direktorin des Kunstmuseums Bern, "dass das Haus gesamthaft gestaltet wurde, dass die Kunstsammlung da wirklich genau zu passte, dass der Garten auch eine wichtige Rolle spielte in dem Gesamtensemble. Und die gesellschaftlichen Ereignisse, die Zusammenkünfte, die Soireen und die berühmten Kaffeetreffen natürlich".

Meisterwerk hängt neben Meisterwerk

"Revolutionskaffee" nannte man die Runden, eine Radikalität, die sich darin beschied, gegen die damalige deutsche Dominanz der Schweizer Kunstszene die französische Avantgarde ins Feld zu führen.

Nun also ist die famose Kollektion ins Kunstmuseum Bern gezogen, eigentlich ein eher kleines Haus. Doch es ist kein Gnadenasyl, das man den Bildern bietet, sondern ein grandioser Empfang. Die schönsten Säle hat man eigens dafür leergeräumt, und fast beiläufig reiht sich hier nun Meisterwerk an Meisterwerk.

Ein "Sämann" von van Gogh zum Beispiel, ein Bergmassiv von Ferdinand Hodler, ganze Serien von Stillleben und Boudoir-Szenen von Pierre Bonnard, und als Paradestück Félix Vallotons "Die Weiße und die Schwarze" von 1913. Die weiße Herrin liegt nackt auf ihrem Diwan, ihre schwarze Dienerin sitzt wie eine Komplizin am Fußende und raucht eine Zigarette, eine freche Umkehrung der Verhältnisse und eine Anspielung auf Manets "Olympia". Das alles wirkt hier sehr intim, persönlich und familiär.

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Kunstmuseum Bern vom 11.08.2017 – 11.03.2018

Van Gogh bis Cézanne, Bonnard bis Matisse

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Die "Villa Flora" im Schweizerischen Winterthur. Hier trugen der Augenarzt Arthur Hahnloser und seine Frau ihre große Sammlung mit Schlüsselwerken des französischen Postimpressionismus und der Schweizer Avantgarde zusammen.

Henri-Charles Manguin: „La Flora, Winterthur“, 1912
Öl auf Leinwand, 76 x 96 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich
© 2017 ProLitteris, Zürich

Die "Villa Flora" im Schweizerischen Winterthur. Hier trugen der Augenarzt Arthur Hahnloser und seine Frau ihre große Sammlung mit Schlüsselwerken des französischen Postimpressionismus und der Schweizer Avantgarde zusammen.

Henri-Charles Manguin: „La Flora, Winterthur“, 1912
Öl auf Leinwand, 76 x 96 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich
© 2017 ProLitteris, Zürich

2014 musste die das Museum am ehemaligen Wohnsitz des Sammlerpaars schließen. Im Kunstmuseum Bern hat die Sammlung nun für die nächsten Jahre eine neue Bleibe gefunden.

Paul Cézanne: Plaine provençale, 1883–1885
Öl auf Leinwand, 58,5 x 81 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich

Sammeln und Einstehen für die Kunst ihrer Zeit, im privaten wie öffentlichen Sinn – «vivre notre temps» – nach diesem Credo lebte das Ehepaar Hahnloser.

Pierre Bonnard: Le débarcadère (ou L’embarcadère) de Cannes, 1934
Öl auf Leinwand, 43,5 x 56,5 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich
© 2017 ProLitteris, Zürich

Beide pflegten enge Freundschaften mit Künstlern wie Vallotton, Bonnard oder Matisse, erwarben ihre Kunst und vermittelten sie an Sammler aus dem Freundeskreis und der eigenen Verwandtschaft.

Pierre Bonnard: Effet de glace ou Le tub, 1909
Öl auf Leinwand, 73 x 84,5 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich
© 2017 ProLitteris, Zürich

Arthur Hahnloser engagierte sich im Vorstand des Kunstvereins Winterthur und Hedy Hahnloser-Bühler lud wöchentlich zum Kunstgespräch bei schwarzem Kaffee in die Villa Flora ein – bald bekannt als «Revolutionskaffee». 

Pierre Bonnard: Palais de Glace (Les Patineurs), 1896–1898
Öl auf Karton,100 x 75 cm
Privatsammlung
© 2017 ProLitteris, Zürich

Die Sammlung umfasst rund 300 Werke - Gemälde und Plastiken sowie zahlreiche Aquarelle, Zeichnungen und Grafiken.

Ferdinand Hodler: Das Jungfraumassiv von Mürren aus, 1911
Öl auf Leinwand, 72 x 91 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich

"Ein Höhepunkt im Besitz der Hahnloser/Jaeggli Stiftung ist sicherlich van Goghs Sämann (1888), ein Bild, das sich durch seine markante Ackerfläche, den eher kleinen Sämann sowie einen verschwindend schmalen Horizontstreifen auszeichnet: Die locker, aber gezielt gesetzten Pinselstriche in unterschiedlichsten Farben verdichten sich, strukturieren und weiten das Ackerfeld ungeahnt kraftvoll. Gemäss van Gogh sollten sich uns die Bilder symbolisch erschliessen, allein durch die Farbe. Den Sämann verstand er als Metapher seiner selbst und seine Bilder als «Saat, die in das Feld der öffentlichen Meinung gesät wird»." Auszug aus dem Ausstellungsführer des Kunstmuseums Bern

Vincent van Gogh: Le semeur, 1888
Öl auf Leinwand, 72 x 91,5 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich

In Félix Vallotons "Die Weiße und die Schwarze" von 1913 liegt die weiße Herrin nackt auf ihrem Diwan, ihre schwarze Dienerin sitzt wie eine Komplizin am Fußende und raucht eine Zigarette, eine freche Umkehrung der Verhältnisse und eine Anspielung auf Manets "Olympia".

Félix Vallotton: La Blanche et la Noire, 1913
Öl auf Leinwand, 114 x 147 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich

"Eine vergleichbare, bewusst angelegte Ambivalenz findet sich in dem Porträt Le chapeau violet (1907): Einerseits wird die Erotik der sich an- oder auskleidenden Frau durch starke Farbkontraste und den ausladenden Federhut gesteigert, andererseits blickt die Porträtierte ziemlich ernst und ihre Pose scheint eher erzwungen als freizügig. Wohl spielt Vallotton damit auch auf die seit dem 18. Jahrhundert beliebten Boudoir-Szenen mit voyeuristischen Darstellungen von Frauen beim Umziehen an." Auszug aus dem Ausstellungsführer des Kunstmuseums Bern

Félix Vallotton: Le chapeau violet, 1907
Öl auf Leinwand, 81 x 65,5 cm
Dauerleihgabe aus Privatbesitz, ehemalige Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich

Auch Landschaftsbilder von Vallotton sind in der Sammlung vertreten. Sie zeichnen sich durch ihre atmosphärische Dichte aus.

Félix Vallotton: La charette, 1911
Öl auf Leinwand, 101 x 74 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich

Vallotton war einer der engsten Freunde von Arthur und Hedy Hahnloser. Von ihm stammen auch mehrere Bildnisse des Ehepaars.

Félix Vallotton: Le docteur Hahnloser, 1909
je Öl auf Leinwand, 81 x 62,5 cm / 80 x 62,3 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich

Wie eine Hommage an den Weitblick der Sammlerin und Kunstschriftstellerin Hedy Hahnloser-Bühler runden mehrere Porträtbüsten die Sammlung ab, etwa jene von Mario Marini.

In der Ausstellung "Die Sehnsucht lässt alle Dinge blühen … Van Gogh bis Cézanne, Bonnard bis Matisse." sind Bilder der Sammlung Hahnloser noch bis zum 11. März 2018 im Kunstmuseum Bern zu sehen.

Marino Marini: Ritratto di Madame Hahnloser, 1944
Bronze, 34 x 18 x 23.5 cm
Dauerleihgabe, Hahnloser/Jaeggli Stiftung,
Kunstmuseum Bern
Fotografie: Reto Pedrini, Zürich
© 2017 ProLitteris, Zürich

Die Schau vermittelt eine Ahnung vom Zauber der damaligen Zeit

Ganz hinten gibt es einen Saal mit grün-weiß gemusterter Tapete, den die Sammlerin für ihre Villa selbst entworfen hatte, darin stehen auch ein Sessel und ein Tischchen mit buntem Kinderspielzeug. Die Schau vermittelt damit eine Ahnung vom originalen Ambiente und vom Zauber dieser Zeit. Dass dazwischen auch einmal ein Weltkrieg tobte und ein weiterer im Anmarsch war, kann man in diesem Idyll glatt vergessen. Man war ja in der Schweiz.

Wenn alles gut geht, werden die Bilder in ein paar Jahren nach Winterthur zurückkehren, die Villa wird renoviert, die Trägerschaft soll neu geregelt werden. Bis dahin profitiert das Kunstmuseum Bern vom Ruhm der Sammlung und revanchiert sich auf seine Weise, wie Direktorin Nina Zimmer erklärt: "Wir werden dafür sorgen, dass die Bilder – perfekt klimatisiert, restauriert, gepflegt, erforscht – dann ihr neues Domizil einnehmen können". Und dann wird es vielleicht noch einmal wahr, das Wunder von Winterthur.

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